Münzen, Kreuzigung, Grabwache und die Überlieferung des Neuen Testaments
Die Welt des Neuen Testaments zum Anfassen
Inhalt
- Die Welt des Neuen Testaments zum Anfassen
- 1Münzen aus den Tagen Jesu
- 2Die Kreuzigung: Dornenkrone und Nagel
- 3Die römische Grabwache
- 4Wie die Berichte zu uns kamen
- Ein Schauplatz, den man anfassen kann
Diese Glasvitrine versammelt Nachbildungen von Gegenständen, die den Berichten des Neuen Testaments unmittelbar nahekommen: die Münzen, die durch die Hände der Menschen jener Zeit gingen; die Werkzeuge der Kreuzigung; die Rüstung der römischen Soldaten; und schließlich die Handschriften, durch die uns diese Berichte überhaupt erhalten geblieben sind. Jedes Stück berührt eine konkrete Stelle der Evangelien.
1Münzen aus den Tagen Jesu
Im Neuen Testament ist erstaunlich oft von Geld die Rede – von der Tempelsteuer, vom Zinsgroschen, vom Scherflein der Witwe, von den dreißig Silberlingen. Die Vitrine zeigt Nachbildungen genau solcher Münzen. Sie sind zugleich kleine Zeitanker: Die Köpfe der Kaiser und die Namen der Herrscher datieren die Ereignisse.

Von links: Bronzemünze des Herodes, Augustus-Stater, Tiberius-Denar, Lepton (Scherflein), Tyrus-Schekel.
ZUR ZEIT DER GEBURT JESU: AUGUSTUS UND HERODES
Der Augustus-Stater trägt den Kopf des Kaisers Augustus, der von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr. regierte – des Kaisers, unter dem Jesus geboren wurde (Lukas 2,1). Um eine solche Silbermünze dürfte es sich bei der Tempelsteuer handeln, die Petrus nach Jesu Wort im Maul eines Fisches fand (Matthäus 17,27).
Die Bronzemünze des Herodes des Großen (um 37 v. Chr. geprägt) erinnert an den König, der zur Zeit der Geburt Jesu über Judäa herrschte – und der aus Angst um seine Macht die Kinder von Bethlehem töten ließ (Matthäus 2,16-18).
AUS DEM WIRKEN JESU: DER ZINSGROSCHEN UND DAS SCHERFLEIN
Der Tiberius-Denar zeigt Kaiser Tiberius (14–37 n. Chr.), unter dem Jesus wirkte und starb. Als die Pharisäer Jesus mit der Steuerfrage fangen wollten, ließ er sich eine solche Münze zeigen: „Wessen Bild und Aufschrift ist das?“ – „Des Kaisers.“ – „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Matthäus 22,15-22).
Das Lepton – eine winzige Bronzemünze, hier aus der Zeit des Hasmonäers Alexander Jannäus (um 100 v. Chr.), die noch zur Zeit Jesu umlief – war die kleinste Münzeinheit überhaupt. Es ist das „Scherflein der Witwe“: Jene arme Witwe warf zwei Lepta in den Opferkasten, und Jesus sagte, sie habe mehr gegeben als alle Reichen, denn sie gab „von ihrem Mangel … alles, was sie hatte“ (Lukas 21,1-4).
DER VERRAT: DREISSIG SILBERLINGE

Der Beutel mit den „dreißig Silberlingen“ – nachgebildete Tyrus-Schekel.
Der Tyrus-Schekel zeigt auf der Vorderseite den Stadtgott Melkart. Weil er aus besonders reinem Silber bestand, war er die einzige im Tempel zugelassene Währung – jede Zahlung an den Tempel musste in dieser Münze erfolgen. Und weil er der gängige „Silberling“ war, wurde Judas für seinen Verrat wahrscheinlich in solchen Schekeln bezahlt: „Was wollt ihr mir geben, wenn ich ihn euch ausliefere? Und sie zahlten ihm dreißig Silberlinge“ (Matthäus 26,15). Schon der Prophet Sacharja hatte diese Summe genannt (Sacharja 11,12-13).
QUELLEN
- Bibelbezug: Matthäus 2,16-18; 17,27; 22,15-22; 26,15; Lukas 2,1; 21,1-4; Sacharja 11,12-13.
2Die Kreuzigung: Dornenkrone und Nagel

