Kleine Funde aus der Königszeit

Siegel, Bullen und Amulette – Namen der Bibel im Ton

Die ausgestellten Stücke sind Nachbildungen.

Namen im Ton

Im Altertum unterschrieb man nicht – man siegelte. Ein Dokument aus Papyrus wurde zusammengerollt, mit einer Schnur umwickelt, und auf den Knoten drückte man einen Klumpen weichen Ton. In diesen Ton presste der Absender sein Siegel: seinen Namen, oft den seines Vaters, manchmal sein Amt. Ein solcher Tonklumpen heißt „Bulle“.

Der Papyrus ist längst vergangen. Die Bullen aber gibt es noch – und zwar gerade dort, wo die Schriftstücke verbrannten. Als Nebukadnezar 586 v. Chr. Jerusalem in Brand steckte, verbrannten die Schriftrollen; der Ton um sie herum wurde hart wie Keramik. Das Feuer, das die Dokumente vernichtete, hat die Unterschriften bewahrt.

Auf diese Weise begegnen uns hier Menschen, die in der Bibel namentlich vorkommen: Könige, Propheten, Hofbeamte, Schreiber. Dazu kommen Stücke besonderer Art, wie ein Elfenbein-Granatapfel, eine erst 2025 entdeckte assyrische Bulle, die Nachbildung der großen Jesaja-Rolle aus Qumran und zwei winzige Silberrollen, die den ältesten bekannten Bibeltext der Welt tragen.

Ein Wort zur Herkunft

Bei den Steckbriefen finden Sie die Angabe FUND. Sie ist wichtiger, als sie aussieht. Manche Stücke stammen aus einer wissenschaftlichen Grabung: Man weiß genau, in welcher Schicht, in welchem Haus, neben welchen Scherben sie lagen. Andere sind auf dem Antikenmarkt aufgetaucht, ohne bekannten Fundort. Solche Stücke können echt sein – aber sie lassen sich nicht auf dieselbe Weise überprüfen. Deshalb ist diese Dokumentation in zwei Teile gegliedert: zuerst die Funde mit gesichertem Fundort, danach die Stücke ohne gesicherten Fundort.

Die Exponate im Überblick

GESICHERTE FUNDE

NICHT GESICHERTE FUNDE

Gesicherte Funde

Die folgenden Stücke stammen aus wissenschaftlichen Grabungen mit bekanntem Fundort oder sind in ihrer Echtheit unbestritten. Was sie bezeugen, lässt sich überprüfen.

1Siegel des Schema, des Dieners Jerobeams

MATERIAL
Jaspis, mit schreitendem Löwen; ausgestellt als Nachbildung von Siegel und Abdruck
FUND
Megiddo, 1904 (Grabung Gottlieb Schumacher)
DATIERUNG
8. Jh. v. Chr. (Jerobeam II. regierte ca. 793–753 v. Chr.)
STANDORT
Original verschollen; erhalten ist ein Bronzeabguss

Die Inschrift lautet: „Gehört Schema, dem Diener Jerobeams.“ Gemeint ist Jerobeam II., unter dem das Nordreich Israel noch einmal zu großer Macht und großem Wohlstand kam – und in dessen Tage die Propheten Amos und Hosea auftraten.

Das Siegel hat eine bittere Geschichte. Es wurde 1904 in Megiddo gefunden und dem osmanischen Sultan nach Konstantinopel geschickt. Dort verlor sich seine Spur. Erhalten blieb nur ein Bronzeabguss, der vor der Absendung angefertigt worden war. Alle heutigen Abbildungen gehen auf diesen Abguss zurück.

Aus dem Text:

Er stellte die Grenze Israels wieder her, vom Eingang nach Hamat bis zum Meer der Steppe …

2. Könige 14,25 – über Jerobeam II.

QUELLEN

  • Grabung: G. Schumacher, Megiddo 1903–1905 (Deutscher Palästina-Verein).
  • Bibelbezug: 2. Könige 14,23-29; Amos 1,1; 7,10-11; Hosea 1,1.

2Assyrische Bulle aus Jerusalem

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck) mit assyrischer Keilschrift; ausgestellt als hochdetailliertes 3-D-Modell
FUND
Jerusalem, nahe dem Tempelberg; entdeckt im Oktober 2025
DATIERUNG
Erstes-Tempel-Zeit, spätes 8. / 7. Jh. v. Chr. (Zeit Hiskias)
STANDORT
Israel Antiquities Authority

Dieses winzige Stück ist ein Neufund: Im Oktober 2025 kam nahe dem Jerusalemer Tempelberg eine Bulle mit assyrischer Keilschrift ans Licht – nach dem bisherigen Kenntnisstand die erste assyrische Inschrift aus der Zeit des Ersten Tempels, die je in Jerusalem gefunden wurde.

So klein die Bulle ist, so gewichtig ist ihre Aussage. Sie ist ein handfestes Zeugnis für den amtlichen Schriftverkehr zwischen dem assyrischen Großreich und dem Königreich Juda – genau in der Epoche, in der die Bibel diesen Kontakt beschreibt. Unter Hiskia stand Juda im Ringen mit Assyrien: Tribut, Gesandtschaften, Drohbriefe, Belagerung.

Die Bibel schildert diesen Schriftverkehr sogar ausdrücklich. Als der assyrische König Sanherib Jerusalem bedrängt, gehen Briefe hin und her – und Hiskia trägt einen davon in den Tempel:

Aus dem Text:

Und Hiskia nahm die Briefe aus der Hand der Boten und las sie; und Hiskia ging hinauf in das Haus des HERRN und breitete sie aus vor dem HERRN.

2. Könige 19,14

QUELLEN

  • Fundmeldung Oktober 2025 (Jerusalem, Bereich Tempelberg); wissenschaftliche Erstpublikation vor Druck zu prüfen.
  • Bibelbezug: 2. Könige 18–19; Jesaja 36–37 (Schriftverkehr zwischen Assyrien und Juda unter Hiskia).

