Die Stiftshütte

Wohnung Gottes unter den Menschen – und ihre Erfüllung in Jesus Christus

Bibelzitate nach der Schlachter-Übersetzung 2000

Inhalt

1. „Dass ich in ihrer Mitte wohne“

Am Sinai gab Gott dem Volk Israel einen erstaunlichen Auftrag:

Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich in ihrer Mitte wohne.

2. Mose 25,8

Das ist der Sinn der Stiftshütte: Der heilige Gott will unter sündigen Menschen wohnen. Alles Folgende – jeder Vorhang, jeder Altar, jedes Gerät – beantwortet die eine Frage, wie das gehen kann, ohne dass die Menschen an Gottes Heiligkeit umkommen.

Das Neue Testament sagt, dass Gott dieses Ziel endgültig erreicht hat – in einer Person. Als Johannes von der Menschwerdung schreibt, greift er genau das Bild des Zeltes auf:

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit …

Johannes 1,14

Das griechische Wort für „wohnte“ (eskēnōsen) bedeutet wörtlich „zeltete“ – es ist von skēnē, dem Zelt, abgeleitet.1 In Jesus schlug Gott sein Zelt mitten unter den Menschen auf. Die Stiftshütte war das Bild; er ist die Erfüllung.

Der Aufbau des Modells

Das Modell zeigt die Stiftshütte im Maßstab 1:22,5. Sie besteht aus drei Bereichen, die von außen nach innen an Heiligkeit zunehmen: dem Vorhof, den das Volk betreten durfte; dem Heiligen, das den Priestern vorbehalten war; und dem Allerheiligsten, das nur der Hohepriester betrat, und das nur einmal im Jahr. Dieser Rundgang folgt demselben Weg – von außen nach innen, vom Opfer bis zur Gegenwart Gottes. Es ist der Weg, den auch der Hebräerbrief beschreibt: den Weg in das Heiligtum, den Christus eröffnet hat.2

2. Der Eingang: die eine Tür

Der Vorhof war von einem Vorhang aus weißem Leinen umgeben. Er hatte nur einen einzigen Zugang – ein Tor aus blauem und rotem Purpur, Karmesin und Byssus (2. Mose 27,16). Wer zu Gott wollte, kam nur durch diese eine Tür.

Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er gerettet werden.

Johannes 10,9

Im Modell führt ein Priester ein Schaf zu diesem Tor. Draußen aber stehen Esel und Kamele – unreine Tiere, die nicht geopfert werden durften und nicht hineinkamen (3. Mose 11,4).3 Damit sagt schon der Eingang das Entscheidende: Man naht sich Gott nicht auf einem selbstgewählten Weg und nicht mit einer beliebigen Gabe, sondern nur so, wie er es bestimmt hat. Es gibt nur einen Weg.

Vor dem Eingang: Esel, Schaf und Ziegen.

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich.

Johannes 14,6

3. Der Brandopferaltar: das stellvertretende Opfer

Durch das Tor ging man direkt auf den Brandopferaltar zu, der aus Akazienholz gefertigt und mit Kupfer überzogen war (2. Mose 27,1-2). Bevor irgendjemand weiter nach innen durfte, musste vor diesem Altar Blut fließen. Das Modell zeigt den ganzen Vorgang: Ein Mann legt dem Opfertier die Hand auf, im Beisein eines Priesters; ein Tier wird geschlachtet; ein Priester trägt die Schale mit dem Blut.

Die Handauflegung ist der Schlüssel. Sie bedeutet: Dieses Tier tritt an meine Stelle.

Der Mann legt die Haende auf das Opfertier; die Priester tragen das Blut zum Altar.

Und er soll seine Hand auf den Kopf des Brandopfers stützen, so wird es wohlgefällig für ihn sein, um Sühnung für ihn zu erwirken.

3. Mose 1,4

Der Anbeter legte seine Schuld auf ein unschuldiges Tier; das Tier starb an seiner Statt. Genau dieses Bild nimmt Jesaja auf, wenn er das stellvertretende Leiden des Messias ankündigt:

Wir alle gingen in die Irre wie Schafe … aber der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld.

