Die Umgebung des Tempelbergs

Tempel-Modell

Zunächst betrachten wir die Umgebung rund um den Tempelplatz. Wir beginnen an der südöstlichen Ecke und gehen dann einmal im Kreis gegen den Uhrzeigersinn an den Mauern entlang.

Ostseite am Kidrontal

Abb. 1: Die Ostseite des Tempelbergs. Links ist das Kidrontal zu denken, dahinter der Ölberg.

Neben der östlichen Mauer des Tempelbergs muss man sich das Kidrontal (und dahinter den Ölberg) vorstellen. Die Ostmauer ist die einzige Mauer des Tempelbezirks, deren Linienverlauf seit Salomo nie verändert wurde – eine Beobachtung, die für Ritmeyers Rekonstruktion des heiligen 500-Ellen-Quadrats von entscheidender Bedeutung war.1

Über das Kidrontal führte die Verbindung zwischen Tempelberg und Ölberg. Auf dem Ölberg wurde die rote junge Kuh geschlachtet, deren Asche zur Entsündigung diente (4. Mose 19); der Priester besprengte dabei vom Ölberg aus in Richtung des Tempeleingangs.2

Nebeneingang für Priester

Abb. 2: Der Nebeneingang an der Ostseite.

An der Ostseite liegt ein kleinerer Zugang, der nicht dem Publikumsverkehr diente. Er ermöglichte den Priestern den direkten Weg zum Tempelbezirk, insbesondere im Zusammenhang mit dem Ritual der roten Kuh auf dem Ölberg.

Ostturm

Abb. 3: Der Turm an der Nordost-Ecke des Tempelbezirks.

Der Eck-Turm gehört zu den Sicherungsanlagen der Nordost-Ecke. Der gesamte Tempelbezirk war zugleich eine gewaltige Burganlage: Von Norden her war Jerusalem am leichtesten anzugreifen, weil dort die geringste Höhe zu überwinden war. Entsprechend wurde diese Seite durch den Eck-Turm, den Israel-Teich und die Burg Antonia besonders befestigt.3

Tore (oben und unten)

Abb. 4: Das Tor Miphkad in der Stadtmauer (unten) und das Ost-Tor des Tempels (oben).

In der östlichen Stadtmauer Jerusalems (die der östlichen Tempelmauer vorgelagert ist) findet sich das Tor Miphkad, auch „Tor der Vergeltung“ genannt. Innen führt eine Treppe zum Ost-Tor des Tempels, welches auch das Schuschan-Tor genannt wird. Zum Ursprung des Namens: Als Zeichen der Dankbarkeit für die bereitwillige Unterstützung der Perser beim Bau des Tempels ist an dem Tor eine Abbildung der persischen Hauptstadt Susa (hebr. Schuschan) angebracht worden.4

Sowohl das Tor der Vergeltung als auch das Ost-Tor sind nicht für die allgemeine Öffentlichkeit bestimmt, sondern haben einen anderen bestimmten Zweck: Am großen Versöhnungstag, Jom Kippur, wird ein Ziegenbock durch diese Tore aus dem Tempel hinausgetrieben und in die Wüste geschickt, um die Schuld Israels wegzutragen (3. Mose 16,21-22).5 Diese jährliche Lektion zeigt den Israeliten, dass sie eines unschuldigen Stellvertreters bedürfen, der außerhalb der Stadt für ihre Sünden stirbt, um ihnen Versöhnung mit Gott zu erwirken. Jesus erfüllte Jahre später dieses Sinnbild: Wie ein Sündenbock wurde er nach seiner Verurteilung ebenfalls durch zwei (andere) Tore aus dem Tempelbezirk und anschließend aus der Stadt geführt, um auf Golgatha gekreuzigt zu werden und so den stellvertretenden Sühnetod für die Menschen zu sterben (Hebräer 13,11-13).

Stadtmauer

Abb. 5: Die Stadtmauer, die sich vom Ost-Tor nach Süden zur Davidsstadt erstreckt.