3Lammelek-Krughenkel

MATERIAL
Ton, Henkel eines Vorratskruges mit eingestempeltem Siegel
FUND
Zahlreiche Exemplare in ganz Juda, u. a. Lachisch, Jerusalem, Ramat Rachel
DATIERUNG
um 700 v. Chr. (Regierungszeit Hiskias)
STANDORT
verschiedene Sammlungen; über 2000 Exemplare bekannt

Der Stempel trägt das hebräische Wort lammelek – „dem König gehörend“ – dazu eine geflügelte Sonnenscheibe oder einen vierflügeligen Skarabäus und den Namen einer von vier Städten: Hebron, Sif, Socho oder das bis heute nicht identifizierte Mmschat.

Diese Krüge sind Staatsvorräte. Sie gehören in die Zeit, als Hiskia sich auf den Angriff Sanheribs vorbereitete: Er befestigte die Mauern, sicherte das Wasser (2. Chronik 32,2-5) – und legte Proviant an. Die Henkel sind, ganz nüchtern, die Logistik einer Belagerung.

Die geflügelte Sonnenscheibe ist ursprünglich das Symbol einer heidnischen Gottheit; in Juda und Assyrien wurde sie zum allgemeinen Herrschaftszeichen. Dass sie auf Krügen des Königs erscheint, der die Höhen zerstörte, zeigt, wie tief die Bildwelt der Umwelt auch in Juda hineinreichte.

Aus dem Text:

Im vierzehnten Jahr des Königs Hiskia zog Sanherib, der König von Assyrien, herauf gegen alle festen Städte Judas und nahm sie ein.

2. Könige 18,13

QUELLEN

  • Zu den lmlk-Stempeln vgl. Zondervan Handbook of Biblical Archaeology (2017), S. 36; zur Lage in Lachisch (Zerstörungsschicht III, 701 v. Chr.) ebd.
  • Bibelbezug: 2. Könige 18,13-16; 2. Chronik 32,1-8.

4Bulle Hiskias, des Königs von Juda

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck), ca. 13 mm
FUND
Jerusalem, Ophel – kontrollierte Grabung, Grabungssaison 2009 (Dr. Eilat Mazar)
DATIERUNG
Hiskia regierte ca. 715–686 v. Chr.
STANDORT
Israel Antiquities Authority / Hebräische Universität Jerusalem

Die Inschrift lautet: „Gehört Hiskia, [dem Sohn des] Ahas, König von Juda.“ Dieser Siegelabdruck wurde bei einer wissenschaftlichen Grabung am Ophel aus dem Erdreich geholt – zum ersten Mal überhaupt tauchte mit ihm der Name eines judäischen Königs in einer kontrollierten Ausgrabung auf.

Damit bezeugt die Bulle drei Angaben, die auch die Bibel macht:

  • Hiskia war eine historische Person.
  • Er war der Sohn des Ahas (2. Könige 18,1).
  • Er war König über Juda, das Südreich (2. Könige 18,1-2).

Das Bildmotiv ist eine zweiflügelige Sonnenscheibe, flankiert von zwei Ankh-Zeichen. Auf anderen Siegeln Hiskias erscheint ein Skarabäus, der ägyptische Käfer. Solche Symbole waren im ganzen Vorderen Orient Zeichen königlicher Macht – auch der König, der den Götzendienst bekämpfte (2. Könige 18,4), bediente sich der Bildsprache seiner Zeit.

Aus dem Text:

Er vertraute dem HERRN, dem Gott Israels, sodass unter allen Königen von Juda keiner war wie er, weder nach ihm noch vor ihm.

2. Könige 18,5

QUELLEN

  • Grabung und Publikation: E. Mazar, The Ophel Excavations to the South of the Temple Mount 2009–2013 (Jerusalem 2015); Vorstellung des Fundes Dezember 2015.
  • Bibelbezug: 2. Könige 18–20; 2. Chronik 29–32; Jesaja 36–39.

5Bulle Jesajas

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck), ca. 10 mm; teilweise beschädigt
FUND
Jerusalem, Ophel – kontrollierte Grabung 2009 (Dr. Eilat Mazar), nur wenige Meter neben der Hiskia-Bulle
DATIERUNG
8. Jh. v. Chr.
STANDORT
Israel Antiquities Authority / Hebräische Universität Jerusalem

Die erhaltene Inschrift lautet: „Gehört Jesaja, nvj…“ – und genau hier beginnt die Spannung. Ergänzt man den fehlenden letzten Buchstaben (Aleph), so ergibt sich navi: „Prophet“. Dann hielten wir das Siegel des Propheten Jesaja in den Händen.

Der Buchstabe ist jedoch abgebrochen. Ohne ihn kann nvj auch ein Personenname sein („Sohn des Nawi“). Die Ausgräberin selbst hat diese Zurückhaltung ausdrücklich formuliert. Der Fund ist damit ein bemerkenswerter Hinweis – kein Beweis.

Was gesichert bleibt, ist der Fundort: Die Bulle lag nur wenige Meter von der Hiskia-Bulle entfernt, im selben Areal. Und die Bibel stellt genau diese beiden Männer immer wieder nebeneinander – den König und den Propheten, die miteinander um Jerusalem rangen und beteten.

Gleich daneben liegt in dieser Vitrine die große Jesaja-Rolle (Nr. 6) – die Botschaft des Propheten, dessen Siegel wir hier vielleicht vor uns haben.

Aus dem Text:

Und Hiskia nahm die Briefe aus der Hand der Boten und las sie … und ging hinauf in das Haus des HERRN, und Hiskia breitete sie aus vor dem HERRN.

2. Könige 19,14 – Jesaja antwortet ihm im selben Kapitel (V. 20-34).

QUELLEN

  • Publikation: E. Mazar, „Is This the Prophet Isaiah’s Signature?“, Biblical Archaeology Review 44:2 (2018).
  • Bibelbezug: 2. Könige 19–20; Jesaja 37–39.

