Jerusalem-Modell

Jede Stadt der Welt benötigt eine zuverlässige Wasserversorgung. Viele große Städte der Antike entstanden darum an den Ufern großer Flüsse: Ninive am Tigris, Babylon am Euphrat und Memphis am Nil. Anders sah es im Land Kanaan aus. Der einzige Fluss dieses Landes war der Jordan – doch an seinen Ufern finden wir keine nennenswerte Stadt des Altertums. Die Ureinwohner Kanaans bauten ihre Städte lieber auf Hügeln, um sich besser vor feindlichen Angriffen schützen zu können. Entscheidend für die Gründung einer Stadt war jedoch auch hier die gesicherte Wasserversorgung. Im Falle Jerusalems war es die Gihon-Quelle, die den Ausschlag gab: Ihretwegen wurde die Stadt ausgerechnet an diesem schmalen Hügel über dem Kidrontal errichtet.1
Die Siedlungsgeschichte dieses Ortes reicht weit zurück. Bereits um 1800 v. Chr. stand stand hier eine befestigte kanaanitische Stadt, deren Namen wir aus ägyptischen Ächtungstexten und später aus den Amarna-Briefen kennen.2 Damals lebten hier kanaanitische Bewohner; später war die Stadt als jebusitische Festung bekannt.
Die Bibel erwähnt einen frühen König dieser Stadt: Melchisedek, „König von Salem“, der Abraham segnete (1. Mose 14,18).3
Um das Jahr 1000 v. Chr. eroberte David diese Festung und machte sie zur neuen Hauptstadt des Königreiches Israel.4 Nach dem biblischen Bericht drangen seine Männer durch den „Wasserschacht“ (hebräisch zinnor) in die Stadt ein – eben durch das Wasserversorgungssystem, das zur Gihon-Quelle hinabführte (2. Samuel 5,6–9; 1. Chronik 11,4–7).5
Das Wasser der Gihon-Quelle sprudelt aus einem senkrechten Felsspalt am Fuß des Osthangs. Es ist eine Karstquelle, die nicht gleichmäßig fließt, sondern stoßweise hervorbricht – mehrmals am Tag, je nach Jahreszeit.6 Sie galt als äußerst ergiebig: Schätzungen zufolge reichte ihr Wasser aus, um mindestens 10.000 Menschen täglich mit 20 Litern zu versorgen. Da ein Großteil jedoch ungenutzt abfloss, hätte die Quelle allein etwa 2.500 Menschen dauerhaft versorgen können.7
Schon lange vor David war die Quelle aufwendig gesichert. Zwischen 1995 und 2008 legten die Archäologen Ronny Reich und Eli Schukron rund um den Gihon ein gewaltiges Verteidigungssystem aus der mittleren Bronzezeit (um 1800 v. Chr.) frei: einen massiven „Quellturm“ mit bis zu sieben Meter dicken Mauern aus riesigen Felsblöcken, der die Quelle unmittelbar umschloss, und einen befestigten Gang, dessen Wände bis zu neun Meter hoch erhalten sind.8 So konnten die Bewohner auch bei einer Belagerung geschützt zum Wasser hinabsteigen. In der Nähe liegt auch der sogenannte Warren-Schacht, ein natürlicher Felskamin, benannt nach Charles Warren, der ihn 1867 untersuchte. In welcher Weise und zu welcher Zeit genau dieser Schacht zum Wasserversorgungssystem gehörte, ist umstritten.9
An dieser Quelle wurde Geschichte geschrieben. Hierher ließ der greise David seinen Sohn Salomo hinabführen, um ihn dort von Zadok und Nathan zum König salben und unter Posaunenschall ausrufen zu lassen (1. Könige 1,33–45). Und der Prophet Jesaja sprach von den „sanft fließenden Wassern Siloahs“ als Bild des stillen Vertrauens auf Gott, das Juda verwarf (Jesaja 8,6).
