Die „Zinne des Tempels“

Jerusalem-Modell

Die „Zinne des Tempels“

Als der Teufel Jesus versuchte, stellte er ihn zweimal an einen hochgelegenen Ort – einer davon war die „Zinne des Tempels“ (Matthäus 4,5; Lukas 4,9). Das griechische Wort pterygion bedeutet wörtlich „Flügelchen“ und meint die äußerste, vorspringende Kante eines Bauwerks.1

Gemeint ist damit wahrscheinlich das östliche Ende des Daches über der Königlichen Säulenhalle – die Südostecke der Anlage, hoch über dem Kidrontal.2 Josephus beschreibt, wie schwindelerregend tief der Blick von dieser Ecke hinab ins Tal war.3 Wer von hier hinabschaute, blickte rund sechsundvierzig Meter bis zum Boden.4 Eben an diese Kante stellte der Versucher den ausgehungerten Jesus und forderte ihn auf, sich hinabzustürzen – Gott werde ihn ja durch seine Engel bewahren. Dabei zitierte er Psalm 91,11–12, ließ aber die Worte „dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ weg. Jesus durchschaute ihn und antwortete, das Wort richtig anwendend: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“ (Matthäus 4,7; 5. Mose 6,16).5

Die Zinne des Tempels begegnet uns auch in der Geschichte der jungen Gemeinde: Nach altkirchlicher Überlieferung wurde Jakobus, der Bruder des Herrn und erste Leiter der Jerusalemer Gemeinde, von der Zinne hinabgestürzt und, als der Sturz ihn nicht sogleich tötete, erschlagen.6

Fußnoten

  1. Für „Tempel“ steht in Matthäus 4,5 / Lukas 4,9 hieron (die gesamte Anlage), nicht naos (das Heiligtum selbst).
  2. Roger Liebi, Der Messias im Tempel, CLV 2021, S. 214 f. Andere denken an die Ostmauer oder an einen Punkt über einem Tempeltor.
  3. Josephus, Jüdische Altertümer 15,412.
  4. Roger Liebi, Der Messias im Tempel, CLV 2021, S. 214 f.
  5. Vgl. Roger Liebi, Der Messias im Tempel, CLV 2021, S. 214 f.
  6. Hegesippus und Clemens von Alexandrien, überliefert bei Euseb, Kirchengeschichte II,23..