Jerusalem-Modell

Eine Stadt braucht nicht nur Wasser, sondern auch festen Grund unter den Füßen. Wo sich beides traf – eine sprudelnde Quelle und ein wehrhafter Hügel –, dort siedelten die Menschen der Antike am liebsten. In Jerusalem fanden sie genau das: einen schmalen, langgestreckten Bergrücken, im Osten steil zum Kidrontal abfallend, im Westen zum Tyropoiontal, und an seinem Fuß die Gihon-Quelle. Hier, auf diesem südöstlichen Sporn, begann Jerusalem.1
Dieser Hügel ist der älteste Kern der Stadt. Schon lange vor Israel lebten hier Menschen – erste Spuren reichen bis ins dritte Jahrtausend vor Christus zurück, und um 1800 v. Chr. stand bereits eine befestigte kanaanitische Stadt; ein dreißig Meter langer Abschnitt ihrer mächtigen Mauer über dem Kidrontal ist freigelegt.2 Es waren die Jebusiter, die diesen Ort hielten, als Israel ins Land kam. Ihre Stadt war klein – kaum mehr als vier Hektar –, aber durch Mauern und das verborgene Wassersystem zur Gihon-Quelle hervorragend geschützt.3
Um das Jahr 1000 v. Chr. eroberte David diese Festung und machte sie zur Hauptstadt seines Reiches. Die Schrift berichtet, dass seine Männer durch den „Wasserschacht“ in die Stadt eindrangen (2. Samuel 5,6–9); Man nannte die eroberte „Burg Zion“ fortan „Stadt Davids“.4 Hier ließ David sich einen Palast errichten: König Hiram von Tyrus sandte ihm Zedernholz und Bauleute (2. Samuel 5,11). Hier wurde David auch begraben, „in der Stadt Davids“ – wie nach ihm Salomo und die Könige Judas (1. Könige 2,10; 11,43; vgl. Apostelgeschichte 2,29).
Zwei gewaltige Bauwerke aus dieser frühen Zeit prägen den Osthang und tragen den Streit der Forscher in sich: die „Gestufte Steinstruktur“, eine bis zu achtzehn Meter hohe Stützmauer, und darüber die „Große Steinstruktur“, ein monumentales Gebäude, das die Archäologin Eilat Mazar (2005–2008) für einen Teil des Palastes Davids hielt.5 Mehr als jeder andere Ort Israels ist dieser Hügel durchgraben worden – seit Charles Warren 1867 zum ersten Mal den Spaten ansetzte, haben hier vierzehn Expeditionen gearbeitet.6
Sie förderten nicht nur Mauern und Häuser zutage, sondern auch Hunderte winziger Siegelabdrücke aus Ton, sogenannte Bullen – durch den Brand der Zerstörung gehärtet und so erhalten. In einem „Haus der Bullen“ barg Yigal Shiloh einundfünfzig solcher Siegel, darunter das des Schreibers „Gemarja, Sohn Schafans“, der an den in Jeremia 36,10 genannten Schreiber erinnert.7 Nahe der Großen Steinstruktur fand Eilat Mazar die Siegel zweier Hofbeamter, die dem Propheten Jeremia nach dem Leben trachteten: „Jehuchal, Sohn Schelemjas“ und „Gedalja, Sohn Paschhurs“ (Jeremia 37,3; 38,1).8 Über allem liegt die dicke Brandschicht jener Nacht, in der die Babylonier 587/586 v. Chr. die Stadt verbrannten (2. Könige 25,8–10); ein anderer, eilig errichteter Mauerabschnitt wird mit dem Wiederaufbau unter Nehemia verbunden (Nehemia 3; 6,15).9
Fußnoten
- Vgl. Wikipedia, „City of David (archaeological site)“ (2026). ↩
- Ein 30 m langer Abschnitt der mittelbronzezeitlichen Mauer (18. Jh. v. Chr.) ist über dem Kidrontal freigelegt. Vgl. Jewish Virtual Library, „The City of David“; Emek Shaveh. ↩
- Vgl. Holman’s Bible Atlas. ↩
- Die ältere Gleichsetzung des zinnôr mit dem „Warren-Schacht“ gilt heute als fraglich, da dieser zur Zeit Davids vermutlich nicht zugänglich war. Vgl. Wikipedia, „City of David“ (2026). ↩
- E. Mazar, The Palace of King David (2009). Umstritten: I. Finkelstein u. a. bestreiten eine befestigte Stadt des 10. Jh. v. Chr.; A. Mazar u. a. verteidigen die Frühdatierung. Vgl. Wikipedia, „City of David“ (2026). ↩
- Vgl. R. Reich, Excavating the City of David (2011). ↩
- Y. Shiloh, Grabung 1982 (Areal G); vgl. Armstrong Institute, „Discoveries of Eilat Mazar: The Summit“. ↩
- E. Mazar, Grabungen 2005–2008; vgl. Armstrong Institute; Times of Israel (2018). ↩
- Vgl. Armstrong Institute, „Defending Eilat Mazar“. ↩
