Der Tempel (um das Jahr 30)

Jerusalem-Modell

Der Tempel (um das Jahr 30)

Das bedeutendste Gebäude Jerusalems war kein Palast und keine Festung, sondern ein Heiligtum. Auf dem Berg Morija hatte schon Salomo um 960 v. Chr. den ersten Tempel errichtet (1. Könige 6); nach dem Babylonischen Exil entstand an seiner Stelle um 515 v. Chr. ein zweiter Tempel, lange nicht so prunkvoll wie der erste (Esra 6,15). Doch das Bauwerk, das Jesus und die Apostel vor Augen hatten, trug die Handschrift eines anderen: Herodes’ des Großen.

Um das Jahr 20/19 v. Chr. begann Herodes das ehrgeizigste Bauvorhaben seines Lebens – den Neubau des Tempels und die gewaltige Erweiterung des Tempelplatzes nach Norden, Westen und Süden. Mit bis zu fünf Meter dicken Stützmauern, die zum Teil bis heute stehen, schuf er eine trapezförmige Plattform von rund 144.000 Quadratmetern, was etwa der Größe von 20 Fußballfeldern entspricht.1 Manche Quadern dieser Mauern sind ungeheuer: Der größte erhaltene Stein der Westmauer misst über dreizehn Meter und wird auf mehrere hundert Tonnen geschätzt.2 Das eigentliche Heiligtum vollendeten eigens dafür ausgebildete Priester in nur anderthalb Jahren; die umliegenden Höfe und Säulenhallen standen nach etwa acht Jahren – damit war der Tempel im Großen und Ganzen fertig und längst in vollem Betrieb. An Ausschmückung und Nebenbauten aber arbeitete man noch jahrzehntelang weiter; vollendet wurde das ganze Werk erst um 64 n. Chr.3 Als man Jesus entgegenhielt: „Sechsundvierzig Jahre ist an diesem Tempel gebaut worden“ (Johannes 2,20), war der Tempel also längst in Gebrauch, die Arbeiten aber noch nicht ganz abgeschlossen.

Von Süden, woher die meisten Pilger kamen, führte eine breite Freitreppe zu der Schönen Pforte hinauf, einem Doppeltor, welches den Eingang zu einem Tunnel darstellte, dem Haupteingang zum Heiligtum. Am Ende des Tunnels stieg man die Treppe hinauf und stand vor den Hulda-Toren.

An der Südwestecke befand sich ein anderer imposanter Eingang. Eine monumentale Treppe führte über einen mächtigen Bogen (heute „Robinson-Bogen“ genannt) von der Marktstraße im Tyropoeontal hinauf in die Königliche Säulenhalle. An eben dieser Südwestecke fand man 1968 einen herabgestürzten Eckstein mit der hebräischen Inschrift „zum Ort des Posaunenblasens“ – von hier kündigte ein Priester mit der Posaune Beginn und Ende des Sabbats an.4

Ein weiterer Bogen verband den Tempelplatz mit der vornehmen Oberstadt.5

Der Tempelplatz war nach Stufen zunehmender Heiligkeit gegliedert. Den äußersten Ring bildete der weite Vorhof der Heiden, zu dem alle Völker Zutritt hatten; eine steinerne Schranke, der Soreg, verwehrte Nichtjuden den Zugang zu den inneren Höfen. Von ihr sind zwei griechische Warntafeln erhalten, die jedem Fremden, der weitergeht, mit dem Tod drohen. Paulus wurde beschuldigt, einen Griechen hinter diese Schranke geführt zu haben (Apostelgeschichte 21,28–29).6 Ringsum liefen mächtige Säulenhallen: im Süden die „Königliche Halle“ (Stoa Basilike), eine Basilika mit 162 korinthischen Säulen in vier Reihen, die Josephus „bemerkenswerter als jedes andere Werk unter der Sonne“ nannte; in diesem allen zugänglichen Bereich saßen die Händler und Geldwechsler, die Jesus hinaustrieb (Matthäus 21,12–13). Im Nordwesten erhob sich die Burg Antonia.7 Im Inneren, hinter dem Soreg, lagen der Frauenvorhof mit den Opferstöcken – wo Jesus die zwei Scherflein der Witwe sah (Markus 12,41–44) –, der Vorhof Israels und der Priestervorhof mit dem großen Brandopferaltar.8 Nahe der Mitte des Platzes stand, golden überzogen, das Tempelhaus selbst; sein Allerheiligstes war leer und durch einen schweren Vorhang verhüllt.9

So prächtig dieses Heiligtum war – Jesus sah sein Ende voraus: „Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden“ (Matthäus 24,2; Markus 13,1–2).10 Als Jesus am Kreuz starb, zerriss der Vorhang des Tempels von oben bis unten (Matthäus 27,51); und im Jahr 70 n. Chr. machten die Römer unter Titus die Voraussage wahr. Nur die vier Stützmauern der Plattform blieben stehen, von denen die Westmauer bis heute bekannt ist; den Triumphzug mit den Tempelgeräten zeigt noch heute der Titusbogen in Rom.11

Schon zu Beginn seines Wirkens aber hatte Jesus von einem anderen Tempel gesprochen: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten“ – „er aber redete von dem Tempel seines Leibes“ (Johannes 2,19.21). Der steinerne Tempel fiel; der wahre Tempel blieb: Jesus Christus, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt (Kolosser 2,9). Und er wohnt nun selbst in der Gemeinde, die der Tempel des lebendigen Gottes ist (2. Korinther 6,16).

Fußnoten

  1. Josephus, Jüdischer Krieg 5,184–247; vgl. L. Ritmeyer, „The Temple Mount in the Herodian Period“.
  2. Vgl. Wikipedia, „Western Wall“ (2026).
  3. Josephus, Jüdische Altertümer 15,420–421; zur Vollendung unter Agrippa II. um 63/64 n. Chr.: Jüdische Altertümer 20,219.
  4. B. Mazar, Grabung 1968. Den Brauch bezeugt Josephus, Jüdischer Krieg 4,582. Vgl. Wikipedia, „Trumpeting Place inscription“ (2026).
  5. Vgl. L. Ritmeyer; bible-scenes.com, „Herod’s Temple Mount“.
  6. Die vollständige Tafel entdeckte Ch. Clermont-Ganneau 1871 (heute Istanbul); ein Fragment kam 1936 hinzu (Israel-Museum). Wortlaut: „Kein Fremder trete innerhalb der Schranke um das Heiligtum; wer ergriffen wird, ist selbst schuld an seinem Tod.“ Vgl. Wikipedia, „Temple Warning inscription“ (2026).
  7. Josephus, Jüdische Altertümer 15,411–416; vgl. O. Peleg-Barkat, „The Royal Portico“; L. Ritmeyer.
  8. Das „Schöne Tor“ (Apostelgeschichte 3,2.10) führte vermutlich in den Frauenvorhof; die dreizehn Opferstöcke nennt die Mischna (Schekalim 6,5).
  9. Josephus, Jüdischer Krieg 5,207–219 (Goldüberzug; leeres Allerheiligstes); Mischna, Joma 5,2.
  10. Josephus, Jüdischer Krieg 7,1–4.
  11. Zur Zerstörung: Josephus, Jüdischer Krieg 6; zum Titusbogen vgl. Wikipedia, „Arch of Titus“ (2026).