Die zwölf Stämme Israels und die Zeit der Richter

Diese Karte zeigt die Aufteilung des Landes Kanaan unter den zwölf Stämmen Israels. Nach der Landnahme unter Josua erhielt jeder Stamm ein eigenes Siedlungsgebiet. Der Stamm Levi bekam kein zusammenhängendes Stammesland, sondern Städte, die über das ganze Land verteilt lagen. Die Nachkommen Josefs wurden durch die beiden Stämme Ephraim und Manasse vertreten.

Zusätzlich sind auf der Karte die Wirkungsgebiete der Richter eingezeichnet. Nach Josuas Tod besaß Israel zunächst keinen König und keine zentrale Regierung. In Zeiten militärischer Bedrohung berief Gott einzelne Männer und Frauen, die das Volk aus der Hand seiner Feinde befreiten.

Bemerkenswert ist, dass sich die Wirkungsgebiete der Richter kaum überschneiden. Richter wie Ehud, Debora, Gideon, Jeftah und Simson begegneten unterschiedlichen Feinden und führten jeweils die bedrohten Stämme ihrer Umgebung. Dadurch ist auch denkbar, dass einige Richter zur gleichen Zeit tätig waren, aber in verschiedenen Teilen des Landes.

Rechts neben der Karte ist der geistliche Kreislauf dargestellt, der sich im Buch der Richter mehrfach wiederholt:

  • Israel lebt in Frieden und dient dem Herrn.
  • Das Volk wendet sich von Gott ab.
  • Es verehrt die Götter der Nachbarvölker.
  • Gott lässt zu, dass Feinde Israel bedrängen.
  • Das Volk erkennt seine Not und ruft zu Gott.
  • Gott beruft einen Richter und schenkt Befreiung.
  • Nach einer Zeit der Ruhe beginnt der Abfall erneut.

Dieser Kreislauf wird im Buch der Richter sieben Mal geschildert und gleicht einer abwärtsführenden Spirale. Zwar rettete Gott sein Volk immer wieder, doch jede neue Generation entfernte sich weiter von ihm. Das Buch der Richter zeigt damit sowohl die Treue Gottes als auch die zunehmende geistliche und gesellschaftliche Unordnung Israels.

Der Amarna-Brief EA 288

Um 1350 v. Chr. schrieb der Stadtfürst von Jerusalem einen verzweifelten Brief an den Pharao: Sein Land werde von Eindringlingen überrannt, eine Stadt nach der anderen falle, er brauche dringend Soldaten. Dieser Brief ist erhalten – als beschriftete Tontafel. Er gehört zu den berühmten Amarna-Briefen und trägt die Nummer EA 288.

Nachbildung der Tontafel EA 288 in zwei Bruchstücken

Nachbildung der Tontafel EA 288 in ihren zwei Bruchstücken – oben die Vorderseite, unten die Rückseite –, montiert auf der Karte der Richterzeit.

WAS DIE AMARNA-BRIEFE SIND

1887 entdeckte eine Bäuerin in Mittelägypten einen ganzen Fund von Tontafeln – das Staatsarchiv des Pharaos Echnaton (Amenophis IV.). Es sind rund 380 Briefe in akkadischer Keilschrift, der diplomatischen Sprache jener Zeit: Korrespondenz zwischen dem ägyptischen Hof und den Fürsten Kanaans und der Nachbarreiche. Viele dieser Fürsten waren Ägypten unterworfen und baten den Pharao immer wieder um Schutz. Sechs dieser Briefe stammen von Abdi-Heba, dem von Ägypten eingesetzten Stadtfürsten von Jerusalem – einer davon ist EA 288.

DIE BEIDEN HÄLFTEN DER TAFEL

Die Tafel ist quer in zwei Stücke zerbrochen; beide sind erhalten. Die Vorderseite (oberes Bruchstück) beginnt mit der Anrede und einer Beteuerung der Treue: Nicht durch Erbe sei er Fürst geworden, sondern:

Nicht mein Vater und nicht meine Mutter haben mich an diesen Ort gesetzt; der starke Arm des Königs hat mich in das Haus meines Vaters gebracht.

EA 288, Vorderseite

Dann folgt die erste Klage: Das ganze Land des Königs sei verloren, überall herrsche Krieg, und man behandle ihn selbst schon „wie einen Habiru“. Die Rückseite (unteres Bruchstück) steigert die Not bis zum bekanntesten Satz des Briefes:

Feindschaft ist gegen mich gerichtet … ich bin wie ein Schiff mitten im Meer! Der starke Arm des Königs nahm einst das Land Naharaim und das Land Kusch – doch jetzt nehmen die Habiru die Städte des Königs. Kein einziger Stadtfürst ist dem König geblieben; alle sind verloren.

EA 288, Rückseite

Abdi-Heba zählt gefallene Fürsten und Städte auf – unter ihnen Zimreda von Lachisch, das die Bibel später als eroberte Königsstadt nennt (Josua 10,31-32) – und endet mit einer dringenden Bitte: Wenn der König nicht noch in diesem Jahr Bogenschützen sende, sei alles verloren. Lieber wolle er sterben, als sein Land untergehen sehen. Das untere Bruchstück ist damit der eindringlichste Teil des ganzen Briefes.

WARUM DER BRIEF FÜR DIE BIBEL WICHTIG IST

  • Er ist eine der frühesten außerbiblischen Erwähnungen Jerusalems („Urusalim“). Der Schwesterbrief EA 287 sagt sogar, der König habe „seinen Namen in Jerusalem auf ewig gesetzt“ – ein Gedanke, der an biblische Worte über Jerusalem erinnert (vgl. 1. Könige 11,36).
  • Er zeigt Kanaan in einem Zustand der Auflösung: Fremde Gruppen erobern das Land, eine Stadt nach der anderen fällt, die ägyptische Oberherrschaft zerbricht – genau das Bild, das man für die Zeit der Landnahme und der Richter erwartet.
  • Im Mittelpunkt stehen die Habiru (auch Apiru): entwurzelte Menschen ohne festen Rechtsstatus. Ihr Name klingt an das hebräische Wort für „Hebräer“ an, und ein Teil der Forschung verbindet sie mit den einwandernden Israeliten.

Hier ist Fund und Deutung sauber zu trennen. Sicher ist: Um 1350 v. Chr. drängten „Habiru“ ins Bergland Kanaans und brachten die alte Ordnung zu Fall. Ob es sich dabei um die Israeliten Josuas handelt, ist nicht bewiesen – der Begriff „Habiru“ wurde im ganzen Alten Orient auch für Söldner und Räuberbanden gebraucht. Doch die Übereinstimmung in Zeit, Ort und Vorgang ist bemerkenswert und passt gut zur biblischen Frühdatierung der Landnahme (um 1400 v. Chr.).

QUELLEN

  • Amarna-Brief EA 288 (VAT 1643, Berlin); Übersetzung nach W. L. Moran, „The Amarna Letters“ (1992).
  • Bibelbezug: Josua 10,31-32 (Lachisch); 1. Könige 11,36 (Gottes Name in Jerusalem). Zur Habiru-Frage vgl. „Zondervan Handbook of Biblical Archaeology“.