Der Teich Siloah

Jerusalem-Modell

Der Teich Siloah

Am untersten Ende der Davidsstadt, dort wo der Tunnel Hiskias das Wasser des Gihon ans Tageslicht brachte, lag der Teich Siloah. Lange suchte man ihn an einem kleinen Becken am Ausgang des Tunnels. Doch 2004 stießen Arbeiter bei der Reparatur eines Abwasserrohrs wenige Meter weiter südlich auf Stufen – und legten einen gewaltigen, treppenförmig angelegten Teich aus der Zeit des zweiten Tempels frei: den Siloah-Teich aus der Zeit Jesu. Seit 2023 wird seine vollständige Freilegung vorangetrieben.1 Mit seinen breiten, umlaufenden Stufen könnte er als Tauchbad gedient haben. Hier könnten sich die Pilger gereinigt haben, ehe sie zum Tempel hinaufstiegen.2

Von der Nordseite des Teiches führte eine breite, gepflasterte Pilgerstraße – die „Stufenstraße“ – rund sechshundert Meter bergan zum Tempel. Auf ihr stiegen die Festpilger, nachdem sie sich gereinigt hatten, zum Heiligtum hinauf. Vermutlich sangen sie dabei die Wallfahrtslieder. Unter der Straße verlief ein sorgfältig gemauerter Abwasserkanal, in dem sich beim Fall Jerusalems 70 n. Chr. Aufständische verbargen.3

An diesen Teich sandte Jesus den Blindgeborenen: „Geh hin, wasche dich im Teich Siloah!“ Der Mann ging hin, wusch sich und kam sehend zurück (Johannes 9,7) – nicht ohne Grund fügt der Evangelist hinzu, dass „Siloah“ übersetzt „Gesandter“ heißt.

Aus diesem Teich wurde auch das Wasser für eine der schönsten Feiern des Jahres geschöpft. Am Laubhüttenfest ging Morgen für Morgen ein Priester mit einem goldenen Krug hinab zum Siloahteich und schöpfte „lebendiges Wasser“. Von einem festlichem Zug begleitet trug er es hinauf durch die Davidsstadt zum Tempel. Wenn die Prozession durch das südliche „Wassertor“ – das seinen Namen von eben diesem Brauch trägt – den Tempelvorhof erreichte, begrüßten Trompeten- und Schofarstöße den Priester. Dann wurde das Wasser am Altar ausgegossen – zusammen mit dem Wein, beide Güsse zugleich.4 Die Bedeutung, die die rabbinischen Quellen dem Wasserausgießen geben, ist eine Bitte um Regen: Am Laubhüttenfest wird über den Regen des kommenden Jahres „gerichtet“, darum fleht man mit der Wasserspende um Regen zur rechten Zeit.5

Am letzten, großen Tag dieses Festes aber trat Jesus auf und rief: „Wenn jemand dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, … aus seinem Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Johannes 7,37–38). Dies sagte er von dem Geist, den die an ihn Glaubenden empfangen sollten (Johannes 7,39). Das lebendige Wasser, das einst aus dem Gihon in den Siloah floss, ist so zu einem Bild des Geistes geworden, den Christus den Seinen gibt.

Fußnoten

  1. 2004 von R. Reich und E. Schukron am Südende der Davidsstadt entdeckt (ca. 55 × 50 m, Zweite-Tempel-Zeit); seit 2023 Vollgrabung durch die Israelische Altertumsbehörde (N. Szanton). Vgl. City of David, „Siloam Pool“ (2026); biblearchaeology.org (2026).
  2. Die umlaufenden Stufen weisen den Teich als Tauchbad (Mikwe) aus (Reich/Schukron); Y. Elitzur deutet ihn als öffentliches Schwimmbecken. N. Szanton erwog 2023, das große Becken sei der von Josephus genannte „Salomonsteich“ und der Siloah-Teich von Johannes 9 das kleinere Becken am Tunnelausgang. Vgl. Wikipedia, „Stepped street“; Armstrong Institute (2023).
  3. Die gepflasterte Pilgerstraße (ca. 600 m, 8 m breit, am Südende bis 30 m) wurde ausweislich der jüngsten Münze unter dem Pflaster (30/31 n. Chr.) unter Pontius Pilatus vollendet. Vgl. Wikipedia, „Stepped street (Jerusalem)“ (2026); City of David (2026).
  4. Mischna, Sukka 4,9 (Wasserschöpf-Ritual am Laubhüttenfest) und Middot 2,6.
  5. Mischna Rosch ha-Schana 1,2 („am Laubhüttenfest wird über das Wasser gerichtet“), ausgelegt im Babylonischen Talmud, Rosch ha-Schana 16a. Vgl. Sukka 4,9–10; 5,1