Das Hinnomtal

Jerusalem-Modell

Das Hinnomtal

Im Süden und Westen des antiken Jerusalems zog sich ein tiefes Tal um den Stadthügel: das Hinnomtal, hebräisch Ge Ben-Hinnom, „Tal des Sohnes Hinnoms“. Auf dem Modell sind seine Hänge erkennbar. Einst bildete das Hinnomtal die Grenze zwischen den Stämmen Juda und Benjamin (Josua 15,8; 18,16). Ein Tal wie andere – und doch trägt kein Ort Jerusalems einen dunkleren Namen, denn hier, an einer Stätte namens Tophet, ließen abtrünnige Könige Judas ihre eigenen Kinder im Feuer dem Götzen Moloch verbrennen (2. Könige 16,3; 2. Chronik 28,3; Jeremia 7,31).1 König Josia machte dem Greuel ein Ende und entweihte die Opferstätte (2. Könige 23,10).

Der Prophet Jeremia weissagte über dieses Tal das Gericht (Jeremia 19,1–13) – er zerbrach am „Scherbentor“ einen Tonkrug als Zeichen – und nannte es fortan „Tal des Würgens“. So wurde der Name des Tales – griechisch „Gehenna“ – zum Inbegriff des göttlichen Gerichts. Mit seinem Namen bezeichnete Jesus selbst den Ort der Verdammnis, „wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt“ (Markus 9,48).2

Am Südhang dieses Tales liegt noch ein anderer trauriger Ort: der „Blutacker“, Akeldama. Mit den dreißig Silberlingen, die Judas zurückwarf, kauften die Hohenpriester den „Acker des Töpfers“ zum Begräbnis für Fremde – wie es das prophetische Wort vom Töpfer und den dreißig Silberlingen vorgezeichnet hatte (Sacharja 11,12–13). In den Felswänden dieses Hangs hat man tatsächlich Grabhöhlen aus neutestamentlicher Zeit gefunden.3

Und doch: Ausgerechnet aus den Gräbern an diesem Tal des Todes fand Gabriel Barkay eines der herausragendsten archäologischen Artefakte: die ältesten erhaltenen Worte der Bibel, erhalten auf zwei kleinen Silberröllchen. Beide Silberstreifen tragen eine hebräische Inschrift. Paläographen (Erforscher alter Schriftformen) identifizierten sie als Verse aus dem 4. Buch Mose 6,24-26 – der Aaronitische Segen: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Die Forscher vermuten, dass diese Röllchen mit den Segensworten als Schmuck-Amulett um den Hals getragen wurden, um sich gesegnet und von Gott beschützt zu wissen.

Die Inschrift im Inneren des Amuletts kann auf die Zeit um 600 vor Christus datiert werden – wenige Jahrzehnte vor der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Somit ist sie rund vierhundert Jahre älter als die Schriften aus Qumran. Damit bröckeln bisherige Behauptungen der Bibelkritik: Zuvor galt der Aaronitische Segen nämlich als ein später entstandener Text. Nun ist ein Bestandteil der fünf Bücher Mose für die Zeit vor dem Exil nachweisbar.

Die beiden Silberröllchen bilden zudem eines der ältesten Zeugnisse des Namens JHWH außerhalb der Bibel. Das größere der beiden Silberröllchen enthält außer dem Aaronitischen Segen auch noch den Text aus 5. Mose 7,9: „So erkenne denn, dass der HERR, dein Gott, Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Güte auf tausend Geschlechter hin denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten…“

Zu bedenken ist dabei außerdem, dass diese beiden Silberröllchen aus reinstem Silber (99%) gefertigt wurden, vielleicht in bewusster Übereinstimmung mit den Worten Davids in Psalm 12,7-8: „Die Worte des HERRN sind reine Worte – Silber, das geläutert im Schmelztiegel zur Erde fließt, siebenmal gereinigt. Du, HERR, wirst sie bewahren, wirst sie behüten vor diesem Geschlecht bis in Ewigkeit.“

David hat es vorhergesehen, dass Gott seine Worte „vor diesem Geschlecht behüten“ wird. Trotz aller Untreue Israels ist sein Wort unverfälscht bewahrt worden – was diese Silberstreifen ausgerechnet im Hinnomtal bezeugen!

Fußnoten

  1. „Tophet“ (Feuerstelle). Vgl. Wikipedia, „Tophet“.
  2. Die verbreitete Vorstellung, die Gehenna sei eine ständig brennende Müllhalde gewesen, geht erst auf den mittelalterlichen Rabbiner David Kimchi (um 1200) zurück und ist durch keine antike Quelle belegt. Jesus gebraucht „Gehenna“ für den Ort der Verdammnis (Matthäus 5,22; 10,28; 23,33 u. ö.).
  3. Zu Akeldama („Blutacker“) und seinen Grabhöhlen: Matthäus 27,3–10; Apostelgeschichte 1,18–19; vgl. Roger Liebi, Der Messias im Tempel, CLV 2021, S. 388 f.