Das Neue Testament spielt nicht im Nirgendwo. Es spielt in einer bekannten Welt – im römischen Reich rund um das östliche Mittelmeer, mit Städten, Straßen und Seewegen, die man auf einer Landkarte wiederfindet. Diese Tafel macht genau das sichtbar: Sie zeigt die Länder und Orte, durch die das Evangelium in einer einzigen Generation von Jerusalem bis nach Rom getragen wurde.

Die Reliefkarte „Die Welt des Neuen Testaments“ mit den Reiserouten und den aufgesetzten Artefakt-Nachbildungen.
Zwei Dinge sind auf ihr verzeichnet. Erstens die Reisen des Apostels Paulus – drei Missionsreisen und die Fahrt als Gefangener nach Rom –, mit farbigen Linien nachgezeichnet. Und zweitens, genau an ihren Fundorten aufgesetzt, Nachbildungen von Fundstücken: Inschriften, ein Relief, eine Götterstatue und ein Spott-Graffito. Jedes dieser Stücke berührt einen Punkt der neutestamentlichen Geschichte – und mehrere von ihnen bestätigen eine Person oder einen Titel, den die Bibel nennt.
Inhalt
- 1Die Reisen des Paulus
- 2Zeugen in Stein: drei Inschriften
- 3Zeugen in Bild und Relief
- Was die Tafel zeigt
1Die Reisen des Paulus
Die Apostelgeschichte des Lukas berichtet, wie Paulus von Antiochia aus dreimal aufbrach, um das Evangelium in Kleinasien und Griechenland zu verkünden, und wie er zuletzt als Gefangener nach Rom kam. Die Tafel unterscheidet die vier Reisen durch Farben:

Die vier Routen: 1. Reise (blau), 2. Reise (rot), 3. Reise (rosa), Reise nach Rom (schwarz gestrichelt). Hin- durchgezogen, zurück gepunktet.
ERSTE MISSIONSREISE – BLAU
Von Antiochia in Syrien über Seleuzia nach Zypern (Salamis, Paphos), dann nach Perge und hinauf ins Bergland: Antiochia in Pisidien, Ikonion, Lystra, Derbe – und auf demselben Weg zurück (Apostelgeschichte 13–14). Auf Zypern begegnete Paulus dem Statthalter Sergius Paulus.
ZWEITE MISSIONSREISE – ROT
Über das kleinasiatische Bergland nach Troas, dann – nach dem Ruf des Mazedoniers – erstmals nach Europa: Neapolis, Philippi, Thessalonich, Beröa, Athen und schließlich Korinth, wo Paulus anderthalb Jahre blieb (Apostelgeschichte 15,36–18,22). In Korinth stand er vor dem Statthalter Gallio.
DRITTE MISSIONSREISE – ROSA
Wieder durch Kleinasien nach Ephesus, wo Paulus zwei bis drei Jahre wirkte, bis der Aufruhr der Silberschmiede um die Göttin Artemis losbrach. Weiter nach Mazedonien und Griechenland, zurück über Milet – wo er von den Ältesten aus Ephesus Abschied nahm – nach Tyrus, Cäsarea und Jerusalem (Apostelgeschichte 18,23–21,17).
DIE REISE NACH ROM – SCHWARZ GESTRICHELT
Als Gefangener von Cäsarea über Sidon und Myra nach Kreta; dann der Sturm, der Schiffbruch bei Malta und die Weiterfahrt über Syrakus, Regium und Puteoli bis vor die Tore Roms – nach Forum Appii und Tres Tabernae – schließlich nach Rom selbst (Apostelgeschichte 27–28).
Es ist bemerkenswert, wie genau Lukas dabei die Verhältnisse trifft: die richtigen Amtstitel, die richtigen Seewege, die richtigen Orte. Gerade diese Genauigkeit machen die Fundstücke auf der Karte greifbar.
QUELLEN
- Grundlage: Ausstellungstafel „Die Welt des Neuen Testaments“.
- Bibelbezug: Apostelgeschichte 13–14 (1. Reise); 15,36–18,22 (2. Reise); 18,23–21,17 (3. Reise); 27–28 (Reise nach Rom).