6Die große Jesaja-Rolle

MATERIAL
Schriftrolle aus Leder (Original: 17 zusammengenähte Blätter, ca. 7,3 m lang)
FUND
Qumran, Höhle 1 (1947); Original heute im Schrein des Buches, Israel-Museum, Jerusalem
DATIERUNG
Abschrift ca. 125 v. Chr.
STANDORT
Ausstellungsstück: Nachbildung

Unter dem Siegel Jesajas liegt seine Botschaft selbst: die große Jesaja-Rolle aus Qumran, die vollständigste der Schriftrollen vom Toten Meer. Sie enthält das ganze Buch Jesaja – alle 66 Kapitel – und ist rund tausend Jahre älter als die bis dahin ältesten hebräischen Bibelhandschriften. Der Vergleich mit dem späteren masoretischen Text zeigt eine erstaunliche Übereinstimmung: Über tausend Jahre hinweg wurde der Text treu bewahrt.

Die Rolle ist hier bewusst an einer bestimmten Stelle aufgeschlagen – am Übergang von Kapitel 39 zu Kapitel 40.

Warum gerade Kapitel 40?

Viele Ausleger teilen das Jesajabuch auf mehrere Verfasser auf: einen „ersten Jesaja“ (Kapitel 1–39) und einen „zweiten Jesaja“, der erst im Exil, rund 150 Jahre später, geschrieben habe (ab Kapitel 40). Der große Einschnitt läge demnach genau zwischen Kapitel 39 und 40. Die Rolle zeigt: Die Abschreiber von Qumran kannten einen solchen Einschnitt nicht. Kapitel 40 beginnt bei ihnen nicht auf einem neuen Blatt, nicht in einer neuen Spalte, nicht einmal mit einer Leerzeile – sondern in der untersten Zeile einer Kolumne, mitten im Textfluss. Für den Schreiber ging der Text einfach weiter. Das Buch war für ihn ein Buch.

Aus dem Text:

Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems …

Jesaja 40,1-2 – der Vers, mit dem angeblich ein zweiter Verfasser beginnen soll.

Die Lesefinger

Auf der Nachbildung liegen jüdische Lesezeiger (Jad), die außerdem auf eine andere Besonderheit weisen: In Jesaja 40 hatte der Abschreiber beim Kopieren eine Zeile übersprungen – ein häufiger Fehler, wenn zwei Zeilen ähnlich enden. Ein späterer Schreiber bemerkte die Lücke und trug den fehlenden Text über der Zeile nach. Das Bemerkenswerte steht dort, wo im nachgetragenen Text der Gottesname stehen müsste: Statt das heilige Tetragramm (JHWH) auszuschreiben, setzte der Korrektor aus Ehrfurcht vier Punkte. So wird an einer einzigen Zeile zweierlei sichtbar – dass hier sorgfältig abgeschrieben und sorgfältig korrigiert wurde, und mit welcher Scheu man dem Namen Gottes begegnete.

Die Rolle ist damit ein doppeltes Zeugnis: für die Einheit des Jesajabuches, wie sie die Abschreiber selbst verstanden, und für die Treue, mit der der Bibeltext über die Jahrhunderte weitergegeben wurde. Dieses Zeugnis wird perfekt betont, wenn man betrachtet, welchen Vers der Schreiber vergessen hat, und dass er durch die nachträgliche Einfügung nun besonders ins Licht gerückt wird:

Die vergessene Zeile, die nachträglich ergänzt wurde:

… denn der Geist von •••• blies darin. Wahrlich, Gras ist das Volk. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.

aus Jesaja 40,7-8

QUELLEN

  • Original: 1QJesaja-a („Große Jesaja-Rolle“), Qumran Höhle 1 (1947); Schrein des Buches, Israel-Museum, Jerusalem.
  • Zur Nachkorrektur in Jesaja 40,7 (übersprungene Zeile, supralinear ergänzt) und zur Schreibung des Gottesnamens als vier Punkte (Tetrapuncta) vgl. die Faksimile-Ausgabe von M. Burrows (1950) sowie The Digital Dead Sea Scrolls (Israel-Museum).
  • Bibelbezug: Jesaja 39–40; 40,1-8.

7Bulle des Nathan-Melech, des Dieners des Königs

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck)
FUND
Jerusalem, Davidsstadt (Givati-Parkplatz) – kontrollierte Grabung 2019
DATIERUNG
7. Jh. v. Chr. (Zeit Josias)
STANDORT
Israel Antiquities Authority

Die Inschrift lautet: „Gehört Netan-Melech, dem Diener des Königs.“ Der Name ist selten – und er begegnet in der Bibel genau einmal, im Bericht über die große Reform des Königs Josia. Nathan-Melech war ein Hofbeamter; neben seiner Kammer standen die Sonnenrosse, die Josia entfernen ließ:

Aus dem Text:

Und er schaffte die Rosse ab, die die Könige von Juda der Sonne geweiht hatten, am Eingang des Hauses des HERRN, bei der Kammer Netan-Melechs, des Kämmerers …

2. Könige 23,11

Auch dieses Stück stammt aus einer wissenschaftlichen Grabung, gefunden 2019 in einem zerstörten Gebäude der Davidsstadt. Damit gehört es – wie die Bullen Hiskias und Gemarjas – zu den Funden mit gesichertem Kontext.

QUELLEN

  • Grabung: Y. Gadot (Universität Tel Aviv) / Y. Shalev (Israel Antiquities Authority), Givati-Parkplatz, Davidsstadt; Publikation 2019.
  • Bibelbezug: 2. Könige 23,4-14 (Reform Josias); 2. Könige 23,25.

