
Ihre Bedeutung und ihre Erfüllung in Jesus Christus
Bibelzitate nach der Schlachter-Übersetzung 2000
1. Der Auftrag
Und du sollst deinem Bruder Aaron heilige Kleider machen zur Ehre und zum Schmuck.
2. Mose 28,2
Die griechische Übersetzung des Alten Testaments gibt „zur Ehre und zum Schmuck“ mit eis timēn kai doxan wieder. Genau diese beiden Wörter stehen im Hebräerbrief:1
Wir sehen aber Jesus … mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
Hebräer 2,9
Aaron trug seine Würde am Leib, Christus dagegen verkörpert sie. Die acht Kleidungsstücke – vier für alle Priester, vier allein für den Hohenpriester – zeigen im Bild, was er in Wahrheit ist.
Acht Bestandteile – zwei Gruppen
Die Amtstracht bestand aus acht Stücken. Die ersten vier trugen alle Priester; die letzten vier waren allein dem Hohenpriester vorbehalten.2
- Für alle Priester: der weiße Leibrock aus feinem Leinen, die leinenen Beinkleider, der Gürtel und der Kopfbund.
- Nur für den Hohenpriester: das Oberkleid aus blauem Purpur, das Ephod, das Brustschild und das goldene Stirnblatt.
Die Rabbinen nannten diese Amtstracht schlicht „die goldenen Kleider“ (bigdei zahav) – im Unterschied zu den weißen Leinenkleidern, die der Hohepriester nur am Großen Versöhnungstag trug.3 Diese beiden Garderoben – Gold und Weiß – erzählen zusammen die ganze Geschichte des Erlösers.
2. Der Leibrock: Reinheit
Zuunterst trug der Hohepriester einen Leibrock aus feinem weißen Leinen (2. Mose 28,39). Die Offenbarung deutet dieses Leinen selbst:
Die feine Leinwand ist die Gerechtigkeit der Heiligen.
Offenbarung 19,8
Aaron bekam die Reinheit angezogen. Christus brachte sie mit:
Denn ein solcher Hoherpriester war uns nötig: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern.
Hebräer 7,26
3. Der Gürtel: Dienst
Der Gürtel war aus Byssus, Purpur und Karmesin in Buntwirkerarbeit gefertigt (2. Mose 28,39; 39,29). Wer dient, gürtet sich (Lukas 12,37; Johannes 13,4). Wo der Gürtel saß, sagt das Alte Testament nicht – umso auffälliger, wie Johannes den Erhöhten sieht:
… bekleidet mit einem bis zu den Füßen reichenden Gewand und um die Brust gegürtet mit einem goldenen Gürtel.
Offenbarung 1,13
Das Wort für dieses Gewand (podērēs) steht im ganzen Neuen Testament nur hier; in der Septuaginta bezeichnet es die Kleidung Aarons.4 Die Gürtung um die Brust gilt der Offenbarung selbst als priesterlich: Auch die Engel aus dem himmlischen Tempel sind „um die Brust gegürtet mit goldenen Gürteln“ (Offenbarung 15,6). Der Erhöhte auf Patmos steht im Priesterdienst – und dieser Dienst gilt dem Herzen.
4. Das Oberkleid: Klang und Frucht
Am Saum des Obergewandes hingen abwechselnd goldene Schellen und Granatäpfel (2. Mose 28,31-34). Der Zweck ist genannt:
… damit man seinen Klang hört, wenn er hineingeht in das Heiligtum vor das Angesicht des HERRN, und wenn er hinausgeht.
2. Mose 28,35
Zwei Augenblicke, zwei Klänge: das Hineingehen und das Herausgehen. Der Hebräerbrief nennt beide:
Denn Christus ist nicht in ein von Händen gemachtes Heiligtum eingegangen … sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen.
Hebräer 9,24
… so wird auch der Christus … zum zweiten Mal denen erscheinen, die auf ihn warten, zum Heil.
Hebräer 9,28
Neben dem Klang hing die Frucht. Zeugnis und Frucht gehören zusammen: „Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt“ (Johannes 15,16).
Josephus berichtet, dieses Obergewand sei in einem Stück gewebt gewesen, ohne Naht.5 Dasselbe Merkmal fällt dem Evangelisten am Leibrock Jesu auf – die Soldaten zerteilten alles, nur dieses eine Kleid nicht:
Der Leibrock aber war ohne Naht, von oben an ganz gewebt.