Ab dem östlichen Tor beginnt die Stadtmauer, die sich von hier in Richtung Süden hin zur Davidsstadt erstreckt. Im Modell ist die Mauer ausgespart worden und daher nur ansatzweise erkennbar. Die „Palmsonntagsprozession“ befände sich dem Modell nach also zwischen Stadtmauer und Ostmauer des Tempelberges. (Wir wissen nicht, ob Jesus diese Strecke wählte, es ist aber denkbar.)

Nordseite

Abb. 6: Die Nordseite des Tempelbezirks mit Israel-Teich (rechts) und Burg Antonia (links).

Israel-Teich

Der Israel-Teich ist ein großes Becken im Bereich der Nordost-Ecke des Tempelbezirks, dessen gepflasterter Boden sich 23 m unter dem Niveau des äußersten Tempel-Vorhofs befindet. Das Becken ist in das sogenannte St.-Anna-Tal hinein gebaut worden (in demselben Tal befinden sich auch die Bethesda-Becken).6

Abb. 7: Der Israel-Teich; sein Boden liegt 23 m unter dem Niveau des äußeren Vorhofs.

Die Ostmauer des Israel-Teiches muss einen hohen Druck aushalten und besitzt eine Dicke von ca. 14 m. Zu den verschiedenen Funktionen gehört unter anderem der militärische Schutz, den er gegen Angriffe von Norden her bietet. Jerusalem ist von dieser Himmelsrichtung besonders gut angreifbar, da zur Eroberung des Tempels aufgrund der Bodenbeschaffenheit von dort aus am wenigsten Höhe überwunden werden muss. Die Aufgabe des Schutzes vor Feinden teilt der Israel-Teich auf der Nordseite mit dem nordöstlichen Eck-Turm und dem Bollwerk der Burg Antonia.7

Der Bodenverlauf des Israel-Teiches führt wie eine Rampe nach Westen gegen das Schaf-Tor hinauf, was einen Hinweis auf eine weitere Funktion dieses Teiches gibt: Hier werden die Opfertiere gewaschen, bevor sie durch das zwischen dem Israel-Teich und der Burg Antonia gelegene Schaf-Tor auf den Tempelplatz geführt werden.8 Durch die Reinigung sind die zur Schlachtung bestimmten Tiere schöne Hinweise auf das vollkommene und absolut reine Opfer des Herrn Jesus Christus (vgl. 1. Petrus 1,19; 1. Johannes 3,3).

Heute befindet sich an der Stelle des Israel-Teiches ein Parkplatz.

Schaftor

Das nördliche Tempel-Tor wird im Neuen Testament in Johannes 5,2 scheinbar völlig beiläufig erwähnt:

„Nach diesem war das Fest der Juden, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem bei dem Schaftor ein Teich, der auf hebräisch Bethesda genannt wird, der fünf Säulenhallen hat.“ (Johannes 5,1-2)

Abb. 8: Das Schaf-Tor zwischen Israel-Teich und Burg Antonia.

Das Schaf-Tor befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Bethesda (wo Jesus am Sabbat einen Kranken heilte) und liegt zwischen der Burg Antonia und dem Israel-Teich. Der Name „Schaftor“ weist auf seine wichtige Funktion hin; nach der hebräischen Bedeutung des Wortes kann man auch vom „Kleinvieh-Tor“ sprechen: Durch dieses Tor werden die Opfertiere in den Tempel gebracht. Es ist das einzige äußere Tempeltor, durch das Opfertiere eingeführt werden.9

In Johannes 10,7-9 bezeichnet Jesus sich selbst als die „Tür der Schafe“ und macht damit deutlich, dass der Weg zu Gott auf der Grundlage des stellvertretenden Opfers allein über Jesus Christus möglich ist; nur er ist die rettende Tür zum Vater. Der Tempel selbst erscheint damit als „Schafhof“ – die Opfertiere, die durch dieses Tor eingingen, waren Vorschattungen des einen Opfers.10

Burg Antonia

Abb. 9: Die Burg Antonia an der Nordwest-Ecke des Tempelplatzes.

