Wie gut ist der Bibeltext überliefert?

Ein Text auf dem Prüfstand
Kein einziges Schriftstück der Antike ist uns im Original erhalten – weder von Homer noch von Platon, weder von Cäsar noch von den Evangelisten. Was wir besitzen, sind Abschriften von Abschriften. Für jeden antiken Text stellt sich darum dieselbe Frage: Wie zuverlässig ist er über die Jahrhunderte zu uns gekommen?
Die Textforschung beantwortet diese Frage mit nüchternen Maßstäben. Zwei davon sind besonders aussagekräftig: Wie groß ist der zeitliche Abstand zwischen dem Original und der ältesten erhaltenen Abschrift? Und wie viele Abschriften sind überhaupt erhalten – denn je mehr Handschriften vorliegen, desto genauer lässt sich der ursprüngliche Wortlaut rekonstruieren. Diese Tafel legt das Neue Testament an genau diese Maßstäbe an und vergleicht es mit den bekanntesten Werken des Altertums.
Das Ergebnis ist eindeutig – und es stammt nicht aus frommer Übertreibung, sondern deckt sich mit dem Urteil der Fachwelt: Kein Werk der Antike ist auch nur annähernd so gut bezeugt wie das Neue Testament.
Inhalt
- 1Der Abstand zum Original
- 2Die Zahl der Abschriften
- 3Bezeugt durch die frühen Schriftsteller
- 4Außerbiblisch bestätigte Personen
1Der Abstand zum Original
Je kürzer die Zeitspanne zwischen der Niederschrift eines Werkes und seiner ältesten erhaltenen Abschrift ist, desto weniger Raum bleibt für Veränderungen. Bei den großen Werken der griechischen und römischen Antike liegen zwischen Original und ältester Kopie meist tausend Jahre und mehr. Beim Neuen Testament sind es nur wenige Jahrzehnte:

Jahre zwischen Abfassung und ältester erhaltener Abschrift (Quelle: Geisler, CMV, Abb. 9.1).
Der Wert für das Neue Testament beruht auf dem Papyrus P52, einem Fragment des Johannesevangeliums, das üblicherweise auf etwa 125 n. Chr. datiert wird – bei einer Abfassung des Evangeliums um 90–100 n. Chr. also ein Abstand von rund einer Generation. Diese Datierung wird in der neueren Paläographie vorsichtiger und mit größerer Spanne angesetzt; doch selbst bei einer späteren Ansetzung bleibt der Abstand mit etwa hundert Jahren einzigartig klein gegenüber den 750 bis 1400 Jahren der übrigen Werke. Schon dieser eine Wert stellt das Neue Testament in eine eigene Klasse: Kein anderes antikes Werk kommt seinem Original so nahe.
2Die Zahl der Abschriften
Der zweite Maßstab ist die schiere Menge. Je mehr Handschriften erhalten sind, desto besser lassen sich Abschreibfehler erkennen und ausgleichen – wo eine Handschrift verderbt ist, korrigieren die anderen. Von den meisten antiken Werken sind nur eine Handvoll Abschriften erhalten. Beim Neuen Testament sind es Tausende:

