Jerusalem des Neuen Testaments (Plakat)

Stadtgestalt und archäologische Einordnung der markierten Orte

Das Ausstellungsplakat zeigt eine rekonstruierte Ansicht Jerusalems im 1. Jahrhundert n. Chr. mit 19 markierten Orten und Bauwerken. [1]

Die Karte führt in das Jerusalem der neutestamentlichen Zeit. Sie zeigt die Stadt in ihrer größten Ausdehnung vor der Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. und verbindet archäologisch bekannte Bauwerke mit Orten, die aus den Evangelien und der Apostelgeschichte vertraut sind. Dabei stehen gesicherte Befunde, wahrscheinliche Lokalisierungen und anschauliche Rekonstruktionen nebeneinander.

Wie die Karte zu lesen ist

Eine Rekonstruktionszeichnung kann die antike Stadt übersichtlich darstellen, muss aber Lücken füllen. Nicht jedes eingezeichnete Gebäude ist archäologisch in genau dieser Form oder an genau dieser Stelle nachgewiesen. Die folgende Dokumentation unterscheidet deshalb zwischen gut belegt, wahrscheinlich lokalisiert und rekonstruiert beziehungsweise umstritten.

Inhalt

1. Jerusalem im 1. Jahrhundert

Jerusalem lag auf mehreren Höhenzügen, die durch das Kidrontal im Osten, das Hinnomtal im Süden und Westen sowie das heute weitgehend aufgefüllte Tyropoiontal innerhalb der Stadt gegliedert wurden. Der älteste Stadtkern, die Davidstadt, zog sich südlich des Tempelberges auf einem schmalen Hügelrücken hin. In hasmonäischer und herodianischer Zeit wuchs Jerusalem vor allem auf den westlichen Hügel und nach Norden. [2][3]

Das religiöse und wirtschaftliche Zentrum war der Tempel. Zu den großen Wallfahrtsfesten strömten Pilger aus Judäa, Galiläa und der Diaspora in die Stadt. Straßen, Treppenanlagen, Wasserbecken, Ritualbäder, Marktplätze und repräsentative Wohnhäuser spiegeln diese Funktion als Heiligtums-, Verwaltungs- und Pilgerstadt wider. [3][4]

2. Archäologische Einordnung der markierten Orte

Die folgende Übersicht verbindet die allgemeine Bewertung der Karte mit den fachlich notwendigen Präzisierungen. Sie ersetzt eine ausführliche Einzelbeschreibung der markierten Orte.