Der Name der Burg Antonia ist auf Marcus Antonius, einen Gönner des Königs Herodes, zurückzuführen. Die Burg steht auf einem hohen Felsen, der steil abfällt und dessen Plateau ca. 120 × 36 m beträgt. Der Felsen ist mit geglätteten Steinplatten bedeckt, was ein Hinauf- oder Hinabklettern verhindert. In strategischer Hinsicht dient die Burg dem Schutz der Nordwest-Ecke des Tempelplatzes und grenzt dort an die Säulenhallen des ersten Vorhofes. Vier Türme verstärken die Ecken der Antonia: Drei von ihnen sind je 22,5 m hoch, der vierte misst sogar 31,5 m. Von außen betrachtet stellt die Burg eine starke Festung dar, nach innen hin gleicht ihre Ausstattung mit den verschiedensten Gemächern, überdeckten Gängen, Bädern und Höfen einem Palast.11

In der Antonia-Festung wird auch die Festbekleidung des Hohepriesters aufbewahrt; diese soll durch ihr prachtvolles Aussehen Herrlichkeit, Ehre und Schmuck zum Ausdruck bringen (vgl. 2. Mose 28,2).12 In Hebräer 2,9 finden wir eine neutestamentliche Anspielung auf diese festlichen Gewänder, bei der die hohepriesterliche Herrlichkeit unseres Herrn Jesus hervorgehoben wird:

„Wir sehen aber Jesus, der für kurze Zeit wegen des Leidens des Todes unter die Engel erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt …“ (Hebräer 2,9)

Die Burg Antonia ist im Neuen Testament auch der Ort, wo Paulus nach dem Bericht aus Apostelgeschichte 22,22-29 verhört wurde und wo ihm der Herr anschließend in der Nacht erschien, um ihn zu ermutigen (Apostelgeschichte 23,11). So wie dem Paulus damals, ist der Herr Jesus auch uns, die wir an ihn glauben, ein Zufluchtsort und eine „feste Burg“.

Westseite

Abb. 10: Die Westseite des Tempelbergs mit den Zugängen über Bögen und Tore.

Die Westmauer ist die am besten erhaltene Mauer des herodianischen Tempelbezirks. An ihr lassen sich bis heute vier Zugänge nachweisen, die alle nach ihren neuzeitlichen Entdeckern benannt sind: das Warren-Tor, der Wilson-Bogen, das Barclay-Tor und der Robinson-Bogen.13

Eingang zur Burg Antonia

Abb. 11: Die Treppe vom Tempelplatz hinauf zur Burg Antonia.

Vom Südeingang der Burg Antonia führt eine Treppe in die Burg bzw. auf das Dach der Säulenhallen hinauf. Diese Treppe wird von den in der Festung stationierten römischen Soldaten (einer Kohorte) genutzt, um zu den Säulenhallen zu gelangen. Von dort aus überwachen die voll bewaffneten Soldaten an Festtagen das Volk, um mögliche Aufstände abzuwehren.14

Abb. 12: Blick auf die Treppe, auf der Paulus zum Volk sprach (Apostelgeschichte 21,40).

Als der Aufstand gegen Paulus seitens der Juden nach der Begebenheit aus Apostelgeschichte 21,26-40 geschah, liefen die römischen Soldaten eben diese Treppe hinunter, um einzugreifen und Paulus in die Burg zu führen. Auf den Stufen dieser Treppe hielt Paulus die Rede aus Apostelgeschichte 22,1-24 – seine Tempelrede vor dem Volk, in der er den Auftrag zur Heidenmission bezeugte.15

Warren-Tor

Abb. 13: Das Warren-Tor in der Westmauer.

Das vor einigen Jahren zubetonierte Warren-Tor verdankt seinen Namen Charles Warren, der es ca. 1867 entdeckte. Zur Zeit des Zweiten Tempels stellte das Tor einen wichtigen Zugang im Westen dar.16

Große Steinblöcke

Abb. 14: Die herodianischen Quader der Westmauer – erkennbar am umlaufenden Randschlag.