8Die Silberamulette von Ketef Hinnom

MATERIAL
Zwei hauchdünne, gerollte Silberblättchen mit eingeritzter althebräischer Schrift
FUND
Jerusalem, Ketef Hinnom (Grabanlage im Hinnomtal), Kammer 25 – Grabung Prof. Gabriel Barkay, 1979
DATIERUNG
spätes 7. / frühes 6. Jh. v. Chr. – unmittelbar vor der Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr.
STANDORT
Israel-Museum, Jerusalem

Das ist der bedeutendste Fund dieser Vitrine – und einer der bedeutendsten der gesamten Bibelarchäologie. Zwei winzige Silberrollen, getragen als Amulette um den Hals, lagen ungestört in einer Grabkammer. Sie zu entrollen dauerte drei Jahre.

Auf ihnen steht Bibeltext. Beide tragen den aaronitischen Segen:

Aus dem Text:

Der HERR segne dich und behüte dich! Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig! Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!

4. Mose 6,24-26

Damit sind diese Blättchen die ältesten bekannten Abschriften eines Bibeltextes – rund 400 Jahre älter als die Schriftrollen vom Toten Meer. Das größere Amulett (ca. 27 × 97 mm) enthält zusätzlich einen Anklang an 5. Mose 7,9; das kleinere (ca. 11 × 39 mm) trägt den Segen in etwas kürzerer Form.

Die Tragweite ist erheblich. Eine verbreitete Theorie datiert die priesterlichen Teile der Tora erst in die Zeit nach dem Exil. Hier aber liegt ein Text aus 4. Mose vor – geschrieben, bevor Jerusalem fiel. Man trug ihn am Hals: nicht als Gelehrtenwissen, sondern als Segen fürs Leben und über den Tod hinaus.

Zum Nachdenken:

Die Worte des HERRN sind reine Worte, in irdenem Tiegel geschmolzenes Silber, siebenmal geläutert.

Psalm 12,7 – Hier ist das Wort Gottes buchstäblich in Silber geschrieben.

QUELLEN

  • Grabung: G. Barkay, Ketef Hinnom, 1979; Erstpublikation: G. Barkay, „The Priestly Benediction on Silver Plaques from Ketef Hinnom“, Tel Aviv 19 (1992).
  • Neuedition mit modernster Bildtechnik: G. Barkay / M. J. Lundberg / A. G. Vaughn / B. Zuckerman, „The Amulets from Ketef Hinnom: A New Edition and Evaluation“, BASOR 334 (2004).
  • Zondervan Handbook of Biblical Archaeology (2017), S. 99 f. – dort auch zur Datierung unmittelbar vor 587/586 v. Chr.
  • Bibelbezug: 4. Mose 6,24-26; 5. Mose 7,9.

9Der Nash-Papyrus

MATERIAL
Papyrus – vier Fragmente auf einem einzigen Blatt, 24 Zeilen althebräischer Schrift (ausgestellt ist eine Nachbildung)
FUND
Ägypten, angeblich aus dem Fayum; 1902 von Dr. Walter Ll. Nash aus dem Antikenhandel erworben (Fundort nicht durch Grabung gesichert)
DATIERUNG
2. Jh. v. Chr. (etwa 150–100 v. Chr.)
STANDORT
Cambridge University Library (MS Or.233)

Neben dem Silberröllchen von Ketef Hinnom (Nr. 8) liegt ein zweiter uralter Bibeltext-Zeuge: der Nash-Papyrus. Bis zur Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer im Jahr 1947 war er die älteste bekannte hebräische Bibelhandschrift überhaupt. Er wurde zunächst ins 2. Jahrhundert n. Chr. datiert; die Neubewertung durch den Bibelwissenschaftler W. F. Albright verschob die Datierung um rund drei Jahrhunderte zurück, in die Makkabäerzeit (2. Jh. v. Chr.).

Das Blatt enthält zwei Kernstücke des Alten Testaments unmittelbar nacheinander: zuerst die Zehn Gebote, dann den Beginn des Schema – des großen Bekenntnisses Israels:

Aus dem Text:

Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft.

5. Mose 6,4-5

Eben dieses Schema nannte der Herr Jesus das erste und größte aller Gebote, als ein Schriftgelehrter ihn danach fragte (Markus 12,29-30). Der Papyrus zeigt damit, dass die Texte, auf die sich Jesus berief, schon lange vor seiner Zeit in fester, vertrauter Form vorlagen – hier sogar in der Fassung, wie ein frommer Jude sie täglich betete.

Denn die Zusammenstellung ist kein Zufall: Die Zehn Gebote zusammen mit dem Schema zu sprechen war fester Bestandteil des täglichen Gebets; schon im Tempel rezitierten die Priester beides Morgen für Morgen (Mischna Tamid V,1). Der Papyrus stammt vermutlich aus einem solchen Gebetszusammenhang – möglicherweise aus einer Gebetskapsel (Tefillin). Er ist damit weniger ein Stück „Bibelbuch“ als ein Stück gelebter Frömmigkeit: der Text Gottes, getragen und gebetet im Alltag.

Bemerkenswert ist die Nähe zur Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments. So bietet der Papyrus die Gebote in der Reihenfolge „nicht ehebrechen – nicht töten – nicht stehlen“, wie sie auch die Septuaginta kennt. Genau diese Reihenfolge – Ehebruch, dann Mord, dann Diebstahl – findet sich auch an mehreren Stellen des Neuen Testaments wieder (Lukas 18,20; Römer 13,9; Jakobus 2,11), während der später festgelegte hebräische Text die Gebote in der Folge Mord – Ehebruch – Diebstahl bietet. Der Papyrus bezeugt damit eine Textüberlieferung, die im Judentum der neutestamentlichen Zeit lebendig war.

Wie beim Silberröllchen gilt: Der Papyrus ist ohne gesicherten Fundort aus Ägypten in den Handel gelangt. Seine Echtheit ist jedoch unbestritten und seit über hundert Jahren gründlich erforscht; er wird in der Universitätsbibliothek Cambridge aufbewahrt. Darum steht er hier im ersten Teil, bei den gesicherten Funden.

