Ein Modell nach den archäologischen Funden – und der Bericht von Josua 6
„Und die Mauer fiel in sich zusammen“
Inhalt
- „Und die Mauer fiel in sich zusammen“
- 1Wie die Mauer gebaut war
- 2Die Ausgrabungen und der Streit um das Datum
- 3Die Übereinstimmung mit Josua 6
- 4Rahabs Haus an der Mauer
- Gericht und Rettung
Keine Eroberung des Alten Testaments ist so bekannt wie die erste: Jericho, die Stadt, deren Mauern fielen, als Israel um sie herzog und die Priester in die Widderhörner stießen (Josua 6). Über kaum einen anderen Ort ist so viel gegraben und gestritten worden. Dieses Modell zeigt, wie die Mauer nach den archäologischen Funden aufgebaut war – und was bei ihrer Zerstörung geschah.

Das Modell der Stadtmauer Jerichos (Gesamthöhe ca. 14 m, Fußbreite ca. 20 m; Darstellung gemäß archäologischen Funden).
Das Modell steht bewusst unter der Karte der zwölf Stämme im Land Kanaan: Mit dem Fall Jerichos begann die Einnahme des Landes. Die linke Seite zeigt die Mauer noch aufrecht, mit einem Turm; die rechte Seite zeigt, wie sie zusammenbrach – ein Berg aus roten Lehmziegeln.
1Wie die Mauer gebaut war
Die Befestigung Jerichos war keine einfache Mauer, sondern eine gewaltige, mehrteilige Anlage – typisch für die stark befestigten Städte der Bronzezeit. Das Modell und der Querschnitt zeigen ihren Aufbau von unten nach oben:

Querschnitt durch die Mauer (nach A. Schick / H. Jordan): Stützmauer, Glacis, Erdwall und Lehmziegelmauer.
- Am Fuß eine steinerne Stützmauer (im Modell die graue Feldsteinmauer), die den Erdwall hielt.
- Darüber ein hoher Erdwall aus aufgeschüttetem Material, im Kern noch Schutt der älteren (frühbronzezeitlichen) Stadt.
- Über den Wall gezogen eine glatte, verputzte Böschung (Glacis) – im Modell die weiße Fläche –, die Angreifer nicht erklimmen konnten.
- Ganz oben schließlich die eigentliche Lehmziegelmauer (im Modell die rote Ziegelmauer mit dem Turm).
Insgesamt war die Anlage etwa 14 Meter hoch und am Fuß 20 Meter breit. Wer vor dieser Böschung stand, blickte an einer glatten, turmhohen Schräge empor – ein Bollwerk, das mit menschlichen Mitteln kaum zu bezwingen war. Genau das unterstreicht, was der Bericht von Josua 6 erzählt: Nicht Sturmleitern und Rammböcke brachten die Mauer zu Fall, sondern Gottes Eingreifen.
QUELLEN
- Querschnitt nachgezeichnet nach A. Schick, „Keine Posaunen vor Jericho?“ (Abb. H. Jordan).
2Die Ausgrabungen und der Streit um das Datum
Jericho (Tell es-Sultan) ist einer der am häufigsten ausgegrabenen Orte der Welt. Ernst Sellin und Carl Watzinger (1907–1909), dann John Garstang (1930–1936) und später Kathleen Kenyon (1952–1958) legten die mächtigen Befestigungen frei. Alle fanden dasselbe eindrückliche Bild: eine stark befestigte Stadt, die durch ein gewaltiges Feuer zerstört wurde – eine bis zu einen Meter dicke Brand- und Schuttschicht, verkohlte Balken, rot und schwarz verbrannte Wände.
Umstritten ist nicht ob, sondern wann diese Zerstörung geschah. Garstang datierte sie auf etwa 1400 v. Chr. und sah darin die Eroberung durch Josua. Kenyon dagegen kam auf etwa 1550 v. Chr. – dann wäre die Stadt lange vor Josua zerstört gewesen. Ihr Hauptargument war ein Fehlen: Sie fand keine importierte zyprische Keramik, die man für diese Zeit erwartet hätte.
BRYANT WOODS NEUBEWERTUNG
In den Jahren 1985–1990 prüfte der Archäologe Bryant Wood Kenyons eigene Funde noch einmal. Er zeigte, dass die einheimische Keramik der Zerstörungsschicht in das ausgehende 15. Jahrhundert (um 1400 v. Chr.) gehört – genau in die Zeit, in die die Bibel den Einzug ins Land setzt. Dazu kommen weitere Hinweise: eine lückenlose Reihe ägyptischer Skarabäen in den Gräbern bis ins 14. Jahrhundert, und eine Radiokohlenstoff-Probe aus der Brandschicht, die auf etwa 1410 v. Chr. wies.
Ein Teil der Fachwelt hält an Kenyons früherem Datum fest; eine jüngere italienisch-palästinensische Grabung (unter N. Marchetti und L. Nigro) bestätigte teils ihre Einordnung, fand aber ebenfalls spätbronzezeitliches Material in Gräbern. Für die hier vertretene Sicht – und für die biblische Frühdatierung des Auszugs (1. Könige 6,1) – spricht vor allem, wie genau der Befund insgesamt zum Bericht von Josua 6 passt.
QUELLEN
- Grabungsgeschichte und Datierungsdebatte nach: Randall Price / H. W. House, „Zondervan Handbook of Biblical Archaeology“; R. Price, „The Stones Cry Out“; B. Wood, Biblical Archaeology Review 16/2 (1990).
- Bibelbezug zur Chronologie: 1. Könige 6,1 (480 Jahre vom Auszug bis zu Salomos Tempelbau → Auszug um 1446, Einzug um 1406 v. Chr.).
3Die Übereinstimmung mit Josua 6
Legt man den Befund und den biblischen Bericht nebeneinander, ergibt sich eine bemerkenswerte Reihe von Übereinstimmungen:
- Jericho war eine stark befestigte Stadt (Josua 2,5-7.15).
- Sie wurde durch Feuer völlig zerstört (Josua 6,24) – die dicke Brandschicht bezeugt es.
- Die Mauern stürzten ein (Josua 6,20), möglicherweise durch ein Erdbeben.
- Die Zerstörung fiel in die Erntezeit im Frühjahr – man fand volle Getreidevorräte (Josua 3,15; 5,10).
- Die Belagerung war kurz: Das gelagerte Getreide war nicht aufgezehrt (Josua 6,15.20).
- Das Getreide wurde nicht geplündert – höchst ungewöhnlich, aber genau so hatte Gott es geboten (Josua 6,17-18).
- Danach lag die Stadt lange verlassen – wie es Josuas Fluch aussprach (Josua 6,26).