Johannes 19,23
5. Das Ephod: Die Namen auf den Schultern
Auf den beiden Schulterstücken des Ephod saßen zwei Onyxsteine mit den Namen der zwölf Stämme, sechs und sechs (2. Mose 28,9-12):
Und Aaron soll ihre Namen auf seinen beiden Schultern vor dem HERRN tragen, zum Gedenken.
2. Mose 28,12
Die Schulter trägt. Vom Kommenden heißt es mit demselben Bild:
… und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Jesaja 9,5
Und der Hirte, der das Verlorene findet, „legt es auf seine Schultern voll Freude“ (Lukas 15,5). Es ist seine Kraft, die trägt.
6. Das Brustschild: Die Namen auf dem Herzen
Im Brustschild lagen zwölf Edelsteine, in jeden der Name eines Stammes graviert (2. Mose 28,17-21):
So soll Aaron die Namen der Söhne Israels auf dem Brustschild des Rechts auf seinem Herzen tragen, wenn er in das Heiligtum hineingeht, zum beständigen Gedenken vor dem HERRN.
2. Mose 28,29
Dieselben zwölf Namen zweimal: auf den Schultern und auf dem Herzen – Kraft und Liebe. Genau das tut Christus jetzt:
Daher kann er auch die vollkommen erretten, die durch ihn zu Gott kommen, weil er für immer lebt, um für sie einzutreten.
Hebräer 7,25
Und die Namen gehen nicht verloren: In der himmlischen Stadt stehen die Namen der zwölf Stämme Israels an den Toren geschrieben (Offenbarung 21,12). Was Christus auf dem Herzen trägt, kommt ans Ziel.
Urim und Tummim
In das Brustschild kamen die Urim und Tummim – „Lichter“ und „Vollkommenheiten“ (2. Mose 28,30); durch sie wurde Gottes Wille erfragt (4. Mose 27,21). Nach dem Exil besaß Israel sie nicht mehr (Esra 2,63).6 Was verloren war, ist in einer Person zurückgekehrt:
… in welchem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind.
Kolosser 2,3
7. Das Stirnblatt: Angenommen durch den Mittler
Auf dem Kopfbund saß ein Blatt aus reinem Gold mit der Gravur „Heilig dem HERRN“ (2. Mose 28,36-37). Sein Zweck ist erstaunlich:
Und es soll auf der Stirn Aarons sein, damit Aaron die Verschuldung trage in Bezug auf die heiligen Gaben, welche die Kinder Israels weihen … damit sie wohlgefällig seien vor dem HERRN.
2. Mose 28,38
Sogar an den heiligen Gaben klebte Schuld. Nicht der Geber machte sie wohlgefällig, sondern der Mittler. Petrus sagt es von uns mit denselben Worten:
… um geistliche Opfer darzubringen, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.
1. Petrus 2,5
8. Die weißen Kleider: Erniedrigung und Erhöhung
Einmal im Jahr legte der Hohepriester die Amtstracht ab. Am Versöhnungstag trug er schlichtes Leinen:
Er soll das heilige leinene Untergewand anziehen … das sind die heiligen Kleider.
3. Mose 16,4
Kein Gold, keine Edelsteine, keine Schellen. Nach vollbrachtem Werk legte er das Leinen ab, badete sich und zog seine Kleider wieder an, ehe er heraustrat (3. Mose 16,23-24).7 Zwei Garderoben – und dazwischen das Sühnewerk:
… er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an … erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott auch über alle Maßen erhöht.
Philipper 2,7-9
9. Der Priester auf dem Thron
In Israel war das Amt des Priesters unvereinbar mit dem Amt des Königs. Die Könige kamen aus dem Stamm Juda, Priester aus dem Stamm Levi. Wer beides beanspruchte, versündigte sich (2. Chronik 26,16-21). Sacharja aber soll dem Hohenpriester eine Krone aufsetzen:
… er wird den Tempel des HERRN bauen … und wird auf seinem Thron sitzen und herrschen; er wird auch Priester sein auf seinem Thron.
Sacharja 6,12-13
Der Hebräerbrief nennt die Ordnung, in der das möglich ist – nicht die Aarons, sondern die Melchisedeks, des Königs von Salem, der zugleich Priester war (1. Mose 14,18):
Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.
