Die Zeit des Neuen Testaments

Chronologie, Entstehung der Schriften und frühe Handschriftenfunde

Das Ausstellungsplakat ordnet die Entstehung des Neuen Testaments in die politische und geschichtliche Welt des 1. Jahrhunderts ein. Es verbindet die Regierungszeiten römischer Kaiser und regionaler Herrscher mit wichtigen Ereignissen der frühen Christenheit, den Reisen des Apostels Paulus und vorgeschlagenen Entstehungszeiten der neutestamentlichen Bücher.

Wichtiger Hinweis zur Zeittafel

Das Plakat zeigt ein chronologisches Modell. Viele Daten lassen sich nur ungefähr bestimmen; bei mehreren Büchern und Ereignissen bestehen unterschiedliche wissenschaftliche Vorschläge. Die Darstellung soll deshalb als begründete Rekonstruktion gelesen werden, nicht als lückenlos beweisbarer Kalender.

Inhalt

1. Was auf dem Plakat dargestellt wird

Die Zeitleiste reicht ungefähr von der Kreuzigung Jesu bis zum Ende des 1. Jahrhunderts. Mehrere Informationsebenen werden übereinandergelegt:

  • die römischen Kaiser von Tiberius bis Domitian;
  • die für Judäa und Galiläa zuständigen Präfekten, Prokuratoren und herodianischen Herrscher;
  • wichtige Ereignisse wie die Verfolgung der ersten Gemeinde, den Brand Roms und die Zerstörung Jerusalems;
  • Bekehrung, Reisen, Gefangenschaften und mögliche spätere Tätigkeit des Apostels Paulus;
  • die Paulusbriefe sowie vorgeschlagene Entstehungszeiten der übrigen neutestamentlichen Schriften.

Dadurch wird sichtbar, dass die Texte des Neuen Testaments nicht in einem geschichtslosen Raum entstanden. Ihre Verfasser und ersten Leser lebten unter konkreten politischen Bedingungen, reisten auf den Verkehrswegen des Römischen Reiches und reagierten auf Fragen und Konflikte bestimmter Gemeinden.

2. Wie die Chronologie rekonstruiert wird

Das Neue Testament enthält keine durchgehende Jahreszählung. Seine Chronologie wird aus verschiedenen Quellen erschlossen:

  • Angaben in den Evangelien und in der Apostelgeschichte;
  • biografische und geografische Hinweise in den Briefen des Paulus;
  • Regierungszeiten römischer Kaiser, Statthalter und herodianischer Herrscher;
  • Inschriften, Münzen und antike Geschichtsschreiber;
  • frühchristliche Überlieferungen über das Wirken und den Tod der Apostel.

Ein besonders wichtiger Ankerpunkt ist der Aufenthalt des Paulus in Korinth zur Zeit des Prokonsuls Gallio (Apg 18,12–17), dessen Amtszeit gewöhnlich um 51/52 n. Chr. angesetzt wird. Von solchen Fixpunkten aus lassen sich weitere Stationen annähernd zurück- und vorausberechnen. Trotzdem bleibt bei vielen Angaben ein Spielraum von mehreren Jahren.

3. Die Entstehungszeiten der neutestamentlichen Bücher

Das Plakat folgt überwiegend einem frühen Datierungsmodell. Dieses Modell ist innerhalb der neutestamentlichen Forschung vertreten, aber nicht bei allen Büchern Konsens. Besonders bei den Evangelien, der Apostelgeschichte, den Pastoralbriefen, dem Hebräerbrief, dem Jakobusbrief, dem 2. Petrusbrief und der Offenbarung werden unterschiedliche Datierungen begründet.

4. Was frühe Handschriften tatsächlich belegen

Von keinem neutestamentlichen Buch ist das vom Verfasser geschriebene Original erhalten. Die bekannten Papyri sind Abschriften. Ihr Alter ist deshalb nicht mit dem Entstehungsdatum des abgeschriebenen Werkes identisch.

Grundregel der Handschriftenkunde

Eine datierte Abschrift zeigt, dass der betreffende Text spätestens zu dieser Zeit bereits existierte und kopiert wurde. Sie kann jedoch normalerweise nicht angeben, wie viele Jahre zwischen der Abfassung des Werkes und der erhaltenen Abschrift lagen.

