Israel in Ägypten

Spuren des biblischen Berichts nach der Idee des Films Patterns of Evidence

Am richtigen Ort gesucht

Inhalt

Hat Israel wirklich in Ägypten gelebt? Und hat es Ägypten wirklich beim Auszug verlassen? Wer danach in der glanzvollen Zeit Ramses’ II. sucht – dort, wohin die verbreitete Lehrmeinung den Exodus setzt –, findet erstaunlich wenig. Der Filmemacher Timothy Mahoney hat daraus in „Patterns of Evidence“ eine einfache Frage gemacht: Suchen wir vielleicht an der falschen Stelle der Geschichte?

Verschiebt man den Blick an das Ende des Mittleren Reiches, fügen sich die Funde zu einem zusammenhängenden Muster. Es folgt genau den Schritten des biblischen Berichts: Ein semitisches Volk zieht ein, vermehrt sich, wird unterdrückt, erlebt eine Katastrophe – und verschwindet dann plötzlich, während Ägypten machtlos zurückbleibt. Diese Tafel bildet dieses Muster ab; die davor ausgestellten Exponate machen es greifbar.

Die Ausstellungstafel „Israel in Ägypten“ mit Ägyptenkarte, den drei Themenfeldern und dem Nilpegel-Diagramm.

Wichtig ist dabei die saubere Trennung: Was hier gezeigt wird, sind zunächst archäologische Funde – asiatische Einwanderer, semitische Namen, ein hoher ausländischer Beamter, verlassene Siedlungen. Ihre Deutung als Israel in Ägypten ist die These der Ausstellung. Sie steht und fällt mit einer einzigen Frage – der Datierung –, auf die der letzte Abschnitt eingeht.

1Israel zieht nach Ägypten

Die Bibel berichtet, dass Josef als Sklave nach Ägypten kam, zum zweiten Mann im Reich aufstieg und in einer siebenjährigen Hungersnot das Land rettete – und dass daraufhin seine Familie, Israel, nach Ägypten zog (1. Mose 41–47). In welche ägyptische Zeit passt das?

DER PHARAO AM FAYYUM-SEE

Die Tafel führt in die Zeit Amenemhets III. (etwa 1860–1815 v. Chr.), des großen Pharaos am Ende des Mittleren Reiches. Die Griechen nannten ihn Moiris – nach dem Fayyum-See, den er ausbaute. Unter ihm wurde ein großer Kanal vertieft, der den Nil mit dem Fayyum-Becken verbindet; die Araber nennen ihn bis heute Bahr Yussuf, „Josefskanal“. Aus seiner Zeit sind Nilpegelstände überliefert, die auf eine mehrjährige Notzeit deuten (vgl. 1. Mose 41,1-4). Und wie es die Bibel schildert, verlor unter ihm der alte Adel an Macht (vgl. 1. Mose 47,20) – bis auf einen einzigen Wesir ausländischer Herkunft.

DER WESIR AUS DEM AUSLAND

Genau diesen Beamten hat die Archäologie womöglich gefunden. In Avaris (Tell el-Daba) im Nildelta – der Gegend, die die Bibel Goschen nennt – gruben österreichische Archäologen unter Manfred Bietak einen Palast mit einem Grab von deutlich nicht-ägyptischem Charakter aus. Darin lag, absichtlich zerschlagen, die überlebensgroße Statue eines asiatischen Würdenträgers: mit pilzförmiger Frisur nach kanaanäischer Art, gelber Hautfarbe, einem bunten, gestreiften Gewand und einem Wurfholz als Herrschaftszeichen. Der Grabbau war eine kleine Pyramide – in Ägypten sonst den Königen vorbehalten. Zu ihm gehörten zwölf Gräber.

Und als man die Grabkammer öffnete, war sie leer. Nicht bloß beraubt – der Leichnam selbst fehlte. Wer den biblischen Bericht kennt, denkt an die zwölf Söhne Jakobs und an eine bemerkenswerte Notiz: Beim Auszug nahm Israel Josefs Gebeine mit (2. Mose 13,19). Ein Grab Josefs in Ägypten müsste also leer sein.

Ob diese Statue wirklich Josef darstellt, ist damit nicht bewiesen. Die Ausgräber deuten sie zurückhaltend als einen hohen asiatischen Beamten und ordnen sie anders ein; die Gleichsetzung mit Josef vertreten vor allem Forscher, die dem biblischen Bericht vertrauen. Fund und Deutung sind hier sauber zu unterscheiden – doch die Übereinstimmungen sind auffällig.

