Vier nichtchristliche Zeugen des ersten Jahrhunderts

Zeugen von außen
Dass Jesus von Nazareth gelebt hat, wissen wir nicht nur aus dem Neuen Testament. Auch Schriftsteller, die keine Christen waren – ein jüdischer Historiker und drei Beamte bzw. Gelehrte des römischen Reiches – erwähnen ihn und seine Anhänger. Ihre Berichte sind knapp, teils abschätzig, manchmal feindselig. Gerade das macht sie so wertvoll: Es sind Aussagen von Leuten, die kein Interesse daran hatten, den christlichen Glauben zu stützen.
Die vier Texte dieser Tafel stammen aus den Jahrzehnten um 90 bis 120 n. Chr. – also aus der Zeit, als die letzten Augenzeugen starben und das Christentum sich im ganzen Reich ausbreitete. Zusammengenommen bezeugen sie eine erstaunliche Reihe von Tatsachen: dass Jesus wirklich lebte, unter Pontius Pilatus hingerichtet wurde, dass seine Anhänger ihn dennoch als auferstandenen Christus verehrten und ihn – schon damals – als Gott anbeteten.
Die vier Zeugen im Überblick
- Flavius Josephus – jüdischer Historiker, um 93 n. Chr.
- Sueton – römischer Hofbeamter und Biograph, um 120 n. Chr.
- Tacitus – römischer Senator und Geschichtsschreiber, um 116/117 n. Chr.
- Plinius der Jüngere – römischer Statthalter, um 112 n. Chr.
Die Übersetzungen sind wortgetreu von der Ausstellungstafel übernommen. Am Schluss steht eine kurze Auswertung: Was bezeugen diese Quellen zusammen?
1Flavius Josephus
- PERSON
- Jüdischer Priester, Feldherr und Historiker (ca. 37 – nach 100 n. Chr.)
- WERK
- Antiquitates Judaicae (Jüdische Altertümer), Buch 18, Verse 63–64
- ZEIT
- um 93 n. Chr.
- BESONDERHEIT
- Der einzige jüdische Zeuge – und der einzige, der ausführlich von Jesus spricht
Flavius Josephus war ein jüdischer Priester aus vornehmer Familie. Im Jüdischen Krieg gegen Rom (66–70 n. Chr.) wechselte er die Seiten und schrieb später unter kaiserlicher Förderung in Rom seine große Geschichte des jüdischen Volkes. In ihr kommt er zweimal auf Jesus zu sprechen – die folgende Stelle ist die berühmteste (das sogenannte Testimonium Flavianum):
DER TEXT DER TAFEL:
Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er vollbrachte nämlich ganz unglaubliche Taten und war der Lehrer aller Menschen, die mit Lust die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Dieser war der Christus. Und obgleich ihn Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte, wurden doch seine früheren Anhänger ihm nicht untreu. Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie gottgesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorhergesagt hatten. Und bis auf den heutigen Tag besteht das Volk der Christen, die sich nach ihm nennen, fort.
WAS DABEI ZU BEDENKEN IST
Diese Stelle ist die einzige der vier, deren Wortlaut in der Forschung umstritten ist. Wie sie hier steht, kann sie kaum von dem Juden Josephus stammen: Sätze wie „Dieser war der Christus“ oder „er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend“ sind ein Bekenntnis, das nur ein Christ so schreiben würde. Man nimmt daher überwiegend an, dass christliche Abschreiber den Text später ausgeschmückt haben.
Das heißt aber nicht, dass die ganze Stelle erfunden wäre. Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass Josephus tatsächlich über Jesus schrieb und ein späterer, glaubensfreundlicher Bearbeiter einzelne Wendungen hinzufügte. Ein knapper Kern – Jesus lebte, wirkte als weiser Lehrer, wurde unter Pilatus gekreuzigt, und seine Anhänger blieben ihm treu – gilt weithin als echt. Dafür spricht auch, dass eine später entdeckte arabische Fassung des Textes die bekenntnishaften Sätze deutlich vorsichtiger formuliert.
