Tempel-Modell
Der Tempelbezirk war in konzentrischen Zonen abgestuft: von außen nach innen nahm die Heiligkeit – und damit die Zugangsbeschränkung – zu. Vom Vorhof der Heiden, der allen offenstand, führte der Weg über den Soreg in den heiligen Bezirk, weiter über den Frauen-Vorhof und den Israel-Vorhof bis zum Priester-Vorhof mit dem Altar und schließlich zum Tempelhaus mit dem Allerheiligsten. Diese Abstufung ist keine bloße Ordnungsfrage, sondern predigt eine Botschaft: Der Zugang zu Gott ist nicht selbstverständlich – er ist nur auf der Grundlage des stellvertretenden Opfers möglich.
Die Säulenhalle Salomos und das 500-Ellen-Quadrat

Abb. 29: Die Säulenhalle Salomos an der Ostseite; darunter das heilige 500-Ellen-Quadrat.
Der ursprüngliche, aus der Königszeit stammende Tempelplatz bildete ein Quadrat von 500 × 500 Ellen (262,5 × 262,5 m). Dieses „heilige 500-Ellen-Quadrat“ ist in der Mischna ausdrücklich bezeugt.1 Leen Ritmeyer gelang es, dieses Quadrat auf dem heutigen Tempelplatz wieder zu lokalisieren – unter anderem anhand einer Stufe im Nordwesten (der „Schlüsseltreppe“), des herodianischen Randschlags und des Umstands, dass die Ostmauer ihren Linienverlauf seit Salomo nie verändert hat.2 Herodes erweiterte diesen alten Bezirk nach Norden, Westen und Süden zu der gewaltigen Fläche, die wir heute kennen.
Die Säulenhalle Salomos ist die östliche Halle des erweiterten Tempelbezirks. Ihr Name erinnert an König Salomo, obwohl der Bau in seiner damaligen Gestalt aus herodianischer Zeit stammte.3 Sie ist für die Evangelien und die Apostelgeschichte von großer Bedeutung:
• Hier lehrte Jesus am Fest der Tempelweihe und beanspruchte die Einheit mit dem Vater (Johannes 10,22-30).
• Hier versammelte sich die erste Gemeinde einmütig (Apostelgeschichte 5,12).
• Hier predigte Petrus nach der Heilung des Gelähmten und rief das Volk zur Umkehr (Apostelgeschichte 3,11 – 4,4).
Liebi weist auf den Namensanklang hin: Schelomo („Salomo“) steht dem Wort schalom („Friede“) nahe. Die Halle des Friedens war zugleich der Ort, an dem der Messias die Sicherheit des Heils zusagte: „Niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Johannes 10,28).4
Der hasmonäische Anbau

Abb. 30: Der hasmonäische Anbau im Süden des alten 500-Ellen-Quadrats.
Vor Herodes hatten bereits die Hasmonäer den Tempelplatz nach Süden erweitert. Dieser Anbau ist auf dem heutigen Tempelberg an einem markanten Knick („Naht“) in der Ostmauer zu erkennen: Südlich davon setzt anderes Mauerwerk an. Diese Naht ist einer der Schlüssel, mit denen sich die Ausdehnung des ursprünglichen 500-Ellen-Quadrats bestimmen lässt.5 Die architektonische Entwicklung des Tempelbergs verlief also in drei Stufen: salomonisches Quadrat – hasmonäische Erweiterung – herodianischer Ausbau.
Die königliche Säulenhalle

Abb. 31: Die Königliche Säulenhalle (Basilika) an der Südseite – 278 m lang.
Die in architektonischer Hinsicht prächtigste und imposanteste Halle war die im Süden gelegene Königliche Säulenhalle (lat. Stoa Basilica) mit einer Länge von 278 m. Josephus Flavius, ein Augenzeuge, geriet bei ihrer Schilderung förmlich ins Schwärmen: Sie sei „eines der merkwürdigsten Werke, welche die Sonne jemals beschienen hat“.6
Vier Säulenreihen zogen sich von einem Ende zum anderen; die Säulen waren so dick, dass drei Männer sie gerade eben mit ausgestreckten Armen umfassen konnten – das entspricht einem Durchmesser von etwa 1,75 m. Eine im Steinbruch beim „Russian Compound“ in Jerusalem liegen gebliebene, beim Abschlagen gebrochene Säule weist genau diesen Durchmesser bei einer Länge von 12,15 m auf.7
Die Basilika war Gerichtssitz und Markthalle zugleich. Etwa 40 Jahre vor der Zerstörung des Tempels verlegte der Große Sanhedrin seinen Amtssitz aus der Quaderhalle hierher – ein bemerkenswertes Detail, denn seit diesem Umzug durfte er nach eigener Überlieferung keine Todesurteile mehr fällen (vgl. Johannes 18,31).8 Der Tempelmarkt, den Jesus räumte, befand sich vermutlich in dieser Halle bzw. im angrenzenden Vorhof der Heiden.
Der Vorhof der Heiden

Abb. 32: Der weite Vorhof der Heiden – der äußere, allen zugängliche Bereich.
Der äußere Vorhof stand allen Menschen offen, auch den Nichtjuden. Er sollte das sichtbare Zeichen dafür sein, dass der Gott Israels der Gott aller Völker ist. Genau darauf berief sich der Herr Jesus bei der Tempelreinigung, als er Jesaja 56,7 zitierte: „Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden für alle Nationen“ (Markus 11,17). Dass ausgerechnet dieser Bereich – der einzige, den die Heiden betreten durften – zum Viehmarkt und zur Wechselstube geworden war, machte den Vorgang so anstößig.9
Der Tempelbezirk wurde zudem als Abkürzung durch die Stadt benutzt – auch das wies der Herr zurück (Markus 11,16).10
Der Soreg

Abb. 33: Der Soreg – die steinerne Schranke zwischen Heiden- und Heiligtumsbereich.

Abb. 34: Die Warntafel am Soreg (Nachbildung).
Der Soreg war eine niedrige, etwa 1,3 m hohe Steinschranke, die den heiligen Bezirk vom Vorhof der Heiden abtrennte. Er markierte die vollständige Trennung zwischen Juden und Nichtjuden. An seinen Durchgängen standen Tafeln in griechischer und lateinischer Sprache, die Nichtjuden bei Todesstrafe das Weitergehen untersagten. Zwei solcher Tafeln sind erhalten – eine vollständige im Archäologischen Museum Istanbul, ein Fragment im Israel-Museum in Jerusalem.11 Der Text lautet in Übersetzung:
„Kein Fremdstämmiger darf innerhalb der den Tempelbezirk umgebenden Umzäunung und Ringmauer eintreten! Wer ergriffen wird, ist für den Tod, der darauf folgen wird, selbst verantwortlich.“12
• Der Soreg war an bestimmten Stellen für Durchgänge geöffnet; Leviten überprüften den Zutritt.
• Nur kultisch reine Juden durften weitergehen (wer z. B. einen Toten berührt hatte, war unrein, 4. Mose 19,11-13).
• Genau dieser Vorwurf – Paulus habe einen Nichtjuden über den Soreg hinaus geführt – löste den Tumult aus, der zu seiner Verhaftung führte