Jesaja 53,6

Und das Neue Testament nennt den, auf den alle diese Opfer wiesen, beim Namen – es ist der, den Johannes der Täufer ankündigte:

Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!

Johannes 1,29

Ohne Blut gab es keinen Zugang. Der Hebräerbrief fasst das Gesetz der Stiftshütte in einem Satz zusammen und deutet zugleich das Kreuz:

… und ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.

Hebräer 9,22

Die vielen Tiere mussten immer wieder geopfert werden. Das eine Opfer Christi geschah ein für alle Mal:

… durch dieses Opfer des Leibes Jesu Christi ein für alle Mal geheiligt.

Hebräer 10,10

4. Das Waschbecken: die tägliche Reinigung

Zwischen Altar und Zelt stand ein kupfernes Becken voll Wasser. Die Priester mussten sich daran Hände und Füße waschen, ehe sie den Dienst taten – „damit sie nicht sterben“ (2. Mose 30,18-21). Im Modell steht es genau dort, auf dem Weg vom Altar zum Heiligtum.

Das Waschbecken weist uns darauf hin, dass wir der täglichen Reinigung durch Jesus bedürfen, um Gott dienen zu können:

Wer gebadet ist, hat es nicht nötig, gewaschen zu werden, ausgenommen die Füße, sondern er ist ganz rein.

Johannes 13,10

5. Das Heilige

Durch einen zweiten Vorhang trat der Priester in den ersten Raum des Zeltes, das Heilige. Kein Tageslicht drang herein. Hier standen drei goldene Geräte: der Leuchter, der Schaubrottisch und der Räucheraltar. Im Modell kann man durch die Öffnung des Zeltes hineinsehen und sie erkennen.

Blick in die Stiftshuette durch die geöffnete Seite.

Der Leuchter: das Licht

Der siebenarmige Leuchter (die Menora) war aus einem einzigen Stück reinen Goldes getrieben (2. Mose 25,31-40). Er war die einzige Lichtquelle im Heiligen – ohne ihn herrschte völlige Dunkelheit.

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Johannes 8,12

Der Leuchter musste aus einem Stück gearbeitet sein – nicht zusammengesetzt. Und er brannte mit reinem Olivenöl, das die Priester Tag und Nacht in Gang hielten (3. Mose 24,2-4). Das Öl ist in der Schrift ein Bild des Heiligen Geistes; das Licht ist Christus, das Leben der Menschen (Johannes 1,4).

Der Schaubrottisch: das Brot der Gegenwart

Dem Leuchter gegenüber stand ein goldüberzogener Tisch mit zwölf Broten – für jeden Stamm Israels eines. Sie hießen „Brote des Angesichts“, weil sie beständig vor dem Angesicht Gottes lagen (2. Mose 25,23-30).

Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern …

Johannes 6,35

Zwölf Brote für zwölf Stämme: Das ganze Volk war beständig vor Gott gegenwärtig – getragen von dem einen Brot. Jesus deutet das Bild weiter auf sich selbst:

Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Johannes 6,51

Der Räucheraltar: die Fürbitte

Unmittelbar vor dem Vorhang zum Allerheiligsten stand der kleine goldene Räucheraltar. Auf ihm stieg Tag und Nacht wohlriechender Rauch auf (2. Mose 30,1-8). Im Modell steht der Hohepriester genau hier – vor dem Vorhang, am Räucheraltar. Das Räucherwerk ist ein Bild des Gebets:

Lass mein Gebet vor dir gelten wie ein Räucheropfer …

Psalm 141,2

Die Offenbarung nimmt dasselbe Bild auf: Der Rauch des Räucherwerks steigt mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor (Offenbarung 8,3-4). Der Ort des Räucheraltars – dicht vor dem Vorhang, an der Grenze zur Gegenwart Gottes – zeigt, was Christus jetzt für die Seinen tut:

… weil er für immer lebt, um für sie einzutreten.