QUELLEN

  • Erstbeschreibung: S. A. Cook, „A Pre-Masoretic Biblical Papyrus“, Proceedings of the Society of Biblical Archaeology 25 (1903).
  • Datierung in die Makkabäerzeit: W. F. Albright, „A Biblical Fragment from the Maccabaean Age: The Nash Papyrus“, Journal of Biblical Literature 56 (1937), S. 145–176.
  • Aufbewahrung und Digitalisat: Cambridge University Library, MS Or.233 (Cambridge Digital Library).
  • Zur Reihenfolge Ehebruch–Mord–Diebstahl (Septuaginta, Philo): Lukas 18,20; Römer 13,9; Jakobus 2,11.
  • Bibelbezug: 2. Mose 20,2-17; 5. Mose 5,6-21; 5. Mose 6,4-5; Markus 12,29-30. Zur täglichen Liturgie: Mischna Tamid V,1.

10Bulle Gemarjas, des Sohnes Schaphans

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck), im Feuer gebrannt
FUND
Jerusalem, Davidsstadt, Areal G – kontrollierte Grabung 1982 (Yigal Shiloh); aus einem Fund von 51 Bullen („Haus der Bullen“)
DATIERUNG
frühes 6. Jh. v. Chr.; aus der babylonischen Zerstörungsschicht von 586 v. Chr.
STANDORT
Israel Antiquities Authority

Diese Bulle ist ein Musterfall. Sie wurde nicht gekauft, sondern ausgegraben – in der Brandschicht, die Nebukadnezar hinterlassen hat. In einem einzigen Raum lagen 51 solcher Tonklumpen beieinander; die Papyri, die sie versiegelt hatten, waren verbrannt. Das Feuer hat die Siegel gehärtet und für uns aufbewahrt. Deshalb heißt der Ort heute „Haus der Bullen“.

Unter den Namen war der des Gemarja, Sohn Schaphans – eines Schreibers am Hof des Königs Jojakim. Die Bibel berichtet, dass Baruch aus Gemarjas Amtszimmer im Tempel die Worte Jeremias vorlas. Und als der König die Rolle Stück für Stück ins Feuer warf, gehörte Gemarja zu den dreien, die ihn davon abzuhalten versuchten:

Aus dem Text:

Doch Elnatan und Delaja und Gemarja hatten den König gebeten, die Rolle nicht zu verbrennen; aber er hörte nicht auf sie.

Jeremia 36,25

Der Zusammenhang ist bemerkenswert. Ein Mann, der eine Schriftrolle vor dem Feuer retten wollte, hinterlässt uns sein Siegel – gerettet durch das Feuer, das seine Stadt verzehrte.

QUELLEN

  • Grabung: Y. Shiloh, City of David, Areal G, 1982; vgl. J. M. Cahill / D. Tarler, in: Ancient Jerusalem Revealed (Jerusalem 1994), S. 39 f.
  • R. Price, The Stones Cry Out (1997), Kap. „Sacred Signatures in Stone“; Zondervan Handbook of Biblical Archaeology (2017), S. 171.
  • Bibelbezug: Jeremia 36,9-26.

11Münzen der Ptolemäer und Seleukiden

MATERIAL
Silber- und Bronzemünzen (Nachbildungen)
FUND
Prägungen aus Ägypten und Syrien
DATIERUNG
3.–2. Jh. v. Chr.
STANDORT
Originale in zahlreichen Sammlungen

Diese Münzen tragen die Porträts von Königen, die in der Bibel vorkommen – ohne dass ihre Namen dort genannt würden. Daniel 11 beschreibt die Kämpfe zwischen dem „König des Südens“ (den Ptolemäern in Ägypten) und dem „König des Nordens“ (den Seleukiden in Syrien), zwischen deren Reiche das Heilige Land geriet. Wer die Geschichte kennt, erkennt in Daniel 11 die Ereignisse Zug um Zug wieder.

Der letzte hier dargestellte König ist Antiochos IV. Epiphanes – jener Herrscher, der den Tempel entweihte und den Makkabäer-Aufstand auslöste (vgl. Daniel 11,31).

Daniel schreibt seine Worte nach eigenem Zeugnis im 6. Jahrhundert v. Chr. – rund 200 Jahre vor Alexander und fast 400 Jahre vor Antiochos IV. Die Genauigkeit dieser Beschreibung hat zu der Annahme geführt, der Text sei erst nach den Ereignissen entstanden.

Der älteste erhaltene Textzeuge dieses Kapitels stammt aus Qumran, Höhle 4 (Handschrift 4Q114 / 4QDan-c, mit Versen aus Daniel 11), datiert auf etwa 150–75 v. Chr. Dass das Danielbuch zu dieser Zeit bereits als kanonische Schrift galt und in einer gefestigten Textüberlieferung vorlag, spricht für eine deutlich frühere Abfassung; auch 1. Makkabäer 2,60 setzt Daniel bereits als bekannt voraus.

QUELLEN

  • Craig Davis: Dating the Old Testament (RJ Communications, 2007), S. 427.
  • Zur Handschrift 4Q114 (4QDan-c) vgl. die Edition der Qumranschriften, Discoveries in the Judaean Desert XVI.
  • Bibelbezug: Daniel 11; 1. Makkabäer 2,60 (Apokryphen).

Nicht gesicherte Funde

Die folgenden Stücke sind ohne gesicherten Fundort aus dem Antikenhandel gekommen. Mehrere von ihnen sind mit großer Wahrscheinlichkeit echt, doch sind sie nicht auf dieselbe Weise nachprüfbar wie die Funde im ersten Abschnitt. Wir zeigen sie mit diesem Vorbehalt.