Die Mauern des herodianischen Tempelbergs bestehen aus gewaltigen Kalksteinquadern. Sie sind an ihrem charakteristischen Randschlag zu erkennen: einer schmalen, geglätteten Randleiste, die einen leicht erhabenen Spiegel einfasst. Dieses Merkmal erlaubt es der Archäologie, herodianisches Mauerwerk von späteren Ausbesserungen zu unterscheiden – und es war eines der Kriterien, mit denen Ritmeyer die Ausdehnung des älteren, salomonischen 500-Ellen-Quadrats bestimmen konnte.17 Der größte bekannte Stein der Westmauer wiegt mehrere hundert Tonnen; die Quader wurden ohne Mörtel verlegt.

Wilson-Bogen

Abb. 15: Der Wilson-Bogen, letzter Bogen des Aquädukts und zugleich Brücke zum Tempel.

Der Wilson-Bogen ist nach dem englischen Archäologen Charles Wilson benannt, der 1864 die einzigartige Gelegenheit bekam, als Nicht-Muslim den Untergrund des Tempelberges in Augenschein zu nehmen. So konnte er aufschlussreiche Aufzeichnungen machen, die auch heute noch sehr wertvoll sind. Dabei entdeckte er den besagten Bogen nördlich der Klagemauer.18

Bei dem Bogen handelt es sich um den letzten Bogen eines Aquädukts (einer wasserleitenden Brücke, im Modell nur zum Teil abgebildet), das für die Wasserversorgung genutzt wurde. Das Aquädukt leitete das Wasser aus den El-Arrub-Quellen südlich von Bethlehem über eine Strecke von rund 68 km zum Tempelberg – bei einem Gefälle von nur etwa 1 %. Bis heute ist bemerkenswert, wie die damaligen Ingenieure dies leisten konnten.19

Wie auf dem Foto erkennbar, ist das Aquädukt oberhalb begehbar und fungiert als Brücke zum Tempel, die vor allem vom gehobeneren Teil der Bevölkerung genutzt wurde. Am Ende der Brücke befindet sich (in der Tempelmauer) ein monumentales Zugangstor, das von Roger Liebi als „Tor der Verwerfung“ bezeichnet wird und direkten Zugang in den Vorhof der Heiden ermöglicht.20

Klagemauer

Abb. 16: Der Bereich der heutigen Klagemauer an der Westmauer.

Die uns heute bekannte Klagemauer ist für viele Juden, aber auch für Menschen aus anderen Konfessionen, eine heilige Stätte und ein Ort des Gebets. Männer und Frauen beten dort in geschlechtergetrennten Gebetsabteilungen und platzieren ihre aufgeschriebenen Gebete in der Mauer. Sie ist ein originaler Überrest des zweiten Jerusalemer Tempels und stellt einen Abschnitt der früheren Westmauer des Tempelbezirks dar.

Die Klagemauer befindet sich in dem Bereich, wo früher das von Liebi so genannte „Tor der Verwerfung“ stand. Nach dieser Deutung wurde Jesus durch dieses Tor von den jüdischen Führern aus dem Tempelbezirk hinausgewiesen. Bemerkenswert ist, dass genau an der Stelle, wo damals der personifizierte Friede der Welt, der Messias Jesus Christus, aus dem Tempel geworfen wurde, heute das jüdische Volk um Frieden betet und seinen Messias nicht erkennt.21

Barclay-Tor

Abb. 17: Das Barclay-Tor am Südende der Klagemauer.

Abb. 18: Die L-förmige Treppe hinter dem Barclay-Tor.

Das Barclay-Tor wurde 1848 vom amerikanischen Missionsarzt und Architekten J. T. Barclay entdeckt und befindet sich am südlichen Ende der Klagemauer. Ein Teil des Torsturzes ist heute noch sichtbar.22 Vom Barclay-Tor führt eine Treppe hinauf auf den Tempelplatz. Diese ist L-förmig gebaut, wodurch ein direkter und unvermittelter Eingang in das heilige 500-Ellen-Quadrat verhindert wird.

Robinson-Bogen

Abb. 19: Der Robinson-Bogen an der Südwest-Ecke: Treppenaufgang zur Königlichen Säulenhalle.