Zahl der erhaltenen Handschriften (Quelle: Geisler, CMV, Abb. 9.1).
Der Abstand ist gewaltig: Von Platon sind sieben Abschriften erhalten, von Herodot acht, von Cäsar zehn – vom Neuen Testament über fünftausend allein in griechischer Sprache. Und diese Zahl wächst bis heute: Das Institut für neutestamentliche Textforschung in Münster verzeichnet inzwischen rund 5.800 griechische Handschriften; hinzu kommen etwa 10.000 lateinische und rund 9.300 Handschriften in weiteren alten Sprachen. Das Plakat nennt mit 5.686 also eher eine vorsichtige, ältere Zählung. Redlicherweise ist hinzuzufügen, dass viele dieser Handschriften Fragmente sind und nicht das gesamte Neue Testament enthalten – an der überwältigenden Bezeugung des Gesamttextes ändert das nichts.
Bemerkenswert ist, dass dieses Urteil nicht nur von gläubigen Forschern kommt. Auch textkritische Fachleute, die dem christlichen Glauben kritisch gegenüberstehen, bestätigen: Das Neue Testament ist das mit weitem Abstand am besten bezeugte Werk der gesamten Antike.
3Bezeugt durch die frühen Schriftsteller
Es gibt noch einen dritten Weg, die Überlieferung zu prüfen. Die christlichen Schriftsteller der ersten Jahrhunderte – von den Männern der Apostelzeit bis zu den großen Lehrern des 4. Jahrhunderts – zitierten das Neue Testament in ihren eigenen Werken unablässig. Die große Tafel zeigt, welche neutestamentlichen Bücher bei welchem Autor, in welcher Kanonliste, Übersetzung oder auf welchem Konzil bezeugt sind.
Der Befund ist eindrücklich: Schon Polykarp, Ignatius und Clemens von Rom – Männer, die um 95 bis 110 n. Chr. schrieben und zum Teil die Apostel noch persönlich gekannt hatten – zitieren aus dem Neuen Testament. Um 170 n. Chr. bezeugt der Kanon Muratori bereits die meisten Bücher als anerkannte Schrift. Und Autoren wie Irenäus, Tertullian und Clemens von Alexandria führen um 200 n. Chr. fast das gesamte Neue Testament an.
DIE TRAGWEITE IN EINEM SATZ
Man hat errechnet, dass sich der weitaus größte Teil des Neuen Testaments allein aus den Zitaten dieser frühen Schriftsteller wiederherstellen ließe – auch wenn keine einzige durchgehende Bibelhandschrift erhalten wäre. Der Text war schon wenige Jahrzehnte nach den Aposteln überall in Gebrauch, wurde gelesen, ausgelegt und verteidigt.
QUELLEN
- Quelle der Tabelle: Geisler, Um Atheist zu sein, fehlt mir der Glaube, CMV; Tabelle 14.2.
- Frühe Zeugen u. a.: Clemens von Rom (um 95), Ignatius (um 110), Polykarp (um 110–150), Kanon Muratori (um 170), Irenäus, Tertullian, Clemens von Alexandria (um 200).
4Außerbiblisch bestätigte Personen
Ein zuverlässig überlieferter Text ist das eine – seine Verankerung in der wirklichen Geschichte das andere. Die zweite große Tafel führt über dreißig Personen auf, die im Neuen Testament vorkommen und zugleich in nichtchristlichen Quellen bezeugt sind: bei jüdischen und römischen Geschichtsschreibern, auf Münzen, in Inschriften. Das Neue Testament bewegt sich nicht in einer Märchenwelt, sondern unter realen Herrschern, Statthaltern und Priestern.
HERRSCHER UND STATTHALTER
- Kaiser Augustus, Tiberius, Claudius – bezeugt bei Josephus, Tacitus, Sueton u. a.
- Pontius Pilatus – durch die Pilatus-Inschrift von Cäsarea, durch Münzen sowie bei Josephus, Philo und Tacitus.
- Quirinius, Felix, Porcius Festus – bei Josephus und Tacitus.
- Gallio – durch die Inschrift von Delphi, die zugleich hilft, das Wirken des Paulus zeitlich einzuordnen (Apostelgeschichte 18,12-17).
- Sergius Paulus, Erastus, Lysanias – jeweils durch Inschriften (vgl. Apostelgeschichte 13,7; Römer 16,23; Lukas 3,1).
DIE HERODES-FAMILIE UND DIE JÜDISCHE FÜHRUNG
- Herodes der Große, Antipas, Archelaus, Philippus, Agrippa I. und II., Herodias, Bernice, Drusilla – durchweg bei Josephus, teils auf Münzen.
- Der Hohepriester Kajaphas – bezeugt bei Josephus und durch ein Ossuar (Beinkasten) mit seinem Namen.
- Hannas, Ananias, Gamaliel – bei Josephus.
WEITERE PERSONEN
- Johannes der Täufer und Jakobus, der Bruder des Herrn – beide ausführlich bei Josephus.
- Judas aus Galiläa und der ägyptische falsche Prophet (Apostelgeschichte 5,37; 21,38) – bei Josephus.
- Aretas, der Nabatäerkönig (2. Korinther 11,32) – bei Josephus.
Besonders die durch Inschriften bezeugten Namen – Gallio, Sergius Paulus, Lysanias, Erastus – sind gewichtig: Sie bestätigen gerade die beiläufigen Angaben des Lukas, der sich immer wieder als sorgfältiger Geschichtsschreiber erweist. Wo man ihm früher Irrtümer vorwarf, haben Funde ihn mehrfach im Recht bestätigt.
QUELLEN
- Quelle der Tabelle: Geisler, Um Atheist zu sein, fehlt mir der Glaube, CMV; Tabelle 10.1.
- Die Tafel weist ausdrücklich darauf hin, dass die Zusammenstellung nicht vollständig ist; weitere außerbiblische Belege sind bekannt.
Was diese Tafel zeigt
Vier voneinander unabhängige Prüfungen führen zum selben Ergebnis:
- Der zeitliche Abstand zum Original ist beim Neuen Testament kleiner als bei jedem anderen antiken Werk.
- Die Zahl der Handschriften übertrifft alle anderen Werke um ein Vielfaches – Tausende gegenüber einer Handvoll.
- Der Text ist schon in den ersten Jahrzehnten durch die Zitate der frühen Schriftsteller flächendeckend bezeugt.
- Seine Personen sind vielfach außerbiblisch bestätigt – durch Historiker, Münzen und Inschriften.
Daraus folgt zunächst eine nüchterne, aber weitreichende Feststellung: Wir haben allen Grund zu der Gewissheit, dass der Text, den wir heute lesen, mit großer Genauigkeit dem entspricht, was die Apostel und Evangelisten geschrieben haben. Wer die Zuverlässigkeit antiker Überlieferung überhaupt gelten lässt, muss sie beim Neuen Testament in allererster Linie gelten lassen.
Diese Überlieferungstreue beweist für sich genommen noch nicht, dass der Inhalt wahr ist – das ist eine Frage des Glaubens. Aber sie räumt einen weit verbreiteten Einwand aus dem Weg: Der Glaube an Christus stützt sich nicht auf spät entstandene, vielfach verfälschte Legenden, sondern auf einen Text, der so nah an den Ereignissen und so breit bezeugt ist wie kein zweiter aus der Antike. Auf diesem festen Grund steht das Wort, das der Apostel Paulus seinem Schüler Timotheus ans Herz legt:
Das Schlusswort der Tafel
Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir zur Gewissheit geworden ist, da du weißt, von wem du es gelernt hast, und weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche die Kraft haben, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.
2. Timotheus 3,14-17
Quellen
- Norman L. Geisler / Frank Turek: Um Atheist zu sein, fehlt mir der Glaube. Bielefeld: CMV (Christlicher Medienvertrieb) – Abb. 9.1; Tabellen 10.1 und 14.2.
- Zur Handschriftenzahl: Institut für neutestamentliche Textforschung (INTF), Universität Münster.
- Bibelzitat nach der Schlachter-Übersetzung 2000.