12Siegel des Mikneja, des Dieners des HERRN

MATERIAL
Jaspis (Siegelstein); ausgestellt als vergrößerte Nachbildung
FUND
Jerusalem, Grabkontext
DATIERUNG
Königszeit (Erstes-Tempel-Zeit)
STANDORT
Harvard Museum of the Ancient Near East in Cambridge, Massachusetts, USA

Die Inschrift lautet: „Gehört Mikneja, dem Diener des HERRN.“ Das Ungewöhnliche steht am Schluss. Beamte nannten sich „Diener des Königs“ – das war eine Amtsbezeichnung, und mehrere Siegel dieser Ausstellung tragen sie. Hier aber heißt es: Diener Jahwes.

Ein Mikneja begegnet in der Bibel bei der Überführung der Bundeslade nach Jerusalem. Er gehörte zu den Leviten, die David für den Musikdienst bestellte:

Aus dem Text:

… und Mattitja und Elifelehu und Mikneja … mit Harfen auf der achten Saite, um den Gesang zu leiten.

1. Chronik 15,21

Ob der Siegelträger derselbe Mann ist, lässt sich nicht beweisen – der Name kommt mehrfach vor. Bemerkenswert bleibt der Titel: Hier bezeichnet sich ein Mensch als Eigentum und Diener seines Gottes. Genau so nennt sich später Paulus: „Knecht Jesu Christi“ (Römer 1,1).

QUELLEN

  • Zur Titelformel „Diener des Königs“ / „Diener JHWHs“ auf hebräischen Siegeln vgl. N. Avigad / B. Sass: Corpus of West Semitic Stamp Seals (Jerusalem 1997).
  • Bibelbezug: 1. Chronik 15,17-21.

13Elfenbein-Granatapfel

MATERIAL
Elfenbein, ca. 4,3 cm hoch; Knauf eines Zepters
FUND
Ohne Fundort; 1979 im Antikenhandel aufgetaucht
DATIERUNG
Objekt: Spätbronzezeit; Inschrift: umstritten (siehe unten)
STANDORT
Israel-Museum, Jerusalem (1988 für 550.000 US-Dollar erworben)

Der kleine Granatapfel war der Knauf eines Zepters. Um seinen Hals läuft eine hebräische Inschrift, von der Teile abgebrochen sind. Ergänzt liest man sie: „Gehört dem Temp[el des HERR]N, heilig den Priestern.“ Wäre das gesichert, hätten wir hier das einzige bekannte Objekt aus dem Ersten Tempel – dem Tempel Salomos.

Hier ist Vorsicht am Platz. Das Stück hat keinen Fundort; es tauchte im Kunsthandel auf. Eine Kommission der israelischen Altertümerbehörde kam 2004 zu dem Ergebnis, die Inschrift sei eine moderne Fälschung, während der Granatapfel selbst echt und wesentlich älter sei. Andere Fachleute halten die Inschrift für authentisch; die Debatte ist nicht abgeschlossen. Das Israel-Museum zeigt das Stück weiterhin – mit entsprechendem Hinweis.

QUELLEN

  • Erstpublikation der Inschrift: A. Lemaire, Revue Biblique 88 (1981).
  • Gutachten der Israel Antiquities Authority, 2004 (Fälschungsverdacht bezüglich der Inschrift); Gegenpositionen u. a. bei S. Ahituv, A. Demsky u. a.
  • R. Price, The Stones Cry Out (1997), Kap. 8 (dort noch als einziger Fund aus dem Salomonischen Tempel geführt).

14Siegelring Jotams

MATERIAL
Siegelring aus Kupfer bzw. Bronze (ausgestellt ist die Nachbildung eines Abdrucks dieses Siegels)
FUND
Tell el-Chuleifeh (auch Tell el-Kheleifeh) nahe Eilat am Roten Meer; Grabung Nelson Glueck, 1938–1940
DATIERUNG
8.–7. Jh. v. Chr. (Schichtdatierung umstritten, siehe unten)
STANDORT
National Museum of Natural History, Washington, D.C. (NMNH Anthropology 8133581)

Der Ring wurde zwischen 1938 und 1940 bei den Ausgrabungen des amerikanischen Archäologen Nelson Glueck gefunden. Fundort war Tell el-Chuleifeh, eine antike Siedlung und Anlage zur Kupferverhüttung nahe dem heutigen Eilat, die oft mit dem biblischen Hafen Ezjon-Geber bzw. Elat gleichgesetzt wird.

Der Ring trägt die althebräische Inschrift l-jtm – „gehörend zu Jotam“. Unter der Schrift ist ein sorgfältig gearbeiteter, gehörnter Widder eingeschnitten; vor ihm eine Figur, die Glueck als die Gestalt eines Mannes beschrieb und die später auch als Blasebalg der Kupferverhüttung gedeutet worden ist.

Ob es der König ist, lässt sich nicht beweisen

Hier ist Zurückhaltung geboten. Der Ring nennt nur den Namen Jotam – keinen Königstitel, keinen Vatersnamen. Damit fehlt gerade das, was bei den gesicherten Königssiegeln dieser Station den Ausschlag gibt (vgl. „Gehört Hiskia … König von Juda“). Schon Glueck räumte ein, es lasse sich nicht beweisen, dass dieser Jotam der König von Juda war; selbst ein Statthalter von Elat oder ein anderer Judäer dieses verbreiteten Namens komme in Frage. Die maßgebliche Fachliteratur zur Identifikation biblischer Personen in Inschriften führt das Stück deshalb nicht unter den gesicherten Zuordnungen. Aus diesem Grund steht es hier im zweiten Teil – bei den nicht gesicherten Funden.

Auch die Datierung mahnt zur Vorsicht: Glueck ordnete den Fund dem 8. Jahrhundert zu; seine Schichtenfolge für Tell el-Chuleifeh wurde jedoch später (v. a. durch G. Pratico) grundlegend überarbeitet, sodass die genaue zeitliche Ansetzung offen ist.