2Zeugen in Stein: drei Inschriften
Drei der Fundstücke sind steinerne Inschriften – und alle drei bestätigen Menschen oder Amtsbezeichnungen, die in der Apostelgeschichte oder in den Paulusbriefen vorkommen. Sie liegen auf der Karte genau dort, wo Paulus ihnen begegnete.

Von links: Erastus-Inschrift (Korinth), Gallio-Inschrift (Delphi), Sergius-Paulus-Inschrift (Zypern).
SERGIUS PAULUS – DER PROKONSUL VON ZYPERN
Auf Zypern nennt Lukas den Statthalter „Sergius Paulus, einen verständigen Mann“, und bezeichnet ihn als Prokonsul (Apostelgeschichte 13,7). Lange bezweifelte man, ob Zypern von einem Prokonsul verwaltet wurde. Inschriften vom Fund vor Ort bestätigen jedoch genau diesen Titel für den Statthalter der Insel – Lukas hat die Verwaltungsordnung korrekt wiedergegeben.
GALLIO – DER PROKONSUL VON ACHAIA
In Korinth wurde Paulus vor Gallio gebracht, den „Prokonsul von Achaia“ (Apostelgeschichte 18,12). Eine in Delphi gefundene Inschrift – neun zusammengesetzte Steinfragmente eines Briefes des Kaisers Claudius – nennt „Lucius Junius Gallio, meinen Freund und Prokonsul von Achaia“. Sie ist auf das Jahr 52 n. Chr. datierbar. Das macht sie zu einem der wichtigsten Fixpunkte der ganzen neutestamentlichen Zeitrechnung: Weil Gallios kurze Amtszeit bekannt ist, lässt sich Paulus’ anderthalbjähriger Aufenthalt in Korinth fest auf die Jahre 50–52 n. Chr. legen. Die unregelmäßige Form der Nachbildung gibt die aus Bruchstücken zusammengesetzte Originalinschrift wieder.
ERASTUS – DER STADTKÄMMERER VON KORINTH
Ebenfalls in Korinth, nahe dem Theater, fand man 1929 einen großen Pflasterstein mit der lateinischen Inschrift ERASTVS PRO AEDILITATE SVA PECVNIA STRAVIT – „Erastus ließ (dieses Pflaster) für seine Ädilität auf eigene Kosten legen“. Paulus grüßt am Ende des Römerbriefes, den er aus Korinth schrieb, von „Erastus, dem Stadtkämmerer“ (Römer 16,23; vgl. Apostelgeschichte 19,22; 2. Timotheus 4,20). Der lateinische Titel aedilis und der griechische oikonomos („Stadtkämmerer“) bezeichnen dasselbe städtische Finanzamt. Die meisten Fachleute halten es für denselben Mann; einige mahnen wegen der etwas unterschiedlichen Amtsbegriffe zur Vorsicht. Sicher ist: In Korinth gab es zur Zeit des Paulus einen führenden Beamten namens Erastus.
QUELLEN
- Erastus-Inschrift: Korinth, gefunden 1929 (in situ beim Theater). Gallio-Inschrift: Delphi, neun Fragmente eines Claudius-Briefes, datiert 52 n. Chr. Sergius-Paulus-Inschrift: Zypern.
- Bibelbezug: Apostelgeschichte 13,7 (Sergius Paulus); 18,12 (Gallio); Römer 16,23; Apostelgeschichte 19,22; 2. Timotheus 4,20 (Erastus).
- Vgl. auch die Dokumentation „Die Zuverlässigkeit des Neuen Testaments“.
3Zeugen in Bild und Relief
Die drei übrigen Stücke sind keine Inschriften, sondern Bildwerke – und jedes erzählt von der Welt, in die das Evangelium hineinkam.

Von links: das Spott-Graffito des Alexamenos (Rom), das Beute-Relief vom Titusbogen (Rom), die Artemis von Ephesus.
DIE ARTEMIS VON EPHESUS
Die vielbrüstige Statue gibt die Artemis (Diana) von Ephesus wieder, deren Tempel zu den sieben Weltwundern zählte. Als Paulus in Ephesus so viele Menschen für Christus gewann, dass das Geschäft mit den silbernen Artemis-Tempelchen einbrach, entfachte der Silberschmied Demetrius einen Aufruhr: „Groß ist die Artemis der Epheser!“ (Apostelgeschichte 19,23-40). Die Statue macht sichtbar, gegen welche Macht die Botschaft dort antrat.