Markierung Ort / Bauwerk Einordnung Dokumentation und Präzisierung
1 Essener-Tor Umstritten Josephus erwähnt ein Essener-Tor. Die Identifizierung mit dem ausgegrabenen Tor am Zionsberg ist möglich, aber nicht sicher. Die Verbindung zu essenischen Latrinen außerhalb der Stadt ist eine weitergehende Hypothese.
2–3 Herodes-Palast und Prätorium Wahrscheinlich Der westliche Herodes-Palast gilt als wahrscheinlichster Ort des Prätoriums und der Verhandlung Jesu vor Pilatus.
4–6 Hippikus-, Phasael- und Mariamne-Turm Literarisch gut belegt; Zuordnung im Gelände umstritten Die Türme sind durch Josephus beschrieben. Auf dem Plakat sind Hippikus und Phasael wahrscheinlich vertauscht: Phasael war mit etwa 45–48 m höher als Hippikus mit etwa 40–42 m; Mariamne erreichte etwa 27–29 m.
7 Palastartige Villa Archäologisch belegt; Besitzer unbekannt Die luxuriöse, wahrscheinlich priesterliche Villa im Herodianischen Quartier ist ausgegraben. Eine Identifizierung als Haus des Hohenpriesters ist nicht belegt.
8 Golgatha Historisch plausibel Der aufgegebene Steinbruch im Bereich der heutigen Grabeskirche lag zur Zeit Jesu wahrscheinlich außerhalb der damaligen Stadtmauer. Der genaue Kreuzigungsplatz ist nicht nachweisbar.
9 Hasmonäer-Palast Literarisch bezeugt; Lage rekonstruiert Ein Hasmonäer-Palast gegenüber dem Tempel wird bei Josephus erwähnt. Seine genaue Lage und bauliche Gestalt sind archäologisch nicht gesichert; auch der Aufenthalt des Herodes Antipas an dieser Stelle bleibt hypothetisch.
10–12 Archive, Xystus und Stadthaus Literarisch bezeugt; Lage hypothetisch Öffentliche Archive, der Xystus und Verwaltungsbauten sind aus antiken Quellen bekannt. Ihre Einzeichnung auf der Karte ist eine plausible städtebauliche Rekonstruktion.
13 Tempel und Tempelberg Archäologisch und literarisch sehr gut belegt Die herodianische Tempelplattform, Stützmauern und mehrere Zugänge sind gut belegt. Das Aussehen des eigentlichen Heiligtums muss aus antiken Beschreibungen und Vergleichsbefunden rekonstruiert werden.
Doppeltor als „Schöne Pforte“ Umstritten Die Gleichsetzung des Doppeltors mit der Schönen Pforte aus Apostelgeschichte 3 ist umstritten. Häufig wird stattdessen ein inneres Tempeltor vorgeschlagen.
Wilson-Bogen, Brücke und Robinson-Bogen Archäologisch gut belegt Die erhaltenen Bogenansätze und Mauern belegen monumentale Zugänge zum Tempelberg. Die vollständigen Brücken-, Treppen- und Straßenkonstruktionen sind rekonstruiert.
14 Teich Bethesda Archäologisch gut belegt; Nutzung teilweise umstritten Die Doppelbeckenanlage mit fünf Säulenhallen passt zu Johannes 5. Ein ausgeprägtes Äskulap- beziehungsweise Serapis-Heiligtum ist besonders für die spätere römische Zeit belegt.
15 Gethsemane Topografisch plausibel Die Lage am Fuß des Ölbergs jenseits des Kidrontals ist gut mit den Evangelien vereinbar. Die exakte Ausdehnung des Gartens ist unbekannt.
16 Kidrontal Topografisch gesichert Das Tal bildete die markante östliche Geländesenke zwischen Jerusalem und Ölberg.
17 Teich Siloah Archäologisch gut belegt Der große stufenförmige Teich der Zweiten-Tempel-Zeit ist ausgegraben. Zwischen Gihonquelle, Hiskia-Tunnel, älterem Pool und dem späteren großen Becken sind mehrere Bauphasen zu unterscheiden.
18 Hinnomtal Topografisch gesichert Das Tal südlich und westlich der Stadt ist eindeutig identifizierbar. Seine religiöse Bedeutung als Hintergrund des Begriffs Gehenna geht über die reine Stadtbeschreibung hinaus.
19 Oberstadt Archäologisch gut belegt Luxuriöse Villen, Ritualbäder, Mosaiken und kostbare Haushaltsgegenstände belegen die wohlhabende, vielfach priesterliche Bevölkerung des westlichen Hügels.
Zweite Stadtmauer und Gennath-Tor Literarisch bezeugt; Verlauf umstritten Josephus nennt die Zweite Mauer und das Gennath-Tor. Der genaue Verlauf der Befestigung ist nicht geklärt.

Die Kategorien beschreiben den Evidenzgrad der Lokalisierung beziehungsweise Rekonstruktion, nicht die historische Bedeutung des jeweiligen Ortes.