Unabhängig von der Person bleibt der geschichtliche Rahmen bemerkenswert. Jotam war der Sohn Usijas und der Vater des Ahas – er steht mitten in der Königsreihe, die auch die benachbarten Stücke dieser Vitrine betrifft. Über ihn urteilt die Bibel ungewöhnlich freundlich:

Aus dem Text:

Und er tat, was recht war in den Augen des HERRN, ganz wie sein Vater Usija getan hatte.

2. Könige 15,34

Elat, der Ort in der Nähe des Fundplatzes, war unter Jotams Vater Usija ausgebaut und an Juda gebunden worden (2. Chronik 26,2); unter Jotams Sohn Ahas ging es wieder verloren (2. Könige 16,6). Der Name Jotam an diesem Ort passt also gut in die Zeit judäischer Kontrolle über Elat – ob er auf den König selbst weist, bleibt jedoch offen.

QUELLEN

  • Erstpublikation: N. Glueck, „The Third Season of Excavation at Tell el-Kheleifeh“, BASOR 79 (1940); Glueck selbst mit dem Vorbehalt, die Gleichsetzung mit dem König sei nicht beweisbar.
  • Zur zurückhaltenden Bewertung der Identifikation: L. J. Mykytiuk, Identifying Biblical Persons in Northwest Semitic Inscriptions of 1200–539 B.C.E. (Atlanta 2004).
  • Zur revidierten Stratigraphie von Tell el-Chuleifeh: G. D. Pratico, Nelson Glueck’s 1938–1940 Excavations at Tell el-Kheleifeh. A Reappraisal (Atlanta 1993).
  • Bibelbezug: 2. Könige 15,32-38; 2. Chronik 27; zu Elat 2. Chronik 26,2; 2. Könige 16,6.

15Bulle des Ahas, des Sohnes Jotams

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck)
FUND
Ohne Fundort; aus dem Antikenhandel
DATIERUNG
Ahas regierte über Juda im 8. Jh. v. Chr.
STANDORT
Privatsammlung

Die Inschrift lautet: „Gehört Ahas, dem Sohn Jotams, König von Juda.“ Damit nennt sie genau die Abstammung, die auch die Bibel angibt (2. Könige 15,38; 16,1).

Ahas war der König, dem Jesaja das Zeichen ankündigte, das bis heute in jeder Weihnachtsgeschichte nachklingt:

Aus dem Text:

Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird ihm den Namen Immanuel geben.

Jesaja 7,14

Ahas selbst wollte dieses Zeichen nicht. Er suchte statt Gottes Hilfe das Bündnis mit Assyrien – und öffnete damit dem Götzendienst die Tore (2. Könige 16,7-18). Der König, dem Immanuel angesagt wurde, hat ihn abgelehnt.

Da das Stück keinen Fundort hat, ist es archäologisch nicht auf dieselbe Weise überprüfbar wie die Bulle Hiskias.

QUELLEN

  • Publikation unprovenienzierter judäischer Königsbullen: R. Deutsch, Biblical Period Hebrew Bullae. The Josef Chaim Kaufman Collection (Tel Aviv 2003).
  • Bibelbezug: 2. Könige 16; 2. Chronik 28; Jesaja 7.

16Bulle Manasses

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck)
FUND
Ohne Fundort; aus dem Antikenhandel
DATIERUNG
7. Jh. v. Chr.; Manasse regierte ca. 697–642 v. Chr.
STANDORT
Privatsammlung

Die Inschrift nennt Manasse als „Sohn des Königs“ – eine Formel, die für den Kronprinzen gebraucht wurde. Manasse war der Sohn Hiskias und wurde mit zwölf Jahren König; die Bezeichnung würde also in seine Jugendzeit unter dem Vater passen.

Kaum ein König Judas wird von der Bibel härter beurteilt (2. Könige 21,1-9). Und kaum einer erlebt eine erstaunlichere Wende: In assyrischer Gefangenschaft demütigte er sich – und Gott hörte ihn.

Aus dem Text:

Und als er bedrängt war, flehte er den HERRN, seinen Gott, an und demütigte sich sehr vor dem Gott seiner Väter … Da wurde er ihm zugewandt und erhörte sein Flehen.

2. Chronik 33,12-13

Manasse ist außerbiblisch bezeugt: Assarhaddon und Assurbanipal nennen ihn als tributpflichtigen König von Juda.

QUELLEN

  • Manasse in assyrischen Königsinschriften (Prisma Assarhaddons; Rassam-Zylinder Assurbanipals).
  • Bibelbezug: 2. Könige 21,1-18; 2. Chronik 33,1-20.

17Bulle Baruchs, des Schreibers

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck), mit erhaltenem Fingerabdruck
FUND
Ohne Fundort; 1996 in einer Privatsammlung bekannt geworden
DATIERUNG
spätes 7. / frühes 6. Jh. v. Chr.
STANDORT
Privatsammlung; Echtheit in der Forschung umstritten

Die Inschrift lautet: „Gehört Berechja, dem Sohn Nerijas, dem Schreiber.“ Berechja ist die volle Form des Namens Baruch – des Mannes, der die Worte Jeremias aufschrieb. Und im Ton hat sich ein Fingerabdruck erhalten.

Aus dem Text:

Da rief Jeremia Baruch, den Sohn Nerijas, und Baruch schrieb aus dem Mund Jeremias alle Worte des HERRN, die er zu ihm geredet hatte, in die Buchrolle.

Jeremia 36,4

Man muss hier jedoch zweierlei auseinanderhalten. Eine Bulle mit dem Namen Berechjas gehörte zu einem Hort von über 250 Stücken, der 1975 auf dem Antikenmarkt in Jerusalem auftauchte – vermutlich aus Raubgrabungen in der Davidsstadt, ohne gesicherten Fundort. Ein zweites Exemplar mit demselben Text, aber zusätzlich mit Fingerabdruck, wurde 1996 in einer Privatsammlung bekannt. Über dessen Echtheit wird in der Forschung gestritten.