Der nahe der südwestlichen Ecke des Tempels platzierte Robinson-Bogen ragt aus der Westmauer heraus und ist nach dem Amerikaner Edward Robinson benannt, der die Überreste des Bogens um 1830 als solche identifiziert hat. Der Bogen war 15,2 m breit, die Steine wogen zusammen mehr als 1000 t, und er überbrückte eine Strecke von fast 13 m. Zur Zeit des Zweiten Tempels überspannte der Bogen eine Straße, die an der Westmauer entlangführte. Er galt als größter Bogenbau seiner Zeit.23

Der Robinson-Bogen trug keine Brücke über das Tal, sondern eine monumentale Treppenanlage, die von der Straße im Tyropoiontal in die Königliche Säulenhalle hinaufführte. Über diesen Aufgang betrat der Herr Jesus am Montag der Passionswoche vermutlich den Tempelbezirk, als er die zweite Tempelreinigung vollzog.24

Einkaufsstraße

Abb. 20: Die Ladenstraße entlang der West- und Südmauer.

Die Einkaufsstraße, die sowohl an der Westmauer als auch an der südlichen Mauer entlangführt, besteht aus vielen kleinen Einkaufsläden. Diese sind gerade für Ankömmlinge aus der Ferne hilfreich, um Besorgungen für den Alltag zu erledigen.25

Die Tatsache, dass sich diese Einkaufsläden, die den gewöhnlichen Alltag der Tempelbesucher betreffen, so nah am Tempelplatz befinden, drückt einen wichtigen Aspekt des Glaubens aus: Die unmittelbare Nähe des Alltäglichen zum Heiligen des Tempels zeigt, dass Gott in allen Bereichen unseres Lebens gegenwärtig sein möchte. Er interessiert sich auch für die unscheinbaren Dinge unseres Alltags und schneidet das Alltägliche nicht vom Göttlichen ab.

Davon zu unterscheiden ist der Tempelmarkt im Vorhof der Heiden, den Jesus zweimal räumte (Johannes 2,13-17; Matthäus 21,12-13): Nicht der Handel an sich war das Problem, sondern die Verlegung des Marktes in den heiligen Bezirk, der den Nationen zum Gebet dienen sollte.26

Südseite – die Hauptzugangsrichtung

Auf der Südseite befindet sich der Haupteingang des Volkes zum Tempel. Wie auf dem Foto des Modells zu erkennen, gibt es einen großen Vorplatz, der ankommenden Besuchern selbst an Festtagen genügend Raum bieten kann. Das gewöhnliche Volk nimmt die breite Monumentaltreppe, um dann durch das Doppeltor („die Schöne Pforte“) zum Tempelplatz zu gelangen, während die Priester einen eigenen Eingang haben – das Dreifachtor im Südosten. Auf der Südseite sind ebenfalls die Reinigungsbäder (rechts von der Monumentaltreppe) und Gebäude des Sanhedrins zu finden.

Abb. 21: Die Südseite mit Vorplatz, Monumentaltreppe, Doppel- und Dreifachtor.

Reinigungsbäder

Abb. 22: Die Ritualbäder (Mikwen) auf dem Ophel, südlich der Monumentaltreppe.

Vor dem Aufstieg zum Tempel musste sich jeder Besucher einer kultischen Reinigung unterziehen. Dafür lagen auf dem Ophel, dem Areal südlich des Tempelbergs, zahlreiche Ritualbäder (hebr. Mikwe). Bei den Ausgrabungen sind dort mehrere solcher Anlagen sowie steinerne Becken zur Fußwaschung ans Licht gekommen.27 Ausführlicher wird darauf beim „Haus mit Reinigungsbädern“ eingegangen.

Monumentaltreppe

Abb. 23: Die 64 m breite Monumentaltreppe – der Aufgang des Volkes zum Tempel.