Um das Jahr 700 v. Chr., als die Bevölkerung wuchs und der assyrische König Sanherib gegen Jerusalem heraufzog, ließ König Hiskia das Wasser der Quelle durch einen Tunnel in die Stadt leiten und verschloss den Zugang von außen (2. Chronik 32,2–4.30; 2. Könige 20,20).10 Der Hiskia-Tunnel ist rund 533 Meter lang und windet sich in S-Form durch den massiven Fels. Zwei Arbeitstrupps trieben ihn gleichzeitig von beiden Enden vor und trafen sich – dem Schall der Spitzhacken folgend – in der Mitte. Eben dieses dramatische Zusammentreffen schildert die 1880 nahe dem südlichen Ausgang entdeckte Siloah-Inschrift, einer der kostbarsten althebräischen Texte (heute im Archäologischen Museum Istanbul).11 So gelangte das Wasser unterirdisch westwärts in den Teich Siloah – „hinab zur Stadt Davids“, wie es in der Schrift heißt (2. Chronik 32,30); gerade diese Ortsangabe bestätigt, dass der Osthügel die alte Davidsstadt ist.12
Der Bau dieses Tunnels war eine großartige ingenieurtechnische Leistung. Dabei tragen die Namen der beiden Wasserstellen eine eigene Botschaft in sich: „Gihon“ bedeutet „das Hervorbrechende“ – ein Wasser, das aus der Tiefe der Erde emporquillt.13 „Siloah“ bedeutet „der Gesandte“.14 So wurde das lebendige Wasser, das aus der Tiefe hervorbricht, durch den Tunnel in die Stadt gesandt, um ihr das Leben zu ermöglichen.
Da die Quelle Gihon sich außerhalb der Stadt befand, musste ihr Wasser vor dem Bau des Siloah-Tunnels mühsam in die Stadt geschleppt werden. Nach dem Bau des Tunnels kam das Wasser von selbst in die Stadt hinein. Das alles ist ein wunderbares Bild: Gott ist die Quelle allen Lebens. Die Quelle des Lebens ist nicht in uns selbst. Sie ist noch nie in uns selbst gewesen. Aber durch Jesus Christus, seinen Gesandten, kommt das Leben in uns hinein. Er ist die Quelle des Lebens, gesandt vom Vater.
Eines Tages heilte Jesus einen blindgeborenen Bettler, indem er mit Speichel einen Brei aus Erde machte und ihn auf seine Augen strich und ihm dann befahl, zum Teich Siloah zu gehen und diesen dort abzuwaschen. Als der Mann dies tat, wurde er sehend. Jesus tat dieses Wunder auf diese außergewöhnliche Weise, um den Menschen die Augen dafür zu öffnen, dass er tatsächlich der Gesandte des Vaters ist. Darum bezeugte der Geheilte den blinden Blindenleitern Israels: „Von Ewigkeit her ist nicht gehört worden, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen aufgetan hat. Wenn dieser nicht von Gott wäre, könnte er nichts tun.“
Fußnoten
- Vgl. Wikipedia, „City of David (archaeological site)“ (2026). ↩
- Jerusalem erscheint bereits in den ägyptischen Ächtungstexten (19./18. Jh. v. Chr.) und in den Amarna-Briefen (14. Jh. v. Chr., als „Urusalim“). Vgl. R. Reich, Excavating the City of David (2011); Wikipedia, „City of David“ (2026). ↩
- Zur Gleichsetzung von „Salem“ (1. Mose 14,18) mit Jerusalem vgl. Psalm 76,3, wo „Salem“ parallel zu „Zion“ steht. ↩
- Zur Datierung der Eroberung um 1000 v. Chr. vgl. Holman’s Bible Atlas (um 993 v. Chr.). ↩
- Vgl. Christian Publishing House, „The Water Tunnels at the Spring of Gihon“ (2025). ↩
- Vgl. D. Deming, Groundwater (2020); BibleWalks, „Gihon Spring“. ↩
- Zahlen nach J. Wilkinson, „Ancient Jerusalem: Its Water Supply and Population“, PEQ 106 (1974), S. 33. ↩
- R. Reich / E. Shukron, Levant 36 (2004); Wikipedia, „Warren’s Shaft“ (2026). Eine 14C-Studie des Weizmann-Instituts (2017) erwägt für Teile der Anlage auch eisenzeitliche Reparaturen. ↩
- Vgl. Wikipedia, „Warren’s Shaft“ (2026). ↩
- Zum Feldzug Sanheribs (701 v. Chr.) vgl. die Sanherib-Annalen (Taylor-Prisma). Die Datierung des Tunnels in die Zeit Hiskias ist durch Paläographie und 14C-Analysen abgesichert. ↩
- Vgl. Wikipedia, „Siloam inscription“ (2026); Center for Online Judaic Studies. Die Inschrift (heute Istanbul) nennt – auffällig – den König nicht. ↩
- Vgl. City of David, „The Siloam Inscription“ (2025). Gerade die Angabe von 2. Chronik 32,30 („westwärts hinab zur Stadt Davids“) gilt als Beleg, dass der Osthügel die alte Davidsstadt ist. ↩
- Gihon (hebräisch) ist gebildet aus gijach – hervorbrechen; stöhnen; ziehen (https://www.csv-bibel.de/strongs/h1521). ↩
- Hebr. Schiloach, von schalach „senden“. ↩