Die ausgestellte Nachbildung zeigt dieses zweite Stück. Jeremia selbst hat übrigens seine Kaufurkunde versiegeln lassen und Baruch anvertraut (Jeremia 32,10-14).

QUELLEN

  • Zum Hort von 1975: N. Avigad, Hebrew Bullae from the Time of Jeremiah (Jerusalem 1986).
  • Zur zweiten Bulle mit Fingerabdruck und zur Echtheitsdebatte: Zondervan Handbook of Biblical Archaeology (2017), S. 172 mit Anm. 16.
  • Bibelbezug: Jeremia 32,12-16; 36,4-32; 43,3-6; 45,1-5.

18Bulle Serajas, des Quartiermeisters

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck)
FUND
Ohne Fundort; aus demselben Umfeld wie die Bullen des Baruch-Hortes
DATIERUNG
frühes 6. Jh. v. Chr.
STANDORT
Privatsammlung

Seraja war ein Sohn Nerijas – also aller Wahrscheinlichkeit nach ein Bruder Baruchs. Zwei Brüder, beide im Staatsdienst, beide mit Jeremia verbunden. Seraja begleitete König Zedekia auf einer Reise nach Babel und trug den Titel „Fürst des Ruheortes“ – ein Hofamt, das man mit „Quartiermeister“ oder „Reisemarschall“ wiedergibt.

Aus dem Text:

Dies ist das Wort, das der Prophet Jeremia Seraja, dem Sohn Nerijas, des Sohnes Machsejas, gebot, als dieser Zedekia, den König von Juda, im vierten Jahr seiner Regierung nach Babel begleitete; Seraja war nämlich Quartiermeister.

Jeremia 51,59

Jeremia gab ihm eine Schriftrolle mit – mit dem Auftrag, sie in Babel zu verlesen, an einen Stein zu binden und in den Euphrat zu werfen (Jeremia 51,61-64). Ein Beamter des Königs wird zum Boten des Propheten.

QUELLEN

  • Bibelbezug: Jeremia 51,59-64; zur Familie: Jeremia 32,12; 36,4.
  • Zur Herkunft unprovenienzierter Bullen dieses Umfelds vgl. N. Avigad, Hebrew Bullae from the Time of Jeremiah (Jerusalem 1986).

19Bulle Jerachmeels, des Königssohnes

MATERIAL
Ton (Siegelabdruck)
FUND
Ohne Fundort; aus dem 1975 aufgetauchten Hort
DATIERUNG
frühes 6. Jh. v. Chr.
STANDORT
Privatsammlung

Die Inschrift lautet: „Gehört Jerachmeel, dem Sohn des Königs.“ In der Bibel erscheint dieser Mann in einem einzigen, dramatischen Augenblick: Jojakim schickt ihn aus, um den Propheten Jeremia und seinen Schreiber Baruch zu verhaften.

Aus dem Text:

Und der König gebot Jerachmeel, dem Königssohn … Baruch, den Schreiber, und Jeremia, den Propheten, zu greifen. Aber der HERR hatte sie verborgen.

Jeremia 36,26

In dieser Vitrine liegen damit die Siegel von drei Männern beieinander, die in ein und demselben Kapitel der Bibel vorkommen: Baruch, der schrieb; Gemarja, der die Rolle retten wollte; und Jerachmeel, der die beiden verhaften sollte. Jeremia 36 ist gleichsam die Anwesenheitsliste dieser Ausstellung.

QUELLEN

  • Zum Hort von 1975: N. Avigad, Hebrew Bullae from the Time of Jeremiah (Jerusalem 1986).
  • Bibelbezug: Jeremia 36,26.

Was diese Station zeigt

Die Stücke dieser Station sind klein – oft nicht größer als ein Fingernagel. Und doch tragen sie Namen, die in der Bibel stehen: Hiskia und Ahas, Jesaja und Baruch, Gemarja und Jerachmeel, Nathan-Melech und Seraja.

Die meisten von ihnen stammen aus kontrollierten Grabungen und haben einen gesicherten Fundort: die Bullen Hiskias und Jesajas vom Ophel, die Bulle Gemarjas aus dem Haus der Bullen, die Bulle des Nathan-Melech aus der Davidsstadt, die Silberamulette von Ketef Hinnom – und, ganz neu, die assyrische Bulle von 2025. Die große Jesaja-Rolle wiederum ist die vollständigste Bibelhandschrift vom Toten Meer. Andere Stücke sind ohne Fundort aus dem Antikenhandel gekommen; sie sind mit Vorbehalt zu betrachten, und wir sagen es bei jedem einzelnen.

Gerade diese Unterscheidung ist die Botschaft dieser Vitrine. Die Bibel braucht keine geschönten Belege. Wo die Archäologie mit gesichertem Boden unter den Füßen arbeitet, bestätigt sie Namen, Verwandtschaften, Ämter und Ereignisse der biblischen Berichte – bis hinein in einen Nebensatz über einen Kämmerer, neben dessen Kammer die Sonnenrosse standen.

Quellen und Literatur

J. Randall Price / H. Wayne House: Zondervan Handbook of Biblical Archaeology.

Grand Rapids: Zondervan 2017.

J. Randall Price: The Stones Cry Out. What Archaeology Reveals About the Truth of the Bible.

Eugene: Harvest House 1997.

Nahman Avigad: Hebrew Bullae from the Time of Jeremiah.

Jerusalem: Israel Exploration Society 1986.

Nahman Avigad / Benjamin Sass: Corpus of West Semitic Stamp Seals.

Jerusalem 1997 – das Standardwerk zu den hebräischen Siegeln.

Eilat Mazar: The Ophel Excavations to the South of the Temple Mount 2009–2013.

Jerusalem 2015.

Gabriel Barkay u. a.: „The Amulets from Ketef Hinnom: A New Edition and Evaluation“.

BASOR 334 (2004), S. 41–71.