Das „500-Ellen-Quadrat“

Jerusalem-Modell

Das „500-Ellen-Quadrat“

Nicht immer war die Tempelanlage Jerusalems so groß wie in der Zeit des Neuen Testaments. In seinem Kern verbarg das herodeanische Tempelareal eine ältere, quadratische Plattform: fünfhundert mal fünfhundert Ellen groß. Dieses Maß hält die Mischna ausdrücklich fest: „Der Tempelberg maß fünfhundert Ellen auf fünfhundert Ellen“ (Middot 2,1).1 Der Architekt Leen Ritmeyer rekonstruierte die Lage dieses 500-Ellen-Quadrats auf dem heutigen Tempelberg anhand mehrerer archäologischer Auffälligkeiten. Ritmeyer geht davon aus, dass dieses Quadrat in der Königszeit angelegt wurde, unter König Hiskia (um 700 v. Chr.).2 Herodes erweiterte den Platz später weit nach Norden, Westen und Süden – doch das alte Quadrat blieb sein Herzstück.3

Der Berg Morija, der sich unter dieser aufgeschütteten quadratischen Ebene verbirgt, hat eine lange Geschichte. Vermutlich war dies genau der Ort, an dem Abraham einst seinen Sohn Isaak opfern sollte (1. Mose 22,2). Hier kaufte David die Tenne des Jebusiters Arauna und baute einen Altar (2. Samuel 24,18–25); und hier errichtete Salomo den Tempel (2. Chronik 3,1).

Der nackte Fels unter dem heutigen Felsendom (die „es-Sachra“) ist der einstige Gipfel des Berges Morija. Leen Ritmeyer hat diesen als das Allerheiligste des Tempels identifiziert.4

Längs der Ostseite dieses Quadrats lief eine Säulenhalle von 262,5 Metern Länge – 500 Ellen eben. Gemäß Ritmeyers Rekonstruktion wurde die östliche Mauerlinie seit dem salomonischen Tempel nie verschoben – das steile Kidrontal dahinter ließ es nicht zu. Darum trug sie, obwohl nicht aus Salomos Zeit stammend, seinen Namen: die „Halle Salomos“.5 Hier ging Jesus am Tempelweihfest umher (Johannes 10,23); hierher lief das Volk zusammen, als Petrus den Gelähmten geheilt hatte (Apostelgeschichte 3,11); und hier kam die junge Gemeinde regelmäßig zusammen (Apostelgeschichte 5,12).

Fußnoten

  1. Vgl. L. Ritmeyer, „The Temple Mount during the Time of King Hezekiah“ (BAR); zugrunde liegt die Königselle von ca. 52,5 cm.
  2. L. Ritmeyer (Biblical Archaeology Review); nach H. Shanks halten „die meisten Forscher“ die Identifikation für zutreffend.
  3. Roger Liebi, Der Messias im Tempel, CLV 2021, S. 160–173.
  4. Zur Deutung der es-Sachra als Standort des Allerheiligsten vgl. L. Ritmeyer, The Quest (2006), S. 263–268. Eine ältere/konkurrierende Deutung sieht dort den Brandopferaltar (so A. Kaufman); rabbinische Quellen kennen beide Meinungen.
  5. Roger Liebi, Der Messias im Tempel, CLV 2021, S. 188 f.