Jerusalem-Modell

Nicht alle Bewohner Jerusalems lebten gleich. Während die vornehmen Priesterfamilien in ihren Villen residierten, hatte sich am Südwestrand des Zionsbergs eine ganz andere Gemeinschaft niedergelassen: die Essener.1 Sie waren eine streng fromme jüdische Gruppe, die in Gütergemeinschaft lebte, sich um Reinheit und Heiligkeit mühte und sehnlich auf das Kommen des Messias wartete. Einige von ihnen erwarteten sogar zwei Gesalbte, einen priesterlichen und einen königlichen. Die antiken Schriftsteller Josephus, Philo und Plinius der Ältere beschreiben die Essener ausführlich.2 Bekannt sind sie vor allem durch ihre Siedlung am Toten Meer, Qumran, wo man 1947 ihre Schriftrollen fand – darunter die ältesten erhaltenen Handschriften biblischer Bücher.3
Dass auch in Jerusalem Essener wohnten, schließt man aus einem „Tor der Essener“, das der jüdische Geschichtsschreiber Josephus an dieser Ecke der Stadt erwähnt. Der Benediktiner Bargil Pixner grub hier in den 1970er Jahren ein altes Tor aus und verband es – samt einer auffälligen Häufung von Tauchbädern am Hang – mit diesem Viertel.4 Sicher ist die Deutung nicht – andere Forscher bezweifeln sie, und eine prächtige Villa am selben Hang passt schlecht zur Askese der Essener –, doch sie fügt sich in ein Bild: In den Jahren, in denen Jesus auftrat, war Jerusalem von einer intensiven Messias-Erwartung erfüllt.5
Nach ihren eigenen Ordnungen mussten die Aborte außerhalb der Siedlung liegen – die Tempelrolle verlangt sie in einiger Entfernung nordwestlich der heiligen Stadt, verdeckt und außer Sicht; und Josephus berichtet, jeder Essener habe ein kleines Grabscheit besessen, um seine Notdurft in einer Grube zu verrichten und sorgfältig zu bedecken, während man am Sabbat darauf ganz verzichtete, um die Ruhe nicht durch Graben zu verletzen.6 Für Jerusalem nennt Josephus gleich beim „Tor der Essener“ einen Ort „Bethso“, den man als bet-zoa – „Abort“ – deutet: Die Essener hätten die Stadt durch ihr eigenes Tor verlassen, um ihre Toiletten außerhalb der Mauer aufzusuchen.7 Am Toten Meer scheint sich dieselbe Sitte zu bestätigen: Nordwestlich von Qumran fand man einen Bereich, dessen Boden Spuren menschlicher Darmparasiten trägt – vermutlich die Latrine der Gemeinschaft, außerhalb der Siedlung, wie es die Rollen vorschrieben.8
Eine reizvolle, aber unsichere Vermutung knüpft an dieses Viertel an: Als Jesus zwei Jünger aussandte, das Passamahl vorzubereiten, sollten sie „einem Menschen begegnen, der einen Krug Wasser trägt“, und ihm bis in ein Haus folgen (Markus 14,13; Lukas 22,10). Nun war das Wasserschöpfen und -tragen in Krügen gewöhnlich Frauensache; ein wasserkrugtragender Mann fiel auf. Weil die Essener in ehelosen Männergemeinschaften lebten und solche „Frauenarbeit“ selbst verrichteten, hat der Benediktiner Bargil Pixner vermutet, jener Wasserträger habe die Jünger in ein Haus im Essener-Viertel geführt, das nahe beim überlieferten Abendmahlssaal lag.9 Beweisen lässt sich das nicht; viele Forscher halten die These für überzogen, zumal auch der Zölibat der Essener nicht ausnahmslos galt.10
Die Essener suchten den Messias hinter den Mauern ihres Viertels, in Absonderung und peinlicher Reinheit. Der Messias aber, als er kam, saß zu Tisch mit Zöllnern und Sündern und sprach: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“ (Markus 2,17).
Fußnoten
- Vgl. TaborBlog, „Last Days of Jesus“; Biblical Archaeology Society. ↩
- Josephus, Jüdischer Krieg 2,119–161; Philo; Plinius d. Ä., Naturgeschichte 5,17. Die Essener erwarteten zwei Gesalbte – einen priesterlichen (aus Aaron) und einen königlichen (aus David). ↩
- Vgl. bibleinterp.arizona.edu (Qumran-Handschriften als älteste erhaltene Bibeltexte). ↩
- Josephus, Jüdischer Krieg 5,145. B. Pixner grub 1977 mit D. Chen ein Tor mit drei übereinanderliegenden Schwellen aus (unterste 1. Jh. v. Chr.). Vgl. Biblical Archaeology Society. ↩
- M. Broshi legte am selben Hang eine prächtige herodianische Villa frei, deren Reichtum nicht zur Askese der Essener passt; Pixners weitergehende These vom letzten Abendmahl im Essener-Viertel ist spekulativ. Vgl. Biblical Archaeology Society. ↩
- Vorschrift: Tempelrolle (11Q19, Kol. 46: Aborte außerhalb der Stadt, nordwestlich, „nicht sichtbar“); Kriegsrolle (1QM 7,6–7); Grundlage 5. Mose 23,13–15. Zum Verhalten der Essener (Grabscheit, Bedecken, Sabbat-Verzicht): Josephus, Jüdischer Krieg 2,147–149. ↩
- Josephus nennt „das sogenannte Bethso“ nahe dem „Tor der Essener“ (Jüdischer Krieg 5,145). Y. Yadin deutete Bethso als hebr. bet-zoa („Abort“); die Deutung ist umstritten (Bethso und Tor evtl. zwei verschiedene Mauerstellen). Vgl. Y. Yadin, „The Gate of the Essenes and the Temple Scroll“ (1976). ↩
- J. Tabor, J. Zias und S. Harter-Lailheugue identifizierten nordwestlich von Qumran einen Latrinenbereich anhand von Eiern menschenspezifischer Darmparasiten im Boden (Revue de Qumran 2006). Die Essener-Zuordnung Qumrans ist selbst nicht unbestritten. ↩
- B. Pixner, „Jerusalem’s Essene Gateway“ (Biblical Archaeology Review 1997); aufgegriffen von der Biblical Archaeology Society und J. Tabor. Hintergrund des Arguments: Wasserschöpfen galt gewöhnlich als Frauenarbeit. ↩
- Ein Nachweis christlicher Nutzung am Cenacle im 1. Jh. fehlt; die Essener-Deutung des Quartiers ist unsicher; der essenische Zölibat galt nicht ausnahmslos (Josephus, Jüdischer Krieg 2,160–161: ein heiratender Zweig). Vgl. Grokipedia, „Cenacle“. ↩