QUELLEN

  • Grundlage: Ausstellungstafel „Israel in Ägypten“; Idee nach Timothy Mahoney, „Patterns of Evidence: Exodus“.
  • Avaris/Tell el-Daba: Ausgrabungen von Manfred Bietak (Österreichisches Archäologisches Institut).
  • Bibelbezug: 1. Mose 41–47 (Josef); 1. Mose 47,20; 2. Mose 13,19 (Josefs Gebeine). Zu Amenemhet III. als „Moiris“: Herodot; zum Bahr Yussuf die ägyptologische Fayyum-Forschung.

2Israel vermehrt sich in Ägypten

„Die Kinder Israels aber waren fruchtbar … und das Land wurde voll von ihnen“ (2. Mose 1,7). Auch dafür zeigt die Tafel Spuren – und wieder aus dem Mittleren Reich, nicht aus der Ramessidenzeit.

  • Ein Verwaltungspapyrus (der Brooklyn-Papyrus, 13. Dynastie) listet die Diener eines Haushalts auf – ein Großteil (nach Tafelangabe rund 60 %) trägt semitische, also nordwestsemitisch-„asiatische“ Namen.
  • Die berühmte Grabmalerei des Khnum-Hotep II. in Beni Hasan zeigt eine Karawane asiatischer Einwanderer, die um 1892 v. Chr. nach Ägypten zieht – ein Bild genau jener Bevölkerungsgruppe.
  • Ausgrabungen der Einwanderersiedlung in Avaris zeigen: Hier lebten „vorderasiatische Einwanderer“; ihre Toten wurden „mit Blick nach Osten“ bestattet – zurück in die Heimat.

Die Siedlung erzählt zugleich von Not: Die Menschen lebten arm und wurden unterdrückt; auffällig viele Gräber gehören Kleinkindern unter anderthalb Jahren, und es gab mehr Frauen als Männer. Man hat versucht, das mit dem biblischen Befehl zusammenzusehen, die neugeborenen Knaben Israels zu töten (2. Mose 1,15-16). Sicher belegt ist die hohe Kindersterblichkeit; die Verbindung zum Bibeltext ist Deutung.

Eine kleine Korrektur zur Tafelbeschriftung: Die Beni-Hasan-Szene stammt aus dem Grab des Khnum-Hotep II. und gehört in die 12. Dynastie (nicht, wie auf dem Schild vermerkt, „Khnum-Hotep III.“ / „XXII. Dynastie“). Das sollte vor einem Neudruck angepasst werden.

QUELLEN

  • Brooklyn-Papyrus 35.1446 (13. Dynastie); Beni Hasan, Grab des Khnum-Hotep II. (12. Dynastie, um 1892 v. Chr., Prozession unter Abisha).
  • Avaris/Tell el-Daba: Bietak. Bibelbezug: 2. Mose 1,7.11.15-16.

3Israel verlässt Ägypten

Am Ende des Mittleren Reiches zeigt die Archäologie, so die Tafel, „Bilder des Grauens“ – und dann ein plötzliches Verschwinden.

  • In flachen Gemeinschaftsgräbern liegen Tote kreuz und quer übereinander, hastig bestattet – man hat dies mit der Nacht verglichen, in der „ein großes Geschrei in ganz Ägypten“ war (vgl. 2. Mose 12,29-31).
  • Die Häuser von Avaris wurden scharenweise verlassen; anschließend steht die Siedlung leer, bis ein anderes Volk einzieht.
  • Ägypten ist danach machtlos und wird von den Hyksos überrannt.
  • Und die „Klagen des Ipuwer“ schildern eine Landeskatastrophe mit bemerkenswerten Parallelen zu den zehn Plagen.

Ein Volk, das massenhaft aufbricht und eine leere Stadt zurücklässt; ein Reich, das danach zusammenbricht – das ist genau das Bild, das der Auszug Israels hinterlassen würde. Die Ipuwer-Parallelen sind in einer eigenen Dokumentation ausführlich behandelt („Das Klagelied des Ipuwer“).

QUELLEN

  • Grundlage: Ausstellungstafel; Avaris-Befunde nach Bietak; Ipuwer-Papyrus (Leiden I 344).
  • Bibelbezug: 2. Mose 12,29-31 (Tod der Erstgeborenen, Aufbruch). Zu den Ipuwer-Parallelen vgl. die Dokumentation „Das Klagelied des Ipuwer“.

4König Moiris und die Katastrophe am Nil

Der untere Teil der Tafel zeigt ein Diagramm der Nil-Hochwasserstände, die unter Amenemhet III., Amenemhet IV. und Nofrusobek an den Festungen Semna und Kumma in Nubien Jahr für Jahr in den Fels gemeißelt wurden.

Das Nilpegel-Diagramm der Tafel: außergewöhnlich hohe Fluten am Ende des Mittleren Reiches.