Die Dornenkrone; darüber die Kreuzesaufschrift in Hebräisch, Latein und Griechisch.
Die Dornenkrone aus verflochtenen Dornzweigen erinnert an die Verspottung Jesu: Die Soldaten „flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie ihm auf das Haupt … und sprachen: Sei gegrüßt, du König der Juden!“ (Matthäus 27,29; Johannes 19,2-3). Was als Hohn gemeint war, wurde zur Wahrheit.
Über der Krone hängt die Kreuzesaufschrift. Pilatus ließ eine Tafel an das Kreuz heften, und zwar – weil viele sie lesen sollten – in drei Sprachen: „Es war aber auch eine Aufschrift über ihm geschrieben in griechischer, lateinischer und hebräischer Schrift: Dieser ist der König der Juden“ (Lukas 23,38; ausführlich Johannes 19,19-20). Die lateinische Zeile IESVS NAZARENVS REX IVDAEORVM ergibt die vier Buchstaben INRI, die man auf unzähligen Kreuzesdarstellungen wiederfindet.
DER NAGEL IN DER FERSE EINES GEKREUZIGTEN
Das unscheinbarste Stück der Vitrine ist zugleich das archäologisch bedeutendste: die Nachbildung eines Fersenbeins, das von einem eisernen Nagel durchbohrt ist, dazu ein römischer Kreuzigungsnagel.

Nachbildung des Fersenbeins mit Nagel (Fund von Giv’at ha-Mivtar) und ein Kreuzigungsnagel.
Das Vorbild wurde 1968 in Giv’at ha-Mivtar bei Jerusalem gefunden: In einem Knochenkasten (Ossuar) lagen die Gebeine eines um 24- bis 28-jährigen Mannes namens Jehohanan, dessen rechtes Fersenbein noch von einem 11,5 cm langen Eisennagel durchbohrt war. Der Nagel war erhalten geblieben, weil seine Spitze beim Einschlagen auf einen harten Knoten im Olivenholz des Kreuzes traf und sich umbog – so ließ er sich nicht mehr herausziehen; Holzreste hafteten noch daran. Es ist bis heute der einzige archäologische Nachweis einer römischen Kreuzigung überhaupt.
Fund und Deutung sind zu unterscheiden: Der Befund – ein durchnagelter Fersenknochen aus dem 1. Jahrhundert – ist gesichert; über Einzelheiten der Körperhaltung am Kreuz haben Fachleute unterschiedlich geurteilt. Für die Berichte der Evangelien ist das Entscheidende bestätigt: Die Römer nagelten Verurteilte tatsächlich ans Kreuz – wie es auch von Jesus berichtet wird und wie es Thomas später mit den „Nägelmalen“ vor Augen stand (Johannes 20,25).
QUELLEN
- Fersenbein mit Nagel: Fund von Giv’at ha-Mivtar (Jerusalem, 1968; Ausgrabung V. Tzaferis, anthropologische Untersuchung N. Haas).
- Bibelbezug: Matthäus 27,29; Lukas 23,38; Johannes 19,2-3.18-20; 20,25.
3Die römische Grabwache

Römische Legionäre in voller Ausrüstung.
Vier römische Legionäre in voller Ausrüstung führen vor Augen, welche Macht damals über das Land herrschte: Schienenpanzer (lorica segmentata), der große rechteckige Schild (scutum) mit dem Zeichen SPQR („Senat und Volk von Rom“), Helm, Kurzschwert (gladius) und Wurfspeer (pilum). Rechts ist die berühmte „Schildkröte“ (testudo) angedeutet, bei der die Soldaten ihre Schilde zu einem geschlossenen Dach zusammenfügten.
Solche Soldaten begegnen im Bericht der Passion mehrfach: Sie vollstreckten die Kreuzigung und würfelten um Jesu Gewänder (Johannes 19,23-24), und sie stellten die Grabwache. Die Hohenpriester baten Pilatus, das Grab zu sichern; er antwortete: „Ihr sollt eine Wache haben; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt!“ (Matthäus 27,65-66). Als das Grab dennoch leer war, erschraken „die Hüter“ und wurden von den Hohenpriestern bestochen, ein anderes Gerücht zu verbreiten (Matthäus 28,4.11-15). Gerade diese Wache macht deutlich, dass mit dem Tod und Begräbnis Jesu alles amtlich abgesichert war.
QUELLEN
- Bibelbezug: Matthäus 27,62-66; 28,4.11-15; Johannes 19,23-24.
4Wie die Berichte zu uns kamen
Am Ende steht die Frage: Wie sind uns all diese Begebenheiten überhaupt überliefert? Die letzten Stücke der Vitrine zeigen den Weg vom antiken Schreibgerät bis zur gedruckten Bibel.
KOPIEN FRÜHERER ABSCHRIFTEN