Hebräer 5,6; Psalm 110,4
Aarons Amt endete mit dem Tod; darum brauchte es immer neue Hohepriester (Hebräer 7,23). Christus bleibt in Ewigkeit; sein Priestertum ist unübertragbar (Hebräer 7,24).
10. Der Zugang
Der Hebräerbrief zieht aus der Betrachtung der Hohepriesterschaft Jesu als Folgerung eine Einladung:
Da wir nun einen großen Hohenpriester haben … so lasst uns mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!
Hebräer 4,14.16
Der Vorhang ist zerrissen (Matthäus 27,51), der Weg ist offen (Hebräer 10,19-22).
Übersicht
- Leibrock aus Leinen – 2. Mose 28,39 → Offenbarung 19,8; Hebräer 7,26: die Reinheit des Dienenden.
- Gürtel – 2. Mose 28,39 → Offenbarung 1,13; 15,6: der Priester, um die Brust gegürtet.
- Schellen am Saum – 2. Mose 28,35 → Hebräer 9,24.28: sein Eingehen und sein Wiederkommen.
- Granatäpfel – 2. Mose 28,33-34 → Johannes 15,16: Zeugnis und Frucht.
- Ephod mit zwei Onyxsteinen – 2. Mose 28,12 → Jesaja 9,5; Lukas 15,5: er trägt sein Volk auf den Schultern.
- Brustschild mit zwölf Steinen – 2. Mose 28,29 → Hebräer 7,25; Offenbarung 21,12: er trägt sein Volk auf dem Herzen.
- Urim und Tummim – 2. Mose 28,30 → Kolosser 2,3: Licht und Vollkommenheit in einer Person.
- Goldenes Stirnblatt – 2. Mose 28,38 → 1. Petrus 2,5: unsere Opfer werden wohlgefällig durch ihn.
- Weiße Kleider am Versöhnungstag – 3. Mose 16,4.23-24 → Philipper 2,7-9: Erniedrigung und Erhöhung.
- Die Krone auf dem Haupt des Priesters – Sacharja 6,12-13 → Hebräer 5,6: König und Priester in einer Person.
Quellen
- Grundtexte: 2. Mose 28 und 39; 3. Mose 8 und 16; Hebräer 2; 4–5; 7–10; Offenbarung 1,12-18; Sacharja 3 und 6.
- Josephus Flavius: Jüdische Altertümer III,7,1-7 (Augenzeugenbeschreibung der Amtstracht).
- Babylonischer Talmud, Joma 31b; 32a (die „goldenen Kleider“ und der Kleiderwechsel am Versöhnungstag).
- Roger Liebi: Der Messias im Tempel. Symbolik und Bedeutung des Zweiten Tempels im Licht des Neuen Testaments, 3. Aufl., Bielefeld: CLV 2021, bes. S. 91 und S. 343-349.
Fußnoten
- Zur Wortverbindung timē / doxa in der Septuaginta (2. Mose 28,2) und ihrer Aufnahme in Hebräer 2,9 vgl. Roger Liebi: Der Messias im Tempel, 3. Aufl., Bielefeld: CLV 2021 (im Folgenden: Liebi), S. 345 f. ↩
- Zur Aufzählung der acht Bestandteile vgl. Liebi, S. 343 f., nach 2. Mose 28,1-39 (Hohepriester) und 2. Mose 28,40-43 (gewöhnliche Priester). ↩
- Vgl. Babylonischer Talmud, Joma 31b und 32a; dazu Liebi, S. 345 und S. 348. ↩
- Podērēs erscheint im NT ausschließlich in Offenbarung 1,13; in der Septuaginta u. a. in 2. Mose 25,7; 28,4.31; 29,5; 35,9 sowie in Sacharja 3,4. Vgl. Liebi, S. 347 f. – Gold wird beim Gürtel in 2. Mose 28,39 und 39,29 nicht genannt; ausdrücklich erwähnt ist es beim Gurt des Ephod (2. Mose 28,8). ↩
- Josephus Flavius: Jüdische Altertümer III,7,4; zur gesamten Amtstracht dort III,7,1-7. ↩
- Zu Urim und Tummim sowie ihrem Fehlen im Zweiten Tempel vgl. Liebi, S. 91. ↩
- Der Text spricht von „seinen Kleidern“; dass die volle Amtstracht gemeint ist, ist die durchgehende jüdische Auslegung (vgl. BT Joma 32a). ↩