Die frühen literarischen Papyri tragen gewöhnlich kein eigenes Datum. Sie werden vor allem paläografisch eingeordnet, also durch den Vergleich der Schrift mit anderen Handschriften. Solche Vergleiche ergeben Näherungszeiträume, keine exakten Jahreszahlen. Je kleiner ein Fragment ist, desto vorsichtiger muss die Datierung formuliert werden.

5. P52 – ein frühes Fragment des Johannesevangeliums

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P52, offiziell P. Rylands Greek 457, ist ein Papyrusfragment mit Teilen aus Johannes 18,31–33 auf der Vorderseite und Johannes 18,37–38 auf der Rückseite. Es misst etwa 8,9 × 6,0 cm und stammt aus einem Kodex, also einem Buch mit beidseitig beschriebenen Blättern. [1]

Der Erstherausgeber Colin H. Roberts datierte das Fragment in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts (etwa 100–150 n. Chr.). Diese Einordnung wurde lange häufig zu der knappen Angabe „um 125“ verdichtet. Neuere Untersuchungen mahnen zu einem breiteren Datierungsrahmen; die John Rylands Library weist darauf hin, dass auch eine Datierung näher bei 200 n. Chr. möglich ist. [1][2]

Aussagewert: P52 belegt, dass das Johannesevangelium spätestens im 2. Jahrhundert in Ägypten abgeschrieben und verbreitet wurde. Das Evangelium selbst muss älter sein als das erhaltene Fragment. P52 erlaubt jedoch keine sichere Datierung des Evangeliums auf ein bestimmtes Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts.

6. P64 – Fragmente des Matthäusevangeliums

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P64, der sogenannte Magdalen-Papyrus, besteht aus drei kleinen, beidseitig beschriebenen Papyrusfragmenten mit Textteilen aus Matthäus 26. Charles Bousfield Huleatt übergab sie 1901 dem Magdalen College in Oxford. Er arbeitete damals in Luxor; wie und wo genau er die Fragmente erwarb, ist nicht bekannt. [3]

Carsten Peter Thiede schlug eine Datierung in das 1. Jahrhundert, möglicherweise vor 70 n. Chr., vor. Diese These erregte große Aufmerksamkeit, hat sich in der papyrologischen Forschung jedoch nicht durchgesetzt. Das Magdalen College bezeichnet das späte 2. Jahrhundert als wahrscheinliche Datierung. Peter M. Head kam nach einem ausführlichen Schriftvergleich zu „um 200 n. Chr.“ und empfahl als vorsichtigen Rahmen etwa 150–250 n. Chr. [3][4]

Aussagewert: P64 gehört zu den frühesten erhaltenen Zeugnissen des Matthäusevangeliums. Es dokumentiert dessen frühe Überlieferung in Kodexform. Folgt man der Datierung nach Thiede, bieten sie einen Beleg dafür, dass das Matthäusevangelium bereits vor 70 n. Chr. geschrieben worden sein muss.

7. 7Q5 – ein Markusfragment?

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7Q5 ist ein sehr kleines griechisches Papyrusfragment aus Höhle 7 von Qumran. Im offiziellen Archiv der Schriftrollen vom Toten Meer wird es als „unidentifizierter Text“ geführt und in die herodianische Zeit eingeordnet. [5]

José O’Callaghan schlug 1972 vor, die wenigen erhaltenen Buchstaben mit Markus 6,52–53 zu identifizieren. Wäre diese Zuordnung sicher, müsste das Markusevangelium bereits vor der Schließung beziehungsweise Aufgabe der Qumranhöhlen im 1. Jahrhundert vorgelegen haben. Die Identifizierung wird jedoch von der großen Mehrheit der Fachleute nicht akzeptiert. Probleme betreffen unter anderem unsichere Buchstabenlesungen, die Rekonstruktion der Zeilenlänge und eine notwendige Textauslassung, die in keiner bekannten Markushandschrift belegt ist. [6]

Aussagewert: 7Q5 ist ein antikes griechisches Papyrusfragment. Vorgeschlagene, aber stark umstritten ist die Identifizierung mit Markus 6,52–53.