Nachbildungen: ein Papyrus-Codex mit griechischem Text, eine Schriftrolle und eine mittelalterliche Handschrift.
Zu sehen sind Nachbildungen aus verschiedenen Stufen der Überlieferung: eine Schriftrolle, wie man sie in der Synagoge las; ein Papyrus-Codex (Buch) mit griechischem Text, wie ihn die frühen Christen benutzten; und eine kunstvoll ausgemalte mittelalterliche Handschrift. Weil das Original-Papyrus vergänglich ist, wurde der Text über die Jahrhunderte immer wieder abgeschrieben – von Hand, Kopie um Kopie. Gerade weil so viele Abschriften existieren (beim Neuen Testament tausende), lässt sich der ursprüngliche Wortlaut heute sehr genau wiederherstellen (mehr dazu in der Dokumentation „Die Zuverlässigkeit des Neuen Testaments“).
Die blauen Büchlein im Hintergrund sind Neue Testamente in vielen Sprachen der Welt – das vorläufige Ende dieses Weges: Was auf Papyrus begann, ist heute in fast jede Sprache übersetzt.
DIE WACHSTAFEL

Eine römische Wachstafel mit Schreibgriffel (Stilus) – das Notizbuch der Antike.
Die Wachstafel – zwei mit dunklem Wachs überzogene Holztäfelchen, in die man mit einem Stilus (Schreibgriffel) ritzte – war das wiederverwendbare Notizbuch der Antike. Das flache Ende des Griffels diente zum Glätten, um Geschriebenes zu löschen. Genau so ein Täfelchen begegnet im Neuen Testament: Als man den stummen Zacharias fragte, wie sein Sohn heißen solle, „forderte er ein Täfelchen und schrieb: Johannes ist sein Name!“ (Lukas 1,63). Auf solchen Tafeln lernten Kinder das Schreiben – und auf ihnen wurden erste Notizen festgehalten, ehe sie auf Papyrus ihre dauerhafte Form fanden.
QUELLEN
- Bibelbezug: Lukas 1,63. Zur Textüberlieferung vgl. die Dokumentation „Die Zuverlässigkeit des Neuen Testaments“.
Ein Schauplatz, den man anfassen kann
Für sich genommen ist jedes dieser Stücke klein und unscheinbar: eine Handvoll Münzen, ein Kranz aus Dornen, ein Knochen mit einem Nagel, vier Zinnfiguren, ein paar beschriebene Blätter. Zusammen aber ergeben sie ein dichtes Bild jener Welt, in der das Neue Testament spielt – mit ihren Kaisern und ihrem Geld, ihrer harten römischen Ordnung und ihrer Schreibkunst.
Und sie erinnern daran, dass die Berichte der Evangelien nicht im Reich der Sagen zu Hause sind, sondern in einer nachprüfbaren Geschichte: Man kann die Münzen wiegen, den Fund von Giv’at ha-Mivtar untersuchen, die Handschriften vergleichen. Die Vitrine lädt den Besucher ein, diese Welt buchstäblich mit Augen zu sehen – und der Botschaft nachzugehen, um die es in ihr geht.
Quellen
- Archäologie: Fersenbein mit Nagel – Fund von Giv’at ha-Mivtar (1968). Münzen – Nachbildungen (Herodes, Augustus, Tiberius, Alexander Jannäus, Tyrus).
- Bibelzitate: nach der Schlachter-Übersetzung 2000 (Matthäus 2; 17; 22; 26–28; Lukas 1; 2; 21; 23; Johannes 19–20; Sacharja 11).
- Weiterführend: Dokumentationen „Die Welt des Neuen Testaments“, „Die Zuverlässigkeit des Neuen Testaments“ und „Jesus Christus in den Augen antiker nichtchristlicher Historiker“.
