Das Haus des Hohenpriesters

Jerusalem-Modell

Das Haus des Hohenpriesters

In der vornehmen Oberstadt, höher gelegen als der Tempel, standen die Wohnhäuser der mächtigsten Männer Jerusalems – darunter das Haus des Hohenpriesters. Die Archäologie hat von dieser Welt ein eindrückliches Zeugnis freigelegt: das „Herodianische Viertel“ mit prächtigen Villen aus der Zeit des zweiten Tempels. Die größte, die „Palast-Villa“, umfasste rund 600 Quadratmeter auf mehreren Ebenen – mit Mosaikböden, bemalten Wänden und zahlreichen Tauchbädern.1 Die vielen Mikwen und die Lage gegenüber dem Tempel sprechen stark für ein priesterlich geprägtes, auf Reinheit bedachtes Oberschichtsmilieu; in einem Nachbarhaus fand man steinerne Gewichte mit dem Namen „Kathros“ – einer bekannten Hohenpriester-Sippe.2 Ob gerade diese Villa dem Hohenpriester Kaiphas gehörte, lässt sich nicht beweisen. Doch sie zeigt anschaulich, wie ein solches vornehmes priesterliches Haus ausgesehen haben kann, in das man Jesus in der Nacht seiner Gefangennahme führte.3

In diesem Haus spielte sich Entscheidendes ab. Der amtierende Hohepriester war Kaiphas, seit etwa vierzehn Jahren im Amt; im Hintergrund aber zog noch immer sein Schwiegervater Hannas die Fäden, der das Amt selbst neun Jahre lang bekleidet hatte.4 So erklärt es sich, dass Jesus nach der Gefangennahme zunächst Hannas vorgeführt wurde (Johannes 18,13) und dieser ihn anschließend zu Kaiphas weiterschickte (V. 24). Diese beiden Hohenpriester, Schwiegervater und Schwiegersohn, wohnten vielleicht in derselben Villa.

Bei Kaiphas wurde Jesus während der Nacht verhört und verspottet. Auf die Frage, ob er der Christus, der Sohn Gottes sei, bekannte er sich dazu – da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief „Gotteslästerung!“; man speite ihn an und schlug ihn (Matthäus 26,57–68; vgl. Jesaja 50,6). Im Morgengrauen führte man ihn dann ins Synedrium, um ein offizielles Urteil zu fällen (Lukas 22,66).

Im Hof dieses Anwesens verfolgte Petrus das Geschehen. Er sah zu, wie Jesus von Hannas zu Kaiphas geführt wurde und versuchte, möglichst viel mitzubekommen. Doch als er darauf angesprochen wurde, dass er selbst einer seiner Jünger sei, da verleugnete er seinen Herrn dreimal – und „alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn“ (Lukas 22,60).

So stehen in diesem Haus zwei Gestalten einander gegenüber: der korrupte Hohepriester, der den wahren Hohenpriester verurteilt, und der von sich selbst überzeugte Jünger, der fällt – aber durch einen Blick des Herrn zur Buße geführt wird. „Der Herr wandte sich um und blickte Petrus an … Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“ (Lukas 22,61–62).

Fußnoten

  1. Ausgegraben von N. Avigad ab 1969; die größte Villa („Palast-Villa“) umfasste rund 600 m² mit Mosaikböden, bemalten Wänden und Tauchbädern. Vgl. Wikipedia, „Herodian Quarter“.
  2. Im benachbarten „Verbrannten Haus“ fand sich ein Steingewicht mit dem Namen „(Bar) Kathros“ – einer im Talmud (bab. Pesachim 57a) genannten Hohenpriester-Sippe.
  3. Eine Zuordnung der Villa zu Kaiphas ist nicht beweisbar; L. Ritmeyer erwägt eher das Haus des Hannas. Als traditioneller Ort gilt St. Peter in Gallicantu (Osthang des Zionsbergs) mit einer in den Fels gehauenen Grube („Gefängnis Christi“).
  4. Zu den Amtszeiten: Josephus, Jüdische Altertümer 18,34–35 (Hannas 6–15 n. Chr.; Kaiphas ca. 18–36 n. Chr.). Zu den Personen: Lukas 3,2; Johannes 18,13; Apostelgeschichte 4,6.