Der rote Schutt der eingestürzten Lehmziegelmauer – im Modell die „Rampe“, über die man in die Stadt gelangte.
Besonders eindrücklich ist der letzte Punkt, den das Modell sichtbar macht. Bei den Grabungen zeigte sich, dass die Lehmziegelmauer nach außen zusammenfiel und sich am Fuß der steinernen Stützmauer zu einem Schutthaufen türmte. Dieser Haufen bildete eine regelrechte Rampe – und genau das berichtet die Bibel: „Und das Volk stieg in die Stadt hinauf, ein jeder gerade vor sich hin“ (Josua 6,20). Statt Leitern anzulegen, konnten die Israeliten über die eingestürzte Mauer hinaufsteigen. Der rote Schutt auf der rechten Seite des Modells stellt genau diese gefallene Mauer dar.
QUELLEN
- Übereinstimmungen nach B. Wood; zusammengefasst in „Zondervan Handbook of Biblical Archaeology“ und „The Stones Cry Out“.
- Bibelbezug: Josua 2,5-7.15; 3,15; 5,10; 6,15-26.
4Rahabs Haus an der Mauer
Ein Haus blieb verschont. Die Kundschafter Israels waren bei Rahab untergekommen, deren Haus – so die Bibel – an der Stadtmauer lag: „ihr Haus war an der Stadtmauer, und sie wohnte an der Mauer“ (Josua 2,15). Genau eine solche Bauweise fanden die Ausgräber: An der Böschung zwischen der unteren Stützmauer und der oberen Stadtmauer lehnten Wohnhäuser. In einem davon könnte Rahab gelebt haben.
Weil sie die Kundschafter versteckt und sich zum Gott Israels bekannt hatte, wurde Rahab mit ihrer Familie gerettet – als Zeichen hängte sie die scharlachrote Schnur aus dem Fenster (Josua 2,18; 6,22-25). Das Neue Testament nennt sie zweimal als Vorbild des Glaubens (Hebräer 11,31; Jakobus 2,25); im Stammbaum Jesu erscheint sie sogar als eine seiner Vorfahrinnen (Matthäus 1,5). Mitten im Gericht über die Stadt steht so eine Geschichte der Rettung.
Gericht und Rettung
Der Streit um das genaue Datum wird weitergehen; er betrifft die Deutung der Funde, nicht die Funde selbst. Unbestritten ist: In Jericho stand eine mächtig befestigte Stadt, sie wurde in einem gewaltigen Feuer zerstört, ihre Mauern stürzten ein, und die vollen Kornkammern blieben ungeplündert zurück. Ob man diese Zerstörung mit Kenyon früher oder mit Wood um 1400 v. Chr. ansetzt – das Bild, das die Steine zeichnen, ist genau das Bild von Josua 6.
Das Modell hält beides fest: das Gericht – die zusammengestürzte, verbrannte Mauer – und, in Rahabs Haus, die Rettung. Damit steht die kleine Nachbildung für die Botschaft der ganzen Vitrine ringsum: Gott handelt in der wirklichen Geschichte, und wer sich ihm anvertraut, findet Rettung. Über der Karte, unter der das Modell steht, hängt darum das Wort aus 5. Mose 28 von Segen und Fluch – die beiden Wege, die sich schon an den Mauern Jerichos entschieden.
Durch Glauben fielen die Mauern von Jericho, nachdem man sieben Tage um sie herumgezogen war. Durch Glauben kam Rahab, die Hure, nicht mit den Ungehorsamen um
Hebräer 11,30-31
Quellen
- Archäologie/Literatur: A. Schick, „Keine Posaunen vor Jericho?“ (Abb. H. Jordan; Grabungsfotos J. Gerloff); R. Price / H. W. House, „Zondervan Handbook of Biblical Archaeology“; R. Price, „The Stones Cry Out“; B. Wood (BAR 1990). Grabungen: Sellin/Watzinger, Garstang, Kenyon, Marchetti/Nigro.
- Bibelzitate: nach der Schlachter-Übersetzung 2000 (Josua 2; 3; 5; 6; 5. Mose 28; 1. Könige 6,1; Hebräer 11,30-31; Jakobus 2,25; Matthäus 1,5).
- Weiterführend: Dokumentationen „Das Klagelied des Ipuwer“ und „Israel in Ägypten“ (zur Chronologie des Auszugs).
