Jerusalem-Modell

Im Nordosten der Stadt, nördlich der Burg Antonia, lag ein Doppelteich, den man auf Hebräisch „Bethesda“ nannte. Der Name wird gewöhnlich als „Haus der Barmherzigkeit/Gnade“ gedeutet; die Namensform ist in den Handschriften allerdings nicht einheitlich. Er lag beim Schaftor, jenem Tor, durch das man die Opfertiere zum Tempel brachte (Nehemia 3,1); daher hieß er auch „Schafteich“. Zwei große, in den Fels gehauene Becken, getrennt durch einen breiten Mitteldamm, fassten das Regenwasser; das nördliche war über zehn Meter tief. Zusammen mit den vier Außenseiten und dem Damm ergaben sich fünf Säulenhallen. Eben diese „fünf Hallen“ nennt das Johannesevangelium (Joh 5,2) – ein Detail, das man lange für eine Erfindung hielt, bis die Ausgrabungen bei der Kirche St. Anna den Doppelteich genau so freilegten.1
Unter den Hallen lag „eine Menge Kranker, Blinder, Lahmer, Verdorrter“ – sie warteten auf das „Bewegen des Wassers“, von dem man sich Heilung versprach.2 Schon damals haftete dem Ort ein Heilungsglaube an. Im Zuge der Neugestaltung Jerusalems im 2. Jh. n. Chr. baute Kaiser Hadrian über den Becken sogar ein heidnisches Heilheiligtum für Asklepios und Serapis. Wer auf Heilung hoffte, hinterließ dort ein kleines Dankgeschenk – oft die Nachbildung des kranken Körperteils –, wie Funde aus dem Areal zeigen.3
Unter den Wartenden in der Geschichte aus dem Johannesevangelium lag nun ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank war. Jesus fragte ihn: „Willst du gesund werden?“ Der Mann klagte, er habe keinen Menschen, der ihn ins Wasser bringe. Doch Jesus brauchte das Wasser nicht: „Steh auf, nimm deine Liegematte und geh umher!“ – und sogleich wurde der Mann gesund (Johannes 5,1–9).
Es war ein Sabbat, und sogleich entbrannte der Streit, weil der Geheilte seine Matte trug. Doch das Wunder selbst spricht eine eigene Sprache: Achtunddreißig Jahre lang hatte der Mann auf das bewegte Wasser gehofft – und niemanden gehabt. Nun aber kam die Barmherzigkeit in Person zum „Haus der Barmherzigkeit“ und half ihm ohne das Wasser, allein durch ihr Wort.
Fußnoten
- Der Name „Schafteich“ nach dem Schaftor (griech. probatikē). Das nördliche der beiden Becken war über 10 m tief; die fünf Säulenhallen (vier Außenseiten und Mitteldamm) bestätigten die Ausgrabungen seit C. Schick (19. Jh.) bei der Kirche St. Anna. Vgl. Wikipedia, „Pool of Bethesda“. ↩
- An eine Heilungstradition knüpft die volkstümliche Vorstellung vom „bewegten Wasser“ an (Johannes 5,7). Der erklärende Zusatz Johannes 5,3b–4 (ein Engel bewege das Wasser) fehlt in den ältesten Handschriften und gilt als spätere Glosse. ↩
- Nach 70 n. Chr. errichtete Hadrian über den Becken ein heidnisches Heilheiligtum (Asklepios/Serapis); später entstand eine byzantinische Kirche. Bei den Grabungen fanden sich Weihegaben in Gestalt nachgebildeter Körperteile, darunter ein steinerner rechter Fuß mit griechischer Inschrift, sowie eine mit einer Schlange (dem Symbol des Asklepios) verzierte Säule. Vgl. Pro Terra Sancta / Custodia Terrae Sanctae; Wikipedia, „Pool of Bethesda“. ↩