Unabhängig davon nennt Josephus Jesus an einer zweiten Stelle beiläufig „den, der Christus genannt wird“, als er von der Hinrichtung des Jakobus berichtet, „des Bruders Jesu“ (Antiquitates 20,200). Diese kurze Erwähnung ist unumstritten.
QUELLEN
- Flavius Josephus: Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae) 18,63-64; die zweite Erwähnung 20,200.
- Zur überwiegend vertretenen Sicht eines echten, aber christlich überarbeiteten Kerns vgl. die einschlägige Josephus-Forschung; zur arabischen Fassung: S. Pines (1971).
- Übersetzung wortgetreu nach der Ausstellungstafel.
2Sueton
- PERSON
- Gaius Suetonius Tranquillus, römischer Hofbeamter und Biograph (ca. 70 – nach 122 n. Chr.)
- WERK
- De vita Caesarum (Kaiserbiographien), Claudius 25,4 und Nero 16,2
- ZEIT
- um 120 n. Chr.
- BESONDERHEIT
- Bezeugt Unruhen um „Chrestus“ in Rom und die Bestrafung der Christen unter Nero
Sueton war kaiserlicher Sekretär und schrieb Lebensbeschreibungen der römischen Kaiser. In der Biographie des Kaisers Claudius berichtet er von einer Ausweisung der Juden aus Rom:
DER TEXT DER TAFEL – CLAUDIUS 25,4:
Die Juden, welche von einem gewissen Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, vertrieb er (Claudius, 49 n. Chr.) aus Rom.
„Chrestos“ ist eine im Lateinischen und Griechischen häufige Verwechslung für „Christos“ – beide wurden gleich ausgesprochen. Sueton scheint anzunehmen, dieser Chrestus habe damals selbst in Rom Unruhe gestiftet; tatsächlich geht es aller Wahrscheinlichkeit nach um Auseinandersetzungen in der römischen Judenschaft über die Botschaft von Christus. Dieselbe Ausweisung erwähnt auch das Neue Testament: Aquila und Priszilla waren gerade deshalb von Rom nach Korinth gekommen (Apostelgeschichte 18,2).
In der Biographie Neros nennt Sueton dann die Christen ausdrücklich – im Zusammenhang mit den Strafmaßnahmen nach dem Brand Roms (64 n. Chr.):
DER TEXT DER TAFEL – NERO 16,2:
Mit Todesstrafen wurde gegen die Christen (christiani) vorgegangen, eine Sekte, die sich einem neuen, gefährlichen Aberglauben ergeben hatte.
Für Sueton sind die Christen eine lästige neue Bewegung. Doch gerade dieser abschätzige Ton bestätigt unfreiwillig: Es gab in Rom schon in den 60er Jahren eine klar erkennbare Gruppe von Christusanhängern, die man zu Tausenden verfolgen konnte.
QUELLEN
- Sueton: Kaiserbiographien (De vita Caesarum), Claudius 25,4 und Nero 16,2.
- Bibelbezug zur Claudius-Ausweisung: Apostelgeschichte 18,2.
- Übersetzung wortgetreu nach der Ausstellungstafel.
3Tacitus
- PERSON
- Publius Cornelius Tacitus, römischer Senator, Konsul und Geschichtsschreiber (ca. 58 – 120 n. Chr.)
- WERK
- Annalen 15,44
- ZEIT
- um 116/117 n. Chr.