Über rund sechzig Jahre wurde hier der jährliche Höchststand des Nils festgehalten. Auffällig sind die ungewöhnlich hohen Marken – bis zu acht Meter über dem späteren Normalstand. So ein aus dem Rahmen fallendes Auf und Ab des Nils bedeutet für ein Land, das ganz vom geregelten Nilhochwasser lebt, wechselnde Not: mal verheerende Überschwemmung, mal ausbleibende Flut und Hungersnot. Die Tafel verbindet diese messbare Katastrophe am Nil mit der biblischen Notzeit – der Hungersnot Josefs ebenso wie den Plagen des Auszugs.

QUELLEN

  • Nilstands-Inschriften von Semna und Kumma (2. Katarakt, Nubien), Zeit Amenemhets III. bis zur frühen 13. Dynastie.
  • Rekonstruktion der Festungen Semna/Kumma auf der Tafel: © Jean Claude Golvin.

5Die Exponate vor der Tafel

Vier Nachbildungen stehen vor der Tafel und machen die Geschichte anschaulich:

Von links: Amenemhet III. (Moiris), der asiatische Wesir, seine Grabpyramide, ein ägyptischer Schreiber.

KOPF DES MOIRIS (AMENEMHET III.)

Der Pharao mit dem gestreiften Königskopftuch (Nemes) ist Amenemhet III. – „Moiris“ –, der Herrscher, in dessen Zeit die Ausstellung Josef und den Beginn Israels in Ägypten einordnet.

KOPF DES WESIRS

Der Kopf mit der pilzförmigen Frisur und dem bunten Gewand gibt die zerschlagene Statue aus Avaris wieder – jenen asiatischen Wesir, den manche mit Josef und seinem „bunten Rock“ (1. Mose 37,3) verbinden. Die gelbe Haut und der Buntrock kennzeichnen ihn als Nicht-Ägypter.

PYRAMIDE DES WESIRS AUS AVARIS

Das kleine Pyramidenmodell bildet den Grabbau dieses Beamten nach – eine Königsform für einen Ausländer. In der Grabkapelle steht (im Modell sichtbar) die kleine Figur des Wesirs im Buntrock. Die echte Grabkammer war leer.

ÄGYPTISCHER SCHREIBER

Die sitzende Schreiberfigur steht für die ägyptische Verwaltung – jenen Beamtenapparat, in den Josef als Verwalter über ganz Ägypten aufstieg (1. Mose 41,41). Der Schreiber war das Rückgrat des Staates, den die Bibel Josef anvertraut sieht.

Der eigentliche Streitpunkt: die Datierung

Wenn dieses Muster so gut passt – warum ist die Zuordnung dann nicht längst anerkannt? Der Einwand ist derselbe wie beim Klagelied des Ipuwer, und er betrifft nicht die Funde, sondern die Zeit: Die verbreitete Lehrmeinung setzt den Auszug ins 13. Jahrhundert v. Chr., in die Zeit Ramses’ II. – vor allem, weil in 2. Mose 1,11 die Stadt Ramses gebaut wird. Sucht man Israel und den Exodus dort, findet man wenig; und die Funde des Mittleren Reiches liegen dann scheinbar „viel zu früh“.

Die Bibel selbst aber datiert den Auszug rund zweihundert Jahre früher, ins 15. Jahrhundert v. Chr. (1. Könige 6,1). Legt man diese Zeitangabe zugrunde – und berücksichtigt, dass die ägyptische Chronologie an mehreren Stellen zu lang angesetzt ist –, dann fällt die ganze biblische Abfolge genau dorthin, wo die Funde tatsächlich liegen: an das Ende des Mittleren Reiches. Der scheinbare Widerspruch entsteht also nicht aus den Funden, sondern aus einem falschen Ansatzpunkt. Wer am richtigen Ort sucht, findet das Muster.

Die Einzelheiten dieser Chronologie sind im „Vortragsskript zur alttestamentlichen Chronologie“ und in der Dokumentation „Das Klagelied des Ipuwer“ ausgeführt.

Was die Station zeigt

Für sich genommen ließe sich jeder einzelne Fund noch anders erklären. Aber es ist – wie schon beim Ipuwer – die Summe, die auffällt: eine semitische Einwanderung, ein hoher ausländischer Beamter mit Buntrock und leerem Pyramidengrab, eine wachsende, dann unterdrückte Bevölkerung, hastige Massengräber, eine plötzlich verlassene Stadt, ein zusammenbrechendes Reich und eine Katastrophe am Nil. Kein einzelner dieser Funde beweist den Exodus – aber zusammen ergeben sie genau das Muster, das der biblische Bericht erwarten lässt.

