Das Kidrontal

Jerusalem-Modell

Das Kidrontal

Zwischen dem Tempelberg und dem Ölberg zieht sich ein tiefes Tal hinab: das Kidrontal. Sein hebräischer Name ist von einer Wurzel abgeleitet, die „trauern, schwarz werden, sich verdunkeln“ bedeutet. Durch seine Sohle floss zur Regenzeit der Bach Kidron ins Tote Meer. So steil fielen seine Hänge ab, dass sie den Tempelberg im Osten begrenzten und keine Erweiterung zuließen.1 Am Westhang, am Fuß der Davidsstadt, entspringt die Gihon-Quelle.

Dieses Tal ist voller Geschichte. Über den Kidron floh einst David weinend und barfuß vor seinem aufständischen Sohn Absalom (2. Samuel 15,23.30); an seinen Hängen verbrannten fromme Könige die Götzenbilder (1. Könige 15,13; 2. Könige 23,4–6.12). Als „Tal Josaphat“ – „der HERR richtet“ – gilt es als Ort des Gerichts (Joel 4,2.12).

Bis heute bedecken tausende Gräber die Hänge des Kidrontals, in der Hoffnung auf die Auferstehung, wenn der Messias kommt und seine Füße auf den Ölberg setzt. Einige dieser Gräber sind besonders alt und mächtig, zum Beispiel die „Absalom-Säule“ und das „Grab des Secharja“.2

Über das Kidrontal führte nach der Mischna ein Damm vom Tempelberg zum Ölberg: Auf ihm geleitete der Priester die rote Kuh (vgl. 4. Mose 19) zur Verbrennungsstätte. Seine spezielle Bauweise – „Bogen über Bogen“ – sollte verhindern, dass Unreinheit von etwaigen Gräbern im Untergrund die Priester traf. Die Säulen der Bögen wurden dazu versetzt angeordnet, damit die Unreinheit nicht ungehindert über eine lange Säule zum Weg des Priesters hinaufsteigen konnte.3

Die makellose rote Kuh wurde über das Kidrontal gebracht, um auf dem Ölberg zur Reinigungsasche verbrannt zu werden. Ihre Asche sollte Menschen, die durch die Berührung einer Leiche unrein geworden waren, wieder kultisch rein machen. Jesus ging freiwillig durch das Kidrontal (Johannes 18,1), um am Fuße des Ölbergs, in Gethsemane, das Werk seiner Sühne zu beginnen. Hier begann sein Leiden, sein „Verbrennen“ für uns, das auf Golgatha vollendet wurde. Hier fiel sein Schweiß wie Blut zur Erde (Lukas 22,44). Sein Blut, das er bereits hier zu vergießen begann, reinigt uns bis in unser Gewissen hinein (Hebräer 9,13–14). Es nimmt nicht nur die kultische Unreinheit weg – es wäscht uns rein von unserer Sünde (Offenbarung 1,5)!

Fußnoten

  1. Hebr. Kidron von der Wurzel qadar (vgl. https://www.csv-bibel.de/strongs/h6939); das Tal reicht rund 32 km bis zum Toten Meer.
  2. Vgl. Wikipedia, „Silwan necropolis“; „Tomb of the Royal Steward“.
  3. Mischna, Para 3,6. Die doppelte Wölbung diente dem Schutz vor Grab-Unreinheit im Untergrund. Ob es sich um eine frei gespannte Brücke oder – so L. Ritmeyer (kevesch = „Rampe“) – um eine gewölbte Rampe handelte, ist umstritten; manche bezweifeln einen großen Damm überhaupt.