Hebräer 7,25

6. Der Vorhang: der Zugang

Zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten hing ein schwerer Vorhang aus blauem und rotem Purpur, Karmesin und Byssus, in den Cherubim eingewirkt waren (2. Mose 26,31-33). Er verwehrte den Zugang. Hinter ihm wohnte Gott; wer unbefugt eintrat, musste sterben. Der Vorhang sagte: Der Weg ist noch nicht offen (Hebräer 9,8).

Als Jesus am Kreuz starb, geschah im Tempel etwas Unerhörtes:

Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten.

Matthäus 27,51

Von oben nach unten – von Gott her, nicht von Menschenhand. Der Hebräerbrief deutet diesen Vorhang und sein Zerreißen ausdrücklich: Der Vorhang war das Fleisch Christi; durch seinen Tod ist der Weg in die Gegenwart Gottes ein für alle Mal geöffnet.

… auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch.

Hebräer 10,20

7. Das Allerheiligste: die Bundeslade und der Sühnedeckel

Im hintersten Raum stand nur ein Gegenstand: die Bundeslade, ein goldüberzogener Kasten (2. Mose 25,10-22). Auf ihr lag der Sühnedeckel aus reinem Gold, überschattet von zwei Cherubim. Zwischen ihnen wohnte die Gegenwart Gottes:

… dort werde ich mit dir zusammenkommen und mit dir reden von dem Sühnedeckel herab, zwischen den beiden Cherubim.

2. Mose 25,22

Einmal im Jahr, am großen Versöhnungstag, sprengte der Hohepriester das Blut des Opfers auf diesen Deckel (3. Mose 16,14-15). Unter dem Deckel lagen die Gesetzestafeln – Gottes gerechte Forderung, die das Volk gebrochen hatte (Hebräer 9,4). Über dem gebrochenen Gesetz aber lag der Deckel, und auf dem Deckel das Blut. So begegneten sich Gottes Gerechtigkeit und seine Gnade, ohne dass eine der beiden verletzt wurde.

Das Neue Testament sagt, dass genau dieser Sühnedeckel auf Christus wies. Paulus gebraucht dasselbe Wort, das die griechische Bibel für den Deckel verwendet (hilastērion):

… den Gott hingestellt hat als Sühnemittel durch den Glauben an sein Blut …

Römer 3,25

Der Sühnedeckel war der Ort, an dem das Blut die Schuld bedeckte. Christus ist dieser Ort – nicht mehr im Bild, sondern in Person.4 Johannes sagt es ohne Bild:

… und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

1. Johannes 2,2

8. Die Wolken- und Feuersäule: Gott ist da

Über dem Allerheiligsten zeigt das Modell eine Säule, die zwischen Wolke und Feuer wechselt. Sie bildet ab, was geschah, als die Stiftshütte fertig war:

Da bedeckte die Wolke das Zelt der Zusammenkunft, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung.

2. Mose 40,34

Tagsüber eine Wolke, nachts ein Feuer – so war Gott sichtbar bei seinem Volk und führte es: Wenn die Wolke sich erhob, brach Israel auf; wenn sie blieb, blieb das Volk (2. Mose 40,36-38). Gottes Gegenwart war zugleich Schutz, Führung und Nähe.

Auf diese Gegenwart weist der Name, den der Messias trägt:

… und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Matthäus 1,23

Was die Wolke andeutete, ist am Ende vollkommen erfüllt. Die letzte Vision der Bibel nimmt das Wort von der Stiftshütte wieder auf – nun ohne Vorhang, ohne Trennung:

Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein …

Offenbarung 21,3

9. Das ganze Zelt

Von außen war die Stiftshütte unscheinbar: Ihre äußerste Decke bestand aus schlichten Fellen, ohne Gestalt und Schönheit. Erst wer eintrat, sah das Gold. Auch darin ist sie ein Bild dessen, von dem es heißt, er hatte „keine Gestalt und keine Pracht“ (Jesaja 53,2) – und war doch der Herr der Herrlichkeit.