Der normale Zugang für das Volk zum Tempel hinauf liegt im Süden. Während die Priester durch das südöstliche Dreifach-Tor zum Tempelplatz hinaufgehen, nimmt das gewöhnliche Volk die Monumentaltreppe, um über das südwestliche Doppel-Tor, „die Schöne Pforte“ genannt, dorthin zu gelangen. Diese Treppe für das Volk hat eine Breite von 64 m. Die 30 Stufen, die einen Höhenunterschied von 6,7 m überbrücken, sind unterschiedlich tief und variieren zwischen 30 und 90 cm, während ihre Höhen im Bereich zwischen 18 und 25 cm liegen.28

Dies ist mit Absicht so konzipiert, damit ein Hinaufeilen verhindert wird und alle Besucher gezwungen sind, in würdigem Schritt zum Tempel hinaufzuschreiten. Die einzelnen Stufen sind zu einem Teil direkt aus dem Felsen des Berges Zion herausgeschlagen, zum anderen Teil aus großen zugehauenen Steinen aufgebaut.29 Die Stufen führen hinauf zu einer ca. 6,4 m breiten Straße, die unmittelbar vor der Schönen Pforte von Westen nach Osten verläuft und aus mächtigen Pflastersteinen besteht. Über diese Stufen stieg der Messias mit seinen Aposteln immer wieder zum Tempel hinauf.

Doppeltor – die „Schöne Pforte“

Abb. 24: Das Doppeltor (Hulda-Tor), die „Schöne Pforte“ – Hauptzugang des Volkes.

Die „Schöne Pforte“, wie das Doppeltor auch genannt wird, ist der Hauptzugang des Tempelbergs und beinhaltet zwei Tunnel, die auf den Tempelplatz hinaufführen. Zu dem Namen kommt es, weil das Innere des Torgebäudes mit wunderschön verzierten flachen Kuppelbauten ausgestattet ist. Diese werden von Säulen getragen und enthalten kunstvolle geometrische und pflanzliche Motive, die tief in das Gestein eingeschnitten sind. Diese Art von architektonisch speziell gebauten Kuppeln findet man an dieser Stelle zum ersten Mal in der Geschichte der Baukunst.30

Vor der Schönen Pforte fand die Heilung des Gelähmten aus Apostelgeschichte 3,1-11 statt, was auch im Tempelmodell dargestellt ist. Der Gelähmte konnte lediglich draußen vor dem Eingang sitzen, war aber nicht in der Lage, aus eigener Kraft in den Tempel zu gehen, um Gott zu begegnen. Damit symbolisiert er unsere natürliche Stellung in Bezug auf Gott: Wir sind in uns selbst kraftlos und unvermögend, gemäß dem Gesetz Gottes zu leben, und bedürfen der heilenden Kraft der Vergebung Jesu, um in Gemeinschaft mit Gott zu treten und ihm entsprechend zu leben.31

Der Geheilte sprang vor Freude im Bereich vor der Schönen Pforte umher und lobte Gott. Die Tatsache, dass die architektonischen Besonderheiten des Tempel-Hauptzugangs – die bewusst zum langsamen, würdigen Schreiten zwingenden Stufen – dem nicht gerade entgegenkommen, verleiht der Aussage über die Freude des Geheilten einen besonderen Nachdruck.

Das Doppel-Tor wie auch das Dreifach-Tor wurden in osmanischer Zeit (1536–1538) zugemauert.

Haus mit Reinigungsbädern

Abb. 25: Das öffentliche Reinigungshaus rechts von der Monumentaltreppe.

Wer in den Tempel eintreten möchte, muss sich vorher einer kultischen Reinigung unterziehen. Dafür ist das öffentliche Reinigungshaus rechts von der Monumentaltreppe vorgesehen. Die rituellen Reinigungen spielen eine äußerst wichtige Rolle im Judentum und sind darüber hinaus Symbole für den neutestamentlichen Heilsweg: den Weg aus der Verunreinigung der Sünde hin zur Gemeinschaft mit dem heiligen Gott.32

Um sich im Ritualbad zu reinigen, legt man alle Kleidungsstücke ab und taucht vollständig unter. Interessant ist der Weg, der genommen werden muss, um rein zu werden: Man geht einen breiten Weg zum Wasser hinab, taucht dort unter, muss dann um 180° umkehren und im gereinigten Zustand einen schmalen Weg wieder hinaufgehen. Der breite und der schmale Weg sind durch eine Leiste voneinander getrennt.33 Es wird ein Bezug zu den Worten Jesu in der Bergpredigt deutlich:

„Geht hinein durch die enge Pforte! Denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt! Und wenige sind es, die ihn finden.“ (Matthäus 7,13-14)