Das ist der Gedanke von „Patterns of Evidence“: nicht ein einzelner Beweis, sondern ein wiederkehrendes Muster an der richtigen Stelle der Geschichte. Die Ausstellung lädt den Besucher ein, Fund und Deutung selbst zu prüfen – und dabei die Frage neu zu stellen, ob der Auszug Israels wirklich, wie oft behauptet, „ohne jede Spur“ geblieben ist.

Die Soleb-Inschrift

Weit im Süden, im heutigen Sudan, ließ Pharao Amenophis III. um 1400 v. Chr. einen prächtigen Tempel errichten. An einer seiner Säulen steht ein kurzer Name, der zu den kostbarsten Zeugnissen für die Bibel gehört – denn er nennt, mehr als tausend Jahre vor unseren ältesten hebräischen Handschriften, den Namen Gottes.

Nachbildung des Soleb-Reliefs mit dem Namensring der Schasu von Jhwh

Nachbildung des Soleb-Reliefs: ein gefesselter Schasu-Gefangener über dem Namensring „Land der Schasu von Jhwh“, montiert auf der Nubien-Karte der Station.

WAS AUF DER SÄULE STEHT

Der Tempel von Soleb war dem Gott Amun-Re geweiht. Auf seinen Säulen ließ Amenophis III. die Völker darstellen, die er zu besiegt haben beanspruchte – jeweils als gefesselter Gefangener über einem ovalen Namensring. Einer dieser Ringe trägt die Hieroglyphen für „ta schasu jhw“ (gesprochen: ta-SCHA-su JAH-we) – „das Land der Schasu von Jhwh“.

Die Schasu waren semitische Nomaden („Viehhirten“), die die Ägypter im Raum südlich Kanaans, in Edom und im Bergland von Seir, ansiedelten. „Jhw“ aber ist nach übereinstimmender Einschätzung der Fachleute der Gottesname JHWH (Jahwe) – hier gebraucht als Bezeichnung für das Gebiet, in dem die Verehrer dieses Gottes lebten.

DIE ÄLTESTE SPUR DES GOTTESNAMENS

Das macht die Inschrift so bedeutsam: Sie ist die älteste bekannte Erwähnung des Namens JHWH außerhalb der Bibel – rund 150 Jahre vor der ersten Nennung „Israels“. Schon um 1400 v. Chr. war den Ägyptern eine Nomadengruppe bekannt, die man über den Namen ihres Gottes, Jahwe, bezeichnete. Eine spätere Kopie derselben Liste findet sich im Tempel von Amara-West aus der Zeit Ramses’ II. (13. Jahrhundert).

EIN WICHTIGER HINWEIS ZUR BEZEICHNUNG

Dieser Fund wird gern als „älteste Erwähnung Israels“ vorgestellt. Genau genommen trifft das nicht zu und sollte präzisiert werden: Soleb nennt den Gottesnamen JHWH, nicht den Volksnamen Israel. Die älteste außerbiblische Nennung des Namens „Israel“ steht auf der etwa 150 Jahre jüngeren Merenptah-Stele (um 1208 v. Chr.). Beide Funde ergänzen einander aber auf schöne Weise: Soleb bezeugt früh den Gott Israels, Merenptah wenig später das Volk Israel.

Ob die „Schasu von Jhwh“ bereits die frühen Israeliten waren, lässt sich nicht beweisen; möglich ist es. Sicher aber gilt: Der Name Jahwe ist keine spätere Erfindung, sondern war schon zur mutmaßlichen Zeit des Auszugs (nach biblischer Frühdatierung um 1446 v. Chr.) in Ägypten bekannt – als Name des Gottes einer Nomadengruppe genau in jener Gegend, durch die Israel zog.

Quellen

  • Grundlage: Ausstellungstafel „Israel in Ägypten“; Idee nach Timothy Mahoney, „Patterns of Evidence: Exodus“ (2015).
  • Archäologie: Avaris/Tell el-Daba (M. Bietak); Beni Hasan, Grab Khnum-Hotep II.; Brooklyn-Papyrus 35.1446; Nilstands-Inschriften Semna/Kumma. Festungsrekonstruktion © Jean Claude Golvin.
  • Soleb-Inschrift: Tempel Amenophis’ III. (Nubien), Ausgrabung M. Schiff Giorgini; vgl. die Liste von Amara-West (Ramses II.). Die Merenptah-Stele nennt um 1208 v. Chr. erstmals „Israel“ (vgl. „Zondervan Handbook of Biblical Archaeology“).
  • Bibelzitate: nach der Schlachter-Übersetzung 2000 (1. Mose 37; 41–47; 2. Mose 1; 3,14-15; 12–13; 1. Könige 6,1).
  • Weiterführend: Dokumentationen „Das Klagelied des Ipuwer“ und „Vortragsskript zur alttestamentlichen Chronologie“.