Jerusalem-Modell

Wer vom alten Stadtkern, der Davidsstadt, hinauf zum Tempelberg gehen wollte, musste steigen. Genau dieser ansteigende Sattel zwischen beiden Höhen trägt einen eigenen Namen: der Ophel.1 Das hebräische Wort meint eine Anhöhe, eine emporragende Wölbung – „ein hoher Ort, zu dem man hinaufsteigt“; bezeichnenderweise wurde es nur für Hauptstädte gebraucht.2 In der Bibel war der Ophel kein gewöhnliches Wohnviertel, sondern königlicher Boden: König Jotham „baute viel an der Mauer des Ophel“ (2. Chronik 27,3), König Manasse führte eine Außenmauer „sehr hoch um den Ophel“ empor (2. Chronik 33,14), und nach der Rückkehr aus dem Exil wohnten hier die Tempeldiener, die Nethinim, am Fuße des Heiligtums (Nehemia 3,26–27; 11,21).3
Nach biblischem Zeugnis und nach der von Eilat Mazar vertretenen archäologischen Deutung lag hier ein königlicher Verwaltungs- und Palastbereich – der Ort, an dem Salomo nördlich der Davidsstadt sein Haus und die Bauten des Königtums errichtete (1. Könige 7; 9,15).4 Die Archäologin Eilat Mazar legte hier – ab 2009, auf den Spuren ihres Großvaters Benjamin Mazar – eine mächtige Mauer frei, rund siebzig Meter lang, drei Meter breit und stellenweise sechs Meter hoch, samt einem monumentalen, vierkammrigen Torbau, und datierte den Komplex ins 10. Jahrhundert v. Chr.5 Die Maße dieses Tors stimmen fast zentimetergenau mit dem salomonischen Stadttor von Megiddo überein – aus ihrer Sicht ein Hinweis auf einen gemeinsamen Bauplan (vgl. 1. Könige 9,15, wo Jerusalem, Hazor, Megiddo und Geser in einem Atemzug genannt werden).6 In den Vorratsräumen fanden sich riesige Tonkrüge, einer mit der Aufschrift „dem Minister der Bäckerei“ – Spuren einer königlichen Hofhaltung.7
Ein ganz neuer Fund vertieft das Bild: 2023 erkannten Archäologen, dass ein gewaltiger, mindestens sechs Meter tief in den Fels gehauener Graben in früherer Zeit den Ophel von der südlichen Wohnstadt trennte – eine künstliche Schlucht, die das Königs- und Tempelviertel im Norden vom Wohnhügel im Süden abriegelte. Dieser eisenzeitliche Trenngraben wurde bereits im späten 2. Jh. v. Chr. verfüllt und überbaut; zur Zeit Jesu war er nicht mehr sichtbar.8
Das Eindrücklichste aber waren zwei winzige Siegelabdrücke aus Ton. Der eine trägt die Aufschrift „Dem Hiskia, [Sohn des] Ahas, König von Juda“ – bis heute der einzige Siegelabdruck eines judäischen Königs, der je bei einer wissenschaftlichen Grabung gefunden wurde.9 Wenige Meter daneben kam ein zweites Siegel zutage, das man „[dem] Jesaja, dem Propheten(?)“ liest – die Ergänzung „Prophet“ ist allerdings unsicher, da am Rand ein Buchstabe fehlt.10 König und Prophet – genau die beiden, die im Buch Jesaja Seite an Seite stehen, als Assyrien vor den Toren lag. Hier, auf einer Handvoll gebrannten Tons, begegnen sie uns wieder.
Fußnoten
- Vgl. Y. Gadot u. a., Tel Aviv 50/2 (2023). ↩
- Der Begriff wurde offenbar nur für Hauptstädte gebraucht: außer für Jerusalem für Samaria (2. Könige 5,24) und – auf der Mescha-Stele – für die moabitische Hauptstadt (so E. Mazar). Vgl. Armstrong Institute, „What Is the Ophel?“; Biblical Archaeology Society. ↩
- Vgl. Armstrong Institute, „What Is the Ophel?“. ↩
- Vgl. Armstrong Institute, „Discoveries of Eilat Mazar: The Ophel“. ↩
- E. Mazar, The Ophel Excavations (Grabungen ab 2009, nach B. Mazars Großgrabung 1968–78). Umstritten: I. Finkelstein hält die Frühdatierung für bibeltextgeleitet; A. Mazar u. a. stimmen ihr zu. Vgl. Wikipedia, „Ancient city walls around the City of David“. ↩
- E. Mazar; vgl. Armstrong Institute, „Discoveries of Eilat Mazar: The Ophel“. ↩
- Vgl. Armstrong Institute, „Discoveries of Eilat Mazar: The Ophel“. ↩
- Gadot, Bocher, Freud & Shalev, An Early Iron Age Moat in Jerusalem between the Ophel and the Southeastern Ridge/City of David, Tel Aviv 50/2 (2023), 147–170 — Open Access, DOI 10.1080/03344355.2023.2246811. ↩
- E. Mazar, Grabung 2009 (publiziert 2015); vgl. Armstrong Institute, „Discoveries of Eilat Mazar: The Ophel“. ↩
- Vgl. Times of Israel (2018); Armstrong Institute, „About Eilat Mazar“. Strittig ist das wegen einer Fehlstelle fehlende Aleph nach nvy („der Prophet“ oder Personenname). ↩