DAS RELIEF VOM TITUSBOGEN
Das Relief zeigt einen römischen Triumphzug, in dem die Beute aus dem Jerusalemer Tempel getragen wird – der siebenarmige Leuchter (Menora), der Schaubrottisch und die Trompeten. Es stammt vom Titusbogen in Rom und hält die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 n. Chr. fest – jenes Ereignis, das Jesus vorausgesagt hatte (Lukas 21,6.20-24). Ein steinernes Zeugnis vom Ende des Zweiten Tempels.
DAS SPOTT-GRAFFITO DES ALEXAMENOS
Die eingeritzte Zeichnung – ein Mensch, der einen Gekreuzigten mit Eselskopf anbetet, dazu die griechische Kritzelei „Alexamenos betet seinen Gott an“ – ist eine der frühesten bekannten Darstellungen der Kreuzigung überhaupt (um 200 n. Chr., gefunden in Rom). Sie ist als Spott gemeint: Ein heidnischer Schreiber verhöhnt einen christlichen Mitschüler dafür, dass er einen Gekreuzigten als Gott verehrt. Gerade als Spottbild bezeugt es unfreiwillig, was die Christen von Anfang an glaubten – dass der gekreuzigte Christus ihr Herr und Gott ist (vgl. 1. Korinther 1,23: „wir aber predigen Christus als den Gekreuzigten“).
QUELLEN
- Artemis von Ephesus (Apostelgeschichte 19); Titusbogen, Rom (Beutezug aus Jerusalem, 70 n. Chr.); Alexamenos-Graffito, Rom (Palatin, um 200 n. Chr.).
- Bibelbezug: Apostelgeschichte 19,23-40; Lukas 21,6.20-24; 1. Korinther 1,23.
Was die Tafel zeigt
Zusammengenommen ergeben Karte und Fundstücke ein klares Bild: Das Neue Testament ist in der wirklichen Welt des ersten Jahrhunderts verwurzelt. Man kann die Wege des Paulus auf der Landkarte nachfahren, und an mehreren Stationen liegt bis heute ein Stein, der eine Person oder einen Titel bestätigt, den die Bibel nennt.
Besonders die drei Inschriften sind gewichtig. Sie treffen genau die beiläufigen Angaben des Lukas – dass Zypern von einem Prokonsul verwaltet wurde, dass Gallio zur rechten Zeit in Achaia amtierte, dass es in Korinth einen Stadtkämmerer Erastus gab. Solche Einzelheiten kann niemand Jahrhunderte später erfunden haben; sie verraten einen Schreiber, der seine Welt aus erster Hand kannte. Schon der Forscher William Ramsay, der auszog, Lukas Fehler nachzuweisen, kam am Ende zum gegenteiligen Urteil: Lukas ist ein Geschichtsschreiber ersten Ranges.
Die Bildwerke fügen die andere Seite hinzu: Sie zeigen die Mächte, gegen die das Evangelium antrat – die Göttin Artemis, das Rom der Kaiser, den Spott über einen gekreuzigten Gott. Und doch verbreitete sich der Glaube an ebendiesen Gekreuzigten in wenigen Jahrzehnten über diese ganze Karte hinweg, von Jerusalem bis nach Rom. Das ist die eigentliche Botschaft dieser Tafel.
Quellen und Bildnachweis
- Inschriften: Erastus (Korinth, 1929); Gallio (Delphi, Claudius-Brief, 52 n. Chr.); Sergius Paulus (Zypern).
- Bildwerke: Artemis von Ephesus; Titusbogen (Rom); Alexamenos-Graffito (Rom, um 200 n. Chr.).
- Bibelzitate: nach der Schlachter-Übersetzung 2000 (Apostelgeschichte 13–28; Römer 16,23; 1. Korinther 1,23; Lukas 21).
- Weiterführend: Dokumentationen „Die Zuverlässigkeit des Neuen Testaments“ und „Jesus Christus in den Augen antiker nichtchristlicher Historiker“.