3. Der „Stein des Trompeters“

Unten rechts auf dem Plakat ist die Nachbildung eines beschrifteten Kalksteinblocks zu sehen, der 1968 im Zerstörungsschutt unterhalb der Südwestecke des Tempelbergs gefunden wurde. Form und Inschrift zeigen, dass er zu einer Brüstung auf der Tempeldach gehörte und bei der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. auf die Straße hinabstürzte. Das Original befindet sich im Israel Museum. [14]

Die unvollständige hebräische Inschrift bedeutet: „Zum Ort des Trompetenstoßes, um …“. Der Stein kennzeichnete wahrscheinlich den Platz, an dem ein Priester durch ein Trompetensignal den Beginn und das Ende des Sabbats ankündigte, wie Josephus berichtet. Der Fund verbindet einen konkreten Tempeldienst mit einem archäologischen Objekt. [2][14][15]

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Ausstellungsplakat „Jerusalem des Neuen Testaments“, Grafik nach der ESV Study Bible, Crossway 2008.
  2. Flavius Josephus: De bello Iudaico / Jüdischer Krieg, besonders 2,427; 5,136–247; 6,354; sowie Antiquitates Iudaicae / Jüdische Altertümer 15,380–425. – https://penelope.uchicago.edu/josephus/war-5.html
  3. Lee I. Levine: Jerusalem: Portrait of the City in the Second Temple Period (538 B.C.E.–70 C.E.), Jewish Publication Society, Philadelphia 2002.
  4. Jodi Magness: Jerusalem through the Ages: From Its Beginnings to the Crusades, Oxford University Press, New York 2024.
  5. Bargil Pixner / Doron Chen / Shlomo Margalit: „Mount Zion: The ‘Gate of the Essenes’ Re-Excavated“, Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 105 (1989), S. 85–95; Rainer Riesner: „Josephus’ ‘Gate of the Essenes’ in Modern Discussion“, ebd., S. 105–109. – https://www.jstor.org/stable/27931359
  6. Shimon Gibson: „The Trial of Jesus at the Jerusalem Praetorium: New Archaeological Evidence“; zur Lokalisierung des Prätoriums im westlichen Herodes-Palast. – https://www.academia.edu/22894409/The_Trial_of_Jesus_at_the_Jerusalem_Praetorium_New_Archaeological_Evidence
  7. Hillel Geva: „The ‘Tower of David’—Phasael or Hippicus?“, Israel Exploration Journal 31 (1981), S. 57–65. – https://www.jstor.org/stable/27925783
  8. Hillel Geva (Hg.): Jewish Quarter Excavations in the Old City of Jerusalem, Vol. VIII: Architecture and Stratigraphy: The Palatial Mansion, Israel Exploration Society, Jerusalem 2021. – https://www.israelexplorationsociety.com/he/product-page/vol-viii-jewish-quarter-excavations-in-the-old-city-of-jerusalem
  9. Joan E. Taylor: „Golgotha: A Reconsideration of the Evidence for the Sites of Jesus’ Crucifixion and Burial“, New Testament Studies 44 (1998), S. 180–203. – https://www.cambridge.org/core/journals/new-testament-studies/article/golgotha-a-reconsideration-of-the-evidence-for-the-sites-of-jesus-crucifixion-and-burial/EBF49AC4C712692B1834307624C143F9
  10. Urban C. von Wahlde: „The Pool(s) of Bethesda and the Healing in John 5“, Revue Biblique 116 (2009), S. 111–136. – https://www.jstor.org/stable/44090924
  11. Ronny Reich / Eli Shukron: Veröffentlichungen zum Teich Siloah und zur herodianischen Pilgerstraße; Überblick der City of David Foundation. – https://cityofdavid.org.il/en/siloam-pool-opened-eng/
  12. Nahman Avigad: The Herodian Quarter in Jerusalem, Keter, Jerusalem 1989.
  13. Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, 2. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014.
  14. Israel Museum, Jerusalem: „To the place of trumpeting …“, hebräische Inschrift auf einem Brüstungsstein vom Tempelberg, herodianische Zeit. – https://www.imj.org.il/en/collections/191539-0
  15. Flavius Josephus: De bello Iudaico / Jüdischer Krieg 4,582; zum Trompetensignal am Beginn und Ende des Sabbats. – https://penelope.uchicago.edu/josephus/war-4.html