Doch nicht nur die beiden Zugänge haben eine symbolische Bedeutung, auch das Reinigungswasser ist ein Sinnbild und stellt zum einen das Wort Gottes dar (Epheser 5,26). Der Mensch wird durch das Wort Gottes gereinigt, da beim Lesen desselben aufgedeckt wird, wo er sündig und unrein ist und Vergebung und Reinigung braucht.34

Die Reinigungskraft des Wassers wird aber auch mit der des Blutes Jesu verglichen; es wäscht den um Vergebung bittenden Menschen von der Sünde rein (1. Johannes 1,7). Dies geschieht einerseits bei der Bekehrung, die einmalig und mit der 180°-Kehrtwende vergleichbar ist, die man im Reinigungsbad nach dem Untertauchen macht, um auf den schmalen Weg zu kommen. Nach dem „Bad der Wiedergeburt“ (Titus 3,5) kann der erlöste Mensch in die Gegenwart und Gemeinschaft Gottes treten. Doch so wie die Reinigung im Ritualbad für den Juden ein wiederkehrendes Ritual ist, bedarf auch der Christ selbst nach der Bekehrung immer wieder der reinigenden Vergebung Gottes und der Korrektur durch die Bibel (1. Johannes 1,9).35

Im Reinigungsbad wird nicht nur der Körper, sondern auch die Kleidung gewaschen. In der Bibel steht die Kleidung symbolisch oft für das äußere Erscheinungsbild und die alltäglichen Gewohnheiten, die ebenfalls befleckt sind und Reinigung brauchen.

Ein Nachklang dieses Brauchs findet sich in der Fußwaschung Jesu (Johannes 13,1-10): Wer im Ritualbad gebadet hatte, war ganz rein und brauchte nur noch die Füße zu waschen – genau wie die Tempelbesucher, die vor dem Betreten des Tempelplatzes ihre staubigen Füße an eigens dafür aufgestellten steinernen Becken reinigten.36

Sanhedrin

Abb. 26: Das Gerichtsgebäude des Kleinen Sanhedrins neben dem Reinigungshaus.

Direkt neben dem öffentlichen Reinigungshaus sieht man ein weiteres Gebäude (das rechte, größere). Es ist das Gerichtsgebäude des Kleinen Sanhedrins, der aus 23 Mitgliedern besteht, in allen größeren jüdischen Städten zu finden ist und die Autorität besitzt, Kapitalverbrechen mit dem Tod zu bestrafen.37

Auch wenn der Kleine Sanhedrin von dem Großen Sanhedrin im Tempel zu unterscheiden ist, gibt es eine architektonische Besonderheit: Beide Gebäude liegen in einer Linie. Dadurch wird deutlich, dass der Kleine Sanhedrin dem Vorbild des Großen Sanhedrins entsprach. Auf beide Gerichtshöfe spielt der Herr Jesus in der Bergpredigt an, wenn er vom „Gericht“ und vom „Hohen Rat“ spricht (Matthäus 5,21-22).38

Dreifachtor – Priestereingang

Im Bild oben rechts hinter dem Sanhedrin zu sehen. Das Dreifach-Tor ist – wie das Doppel-Tor – eines der beiden „Hulda-Tore“ der Südmauer. Es diente vor allem den Priestern als Zugang. Auch dieses Tor wurde in osmanischer Zeit zugemauert.