Die Stiftshütte war von Anfang an nur ein Modell – „ein Abbild und Schatten des Himmlischen“ (Hebräer 8,5). Das Wahre ist Christus selbst: der Eingang und das Opfer, das Licht und das Brot, der Priester und der Vorhang, der Sühnedeckel und die Gegenwart Gottes. In ihm ist alles eins geworden, was das Zelt in vielen Bildern zeigte.

Und was Gott am Sinai begann – zu wohnen unter den Menschen –, das führt er durch bis zum Ziel. Schon jetzt gilt von denen, die zu Christus gehören:

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

1. Korinther 3,16

Übersicht: Was das Modell zeigt

  • Das eine Tor – 2. Mose 27,16 → Johannes 10,9; 14,6: der eine Weg zu Gott.
  • Schaf hinein, Esel und Kamel draußen – 3. Mose 11,4 → Johannes 1,29: Zugang nur mit dem reinen Opfer.
  • Brandopferaltar, Handauflegung – 3. Mose 1,4 → Jesaja 53,6; Hebräer 9,22; 10,10: das stellvertretende Opfer.
  • Waschbecken – 2. Mose 30,18-21 → Epheser 5,26; Johannes 13,10: einmal gereinigt, täglich erneuert.
  • Leuchter – 2. Mose 25,31-40 → Johannes 8,12: Christus, das Licht.
  • Schaubrottisch – 2. Mose 25,23-30 → Johannes 6,35.51: Christus, das Brot des Lebens.
  • Räucheraltar, Hoherpriester davor – 2. Mose 30,1-8 → Psalm 141,2; Hebräer 7,25: die Fürbitte.
  • Der Vorhang – 2. Mose 26,31-33 → Matthäus 27,51; Hebräer 10,20: der geöffnete Zugang.
  • Bundeslade und Sühnedeckel – 2. Mose 25,22 → Römer 3,25; 1. Johannes 2,2: der Ort der Sühnung.
  • Wolken- und Feuersäule – 2. Mose 40,34-38 → Matthäus 1,23; Offenbarung 21,3: Gott mit uns.

Quellen

  • Grundtexte: 2. Mose 25–31 und 35–40 (Bau und Geräte der Stiftshütte); 3. Mose 1–7 und 16 (Opfer, Versöhnungstag); Hebräer 8–10 (die neutestamentliche Deutung).
  • Josephus Flavius: Jüdische Altertümer III,6 (Beschreibung der Stiftshütte und ihrer Geräte).
  • Roger Liebi: Der Messias im Tempel. Symbolik und Bedeutung des Zweiten Tempels im Licht des Neuen Testaments, 3. Aufl., Bielefeld: CLV 2021, bes. S. 353 f. (die wohnende Herrlichkeit) und S. 611 f. (der Sühnedeckel als hilastērion).
  • Alfred Edersheim: Der Tempel. Seine Ordnungen und Gebräuche zur Zeit Jesu Christi (zum Opferdienst).

Fußnoten

  1. Zum Anklang von Johannes 1,14 (eskēnōsen, „er zeltete“) an die Stiftshütte (griech. skēnē) und die in ihr wohnende Herrlichkeit vgl. Roger Liebi: Der Messias im Tempel, 3. Aufl., Bielefeld: CLV 2021 (im Folgenden: Liebi), S. 353 f.
  2. Vgl. Hebräer 9,1-12, wo der Verfasser die Geräte der Stiftshütte aufzählt und sie auf das Werk Christi hin ausdeutet.
  3. Kamel und Esel gehören zu den unreinen Tieren und waren nicht opferfähig; die Erstgeburt des Esels musste durch ein Lamm ausgelöst werden (2. Mose 13,13). Nur reine Tiere – Rind, Schaf, Ziege, Taube – kamen an den Altar.
  4. Dasselbe griechische Wort hilastērion steht in Römer 3,25 für Christus und in Hebräer 9,5 für den Sühnedeckel der Bundeslade; verwandt sind hilasmos (Sühnung, 1. Johannes 2,2; 4,10) und hilaskomai (sühnen, Lukas 18,13; Hebräer 2,17). Vgl. Liebi, S. 611 f.