Jerusalem-Modell

Wer vom Tempelberg zur Oberstadt hinüberschaute, blickte über ein Tal hinweg: das zentrale Tal, das Jerusalem von Norden nach Süden durchzieht und den Tempelberg (Morija) vom höheren Westhügel (Zion) trennt. Es teilte die Stadt in zwei Welten – die Unterstadt unterhalb des Tempels und die vornehme Oberstadt.1 Josephus nannte es das „Käsemacher-Tal“ – Tyropoeon. Der Name ist rätselhaft und geht vielleicht auf einen Lesefehler des hebräischen Wortes für das „eingeschnittene“ oder „äußere“ Tal. Die Kupferrolle vom Toten Meer nennt es „äußeres Tal“.2
Hier schlug das wirtschaftliche Herz der Stadt: Entlang der Westmauer des Tempels reihten sich Läden und Wechslerstände, und die große Pilgertreppe führte durch dieses Tal vom Teich Siloah hinauf zum Heiligtum. Bei Ausgrabungen fand man das Pflaster dieser Straße – und darauf noch die gewaltigen Quader, die beim Untergang der Stadt 70 n. Chr. von der Tempelmauer herabstürzten.3 Am Südende mündete das Tal beim Teich Siloah ins Hinnomtal.4
Zwei gewaltige Bögen überspannten die Schlucht. Über den „Wilson-Bogen“ führte ein Viadukt vom Tempelplatz zur vornehmen Oberstadt. Der „Robinson-Bogen“ verband das die westliche Talsohle über eine monumentale Treppe mit der königlichen Säulenhalle. Beide Bögen tragen heute die Namen ihrer neuzeitlichen Entdecker.5
Heute ist das Tal kaum noch zu erkennen: Schon in alttestamentlicher Zeit begann man es aufzufüllen, und der Schutt der Zerstörung von 70 n. Chr. ließ es vollends verschwinden, stellenweise über zwanzig Meter tief. Sein nördlicher Verlauf liegt heute weitgehend unter der Hauptgasse der Altstadt verborgen.6
Fußnoten
- Josephus, Jüdischer Krieg 5,140 („bis zum Siloah“). ↩
- Josephus’ Name „Tal der Käsemacher“ (tyropoiōn) ist rätselhaft; wahrscheinlich liegt eine Verlesung des hebräischen Wortes für das „eingeschnittene/äußere“ Tal vor. Die Kupferrolle (3Q15) nennt es „äußeres Tal“. Vgl. Wikipedia, „Tyropoeon Valley“; D. Bahat. ↩
- Südlich des Robinson-Bogens legte man Läden, Wechslerstände und die gepflasterte Pilgertreppe frei; darauf lagen die 70 n. Chr. herabgestürzten Quader der Tempelmauer. Vgl. madainproject.com; israelbiblicalstudies.com. ↩
- Vgl. Wikipedia, „Tyropoeon Valley“. ↩
- Benannt nach ihren Erforschern E. Robinson (1838) und Ch. Wilson (1864). Vgl. ChristianAnswers.net. ↩
- Der Schutt der Zerstörung von 70 n. Chr. füllte das Tal – stellenweise über 20 m tief; es liegt heute unter der Hauptgasse Tariq al-Wad. Vgl. generationword.com; Wikipedia, „Tyropoeon Valley“. ↩