8. 4Q521 – die „Messianische Apokalypse“

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4Q521 stammt aus Höhle 4 von Qumran und wird häufig „Messianische Apokalypse“ genannt. Es handelt sich nicht um einen Papyrus und nicht um eine neutestamentliche Handschrift, sondern um einen hebräischen Text auf Pergament aus hasmonäischer Zeit, also wahrscheinlich aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. [7]

Der fragmentarische Text verbindet Aussagen über die endzeitliche Heilszeit mit Motiven aus dem Jesajabuch. Genannt werden unter anderem die Verkündigung einer guten Botschaft an die Armen, Heilungen und die Auferweckung von Toten. Dadurch entsteht eine auffällige inhaltliche Nähe zu Jesu Antwort an Johannes den Täufer in Matthäus 11,4–5 und Lukas 7,22. [8]

Aussagewert: 4Q521 datiert kein neutestamentliches Buch. Seine Bedeutung liegt im religionsgeschichtlichen Hintergrund: Der Text zeigt, dass die Verbindung von messianischer Heilszeit, Heilungen, Totenauferweckung und Verkündigung an die Armen bereits im Judentum vor beziehungsweise zur Zeit Jesu verstanden werden konnte.

Quellen und weiterführende Literatur

  1. University of Manchester, John Rylands Library: „Greek P 457“ (P52). – https://www.digitalcollections.manchester.ac.uk/view/MS-GREEK-P-00457
  2. Brent Nongbri: „The Use and Abuse of P52: Papyrological Pitfalls in the Dating of the Fourth Gospel“, Harvard Theological Review 98 (2005), S. 23–48, DOI 10.1017/S0017816005000842. – https://www.cambridge.org/core/journals/harvard-theological-review/article/use-and-abuse-of-p52-papyrological-pitfalls-in-the-dating-of-the-fourth-gospel/676A4EA909EB03046F89DB8CE1F050BE
  3. Magdalen College, Oxford: „The Magdalen Papyrus P64“. – https://www.magd.ox.ac.uk/blog/the-magdalen-papyrus-p64-possibly-the-earliest-known-fragments-of-the-new-testament-or-of-a-book/
  4. Peter M. Head: „The Date of the Magdalen Papyrus of Matthew (P. Magd. Gr. 17 = P64): A Response to C. P. Thiede“, Tyndale Bulletin 46.2 (1995), S. 251–285, DOI 10.53751/001c.31625. – https://www.tyndalebulletin.org/article/31625-the-date-of-the-magdalen-papyrus-of-matthew-_p-magd-gr-_-17-p64-a-response-to-c-p-thiede
  5. Israel Antiquities Authority, Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library: „7Q Unidentified“ (7Q5). – https://www.deadseascrolls.org.il/explore-the-archive/manuscript/7Q5-1?locale=de_DE
  6. Robert H. Gundry: „No NU in Line 2 of 7Q5: A Final Disidentification of 7Q5 with Mark 6:52–53“, Journal of Biblical Literature 118.4 (1999), S. 698–707, DOI 10.2307/3268112. – https://scholarlypublishingcollective.org/sblpress/jbl/article/118/4/698/184601/No-nu-in-Line-2-of-7Q5-A-Final-Disidentification
  7. Israel Antiquities Authority, Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library: „4Q Messianic Apocalypse“ (4Q521). – https://www.deadseascrolls.org.il/explore-the-archive/manuscript/4Q521-1?locale=de_DE
  8. John J. Collins: „The Works of the Messiah“, Dead Sea Discoveries 1 (1994), S. 98–112, DOI 10.1163/156851794X00202. – https://brill.com/view/journals/dsd/1/2/article-p98_4.xml
  9. D. A. Carson / Douglas J. Moo: An Introduction to the New Testament, 2. Aufl., Zondervan, Grand Rapids 2005.
  10. Eckhard J. Schnabel: Early Christian Mission, 2 Bde., IVP Academic, Downers Grove 2004.
  11. Jonathan Bernier: Rethinking the Dates of the New Testament, Baker Academic, Grand Rapids 2022.
  12. Colin J. Hemer: The Book of Acts in the Setting of Hellenistic History, Eisenbrauns, Winona Lake 1990.