- BESONDERHEIT
- Das gewichtigste heidnische Zeugnis – nennt Christus, Pilatus und die Hinrichtung
Tacitus gilt als der bedeutendste Geschichtsschreiber Roms. Er stammte aus dem Senatorenstand, war Konsul und hatte Zugang zu amtlichen Quellen. In seinen Annalen schildert er, wie Kaiser Nero nach dem großen Brand Roms den Verdacht der Brandstiftung von sich auf die Christen ablenkte:
DER TEXT DER TAFEL:
Um das Gerücht (er sei der Brandstifter) aus der Welt zu schaffen, schob er (Nero) die Schuld auf andere und verhängte die ausgesuchtesten Strafen über die wegen ihrer Verbrechen Verhassten, die das Volk ‚Chrestianer‘ nannte. Der Urheber dieses Namens ist Christus, der unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Für den Augenblick war [so] der verderbliche Aberglaube unterdrückt worden, trat aber später wieder hervor und verbreitete sich nicht nur in Judäa, wo das Übel aufgekommen war, sondern auch in Rom, wo alle Greuel und Abscheulichkeiten der ganzen Welt zusammenströmen und gefeiert werden.
Dieser kurze Absatz ist außerordentlich dicht. Tacitus, der Christentum und Christen offen verachtet, bestätigt als Feind völlig unbeabsichtigt eine ganze Reihe von Punkten, die auch das Neue Testament berichtet:
- Es gab eine historische Person namens Christus.
- Er wurde hingerichtet – „mit der äußersten Strafe“, also am Kreuz.
- Das geschah unter Kaiser Tiberius (14–37 n. Chr.).
- Vollstrecker war der Statthalter Pontius Pilatus – genau der Name, den auch die Evangelien nennen.
- Die Bewegung begann in Judäa und erreichte bald sogar Rom.
Dass ein römischer Senator den Namen des Pilatus und die Hinrichtung unter Tiberius kennt und niederschreibt, ist ein Zeugnis von großem Gewicht – gerade weil Tacitus den Christen alles andere als wohlwollte.
QUELLEN
- Tacitus: Annalen 15,44.
- Bibelbezug: Lukas 3,1 (Tiberius, Pilatus); Matthäus 27; Markus 15; Lukas 23; Johannes 18–19 (Verurteilung durch Pilatus).
- Übersetzung wortgetreu nach der Ausstellungstafel.
4Plinius der Jüngere
- PERSON
- Gaius Plinius Caecilius Secundus, römischer Anwalt und Statthalter (ca. 61 – ca. 113 n. Chr.)
- WERK
- Briefwechsel mit Kaiser Trajan, Epistula X,96
- ZEIT
- um 112 n. Chr., als Statthalter in Bithynien (heute İzmit, Türkei)
- BESONDERHEIT
- Ein Amtsbericht: Wie die Christen leben – und dass sie Christus als Gott anbeten
Plinius war ab etwa 111 n. Chr. kaiserlicher Statthalter in der Provinz Bithynien am Schwarzen Meer. Dort war er für die Anzeigen aus der Bevölkerung gegen die zahlreich lebenden Christen zuständig. Unsicher, wie er mit ihnen verfahren sollte, schrieb er einen ausführlichen Brief an Kaiser Trajan und bat um Anweisung. Dieser Brief ist kein Geschichtswerk, sondern ein amtliches Protokoll – und gerade darum so aufschlussreich:
DER TEXT DER TAFEL:
Denen, die bestritten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, sprach ich die Formel vor und ließ sie die Götter anrufen und zu Deinem Standbild […] mit Weihrauch- und Weinspenden beten und außerdem Christus lästern. Daraufhin konnten sie meines Erachtens freigelassen werden. Denn zu all dem sollen sich wahre Christen nicht zwingen lassen. […]
Sie versicherten, ihre ganze Schuld oder ihr Irrtum habe darin bestanden, dass sie sich regelmäßig an einem bestimmten Tag vor Dämmerung versammelten, um Christus als Gott ein Lied darzubringen und sich durch Eid zu verpflichten – nicht etwa zu einem Verbrechen, sondern zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit, Unterschlagung von anvertrautem Gut. […]
Ist der Christenname an sich strafbar, auch wenn kein Verbrechen vorliegt, oder sind es nur die Verbrechen, die mit dem Namen zusammenhängen?
Plinius beschreibt hier nüchtern, was er über die Christen herausgefunden hat – und liefert damit von außen eine kleine Beschreibung des frühen Gottesdienstes:
- Die Christen versammelten sich an einem festen Tag (dem Sonntag) vor Sonnenaufgang.
- Sie sangen Christus ein Lied „als Gott“ – Jesus wurde also schon damals angebetet, nicht bloß als Lehrer verehrt.
- Sie verpflichteten sich mit einem Eid zu einem sittlichen Leben – die genannten Punkte spiegeln fast wörtlich die Zehn Gebote.
- Wahre Christen ließen sich selbst unter Todesdrohung nicht dazu bewegen, Christus zu lästern.
Aus dem Mund eines römischen Statthalters, der die Christen verhörte und hinrichten ließ, ist das ein bemerkenswertes Zeugnis: Schon rund achtzig Jahre nach dem Kreuz war Christus für seine Anhänger im ganzen Reich Gott, dem man Loblieder sang und für den man zu sterben bereit war.
QUELLEN
- Plinius der Jüngere: Briefe (Epistulae) X,96 (an Kaiser Trajan); die Antwort Trajans folgt in X,97.
- Bibelbezug zum Versammlungstag: Apostelgeschichte 20,7; 1. Korinther 16,2; Offenbarung 1,10 (der „Tag des Herrn“).
- Übersetzung wortgetreu nach der Ausstellungstafel.
Was diese Zeugnisse zusammen ergeben
Keiner dieser vier Männer wollte den christlichen Glauben bestätigen. Ein jüdischer Historiker, zwei kaiserliche Beamte und ein römischer Senator – sie schreiben distanziert, spöttisch oder feindselig. Und doch fügen sich ihre knappen Bemerkungen zu einem klaren Bild zusammen, das genau dem entspricht, was die Evangelien berichten.
Was schon die nichtchristlichen Quellen bezeugen
- Jesus hat wirklich gelebt, in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts (Josephus, Tacitus).
- Er wurde unter Pontius Pilatus hingerichtet, zur Zeit des Kaisers Tiberius (Tacitus; auch Josephus).
- Er galt als Lehrer, dem man außergewöhnliche Taten zuschrieb (Josephus).
- Seine Anhänger blieben ihm über seinen Tod hinaus treu und breiteten sich rasch aus – von Judäa bis Rom (Tacitus, Sueton).
- Sie wurden „Christen“ genannt und schon in den 60er Jahren im ganzen Reich verfolgt (Sueton, Tacitus).
- Sie beteten Christus „als Gott“ an und waren dafür in den Tod zu gehen bereit (Plinius).
Für eine Person der Antike, die weder Kaiser noch Feldherr war, ist diese Bezeugung durch Gegner ungewöhnlich dicht. Kein anderer Wanderprediger jener Zeit hat solche Spuren in der römischen und jüdischen Geschichtsschreibung hinterlassen.
Diese Quellen können und wollen nicht beweisen, dass Jesus der Sohn Gottes ist – das ist eine Frage des Glaubens, nicht der Archäologie. Aber sie zeigen: Der Glaube an ihn hängt nicht in der Luft. Er ist verwurzelt in einer Person, die auch außerhalb der Bibel Geschichte geschrieben hat. Was die Christen bekannten, war schon den Historikern des Altertums eine Tatsache, an der sie nicht vorbeikamen: Dieser Jesus hat gelebt, ist unter Pilatus gestorben – und seine Anhänger verehrten ihn als den auferstandenen Herrn.
Quellen und Übersetzungen
- Flavius Josephus: Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae) 18,63-64; 20,200.
- Sueton: De vita Caesarum, Claudius 25,4; Nero 16,2.
- Tacitus: Annalen 15,44.
- Plinius der Jüngere: Epistulae X,96-97.
- Die deutschen Übersetzungen sind wortgetreu von der Ausstellungstafel „Jesus Christus in den Augen antiker nichtchristlicher Historiker“ übernommen.