Fußnoten

  1. Liebi, S. 167 f.; ausführlich Ritmeyer: The Quest, Kap. 5.
  2. Liebi, S. 202–204; Mischna Para III,6–9.
  3. Liebi, S. 320–324.
  4. Mischna Middot I,3; vgl. Liebi, S. 198 f.
  5. Liebi, S. 205–208; Mischna Joma VI,4–6.
  6. Liebi, S. 320.
  7. Liebi, S. 321–324. Alle historischen Eroberungen Jerusalems erfolgten von Norden her.
  8. Liebi, S. 324 f.
  9. Liebi, S. 333–336. Liebi identifiziert das neutestamentliche Schaf-Tor mit dem in Middot I,3 genannten Tadi-Tor.
  10. Liebi, S. 336–341.
  11. So die Beschreibung des Augenzeugen Josephus Flavius: Der Jüdische Krieg V,5,8; vgl. Liebi, S. 341 f.
  12. Liebi, S. 342–345; Josephus: Jüdische Altertümer XV,11,4; XVIII,4,3.
  13. Zu den vier Forschern vgl. Liebi, S. 53–58.
  14. Josephus: Der Jüdische Krieg V,5,8: In der Antonia lag ständig eine römische Kohorte, die an den Festen auf den Hallendächern postiert wurde. Vgl. Liebi, S. 180 f.
  15. Liebi, S. 180–186.
  16. Charles Warren erforschte den Tempelberg 1867–1870 im Auftrag des Palestine Exploration Fund; vgl. Liebi, S. 56 f.
  17. Liebi, S. 164–167 („Randschlag und Spiegel“).
  18. Wilson kam 1864 im Auftrag der „Royal Engineers“ zur Vermessung der Wasserversorgung Jerusalems nach Jerusalem; vgl. Liebi, S. 54–56.
  19. Zum Aquädukt aus den El-Arrub-Quellen vgl. Liebi, S. 54 (Abb. 7, Nr. 9). Die Angabe von 68 km bezieht sich auf die tatsächliche, den Höhenlinien folgende Leitungslänge; die Luftlinie beträgt nur etwa 20 km.
  20. Liebi, S. 54 (Abb. 7, Nr. 10): „Wilson-Tor / ‚Tor der Verwerfung‘“. Die Bezeichnung ist eine theologische Deutung Liebis, kein überlieferter antiker Torname.
  21. Diese Zuordnung beruht auf Liebis Deutung des Wilson-Tores; sie ist eine theologische Auslegung, keine archäologisch gesicherte Tatsache.
  22. James Turner Barclay (1807–1874), amerikanischer Arzt und Missionar in Jerusalem; vgl. Liebi, S. 57 f.
  23. Liebi, S. 53 f., nach Meir Ben-Dov: In the Shadow of the Temple, S. 128 f.
  24. Liebi, S. 230–232 („Der Weg über die Robinson-Brücke“).
  25. Liebi, S. 144 f. Bei den Ausgrabungen unter Benjamin Mazar an der Südwest-Ecke wurden die Ladenlokale entlang der herodianischen Straße freigelegt.
  26. Liebi, S. 222 f., 232 f.
  27. Liebi, S. 146–152 und S. 539 („Die Fußwaschung der Tempelbesucher“).
  28. Liebi, S. 137 f. („Die Treppe für das Volk“); zu den Ausgrabungen Benjamin Mazars auf dem Ophel vgl. Liebi, S. 60 f.
  29. Liebi, S. 138–140 („Das Felsmassiv des Berges Zion“).
  30. Liebi, S. 141 f. („Zum Namen der Schönen Pforte“). Die Kuppeln des Doppeltores sind bis heute erhalten, jedoch nur eingeschränkt zugänglich.
  31. Liebi, S. 142–144 („Zur Bedeutung der Heilung des Gelähmten“).
  32. Liebi, S. 146–152; zu den Reinheitsvorschriften vgl. 3. Mose 11–15; 4. Mose 19.
  33. Liebi, S. 148 f. („Die zwei Wege“). Solche zweigeteilten Treppen sind in den Mikwen auf dem Ophel archäologisch nachgewiesen.
  34. Liebi, S. 149 f. („Reinigung durch das Wort Gottes“). Die Stellenangabe lautet korrekt Epheser 5,26 („durch das Wasserbad im Wort“).
  35. Liebi, S. 150 f.
  36. Liebi, S. 539 f. („Zur Fußwaschung Jesu in dem Obersaal“). Bei den Ophel-Grabungen wurden mehrere solcher Fußwasch-Einrichtungen gefunden.
  37. Liebi, S. 156–158 („Der Kleine Sanhedrin am Tempeleingang“); vgl. Mischna Sanhedrin I,4.6.
  38. Liebi, S. 157 f. („Der Kleine und der Grosse Sanhedrin in der Bergpredigt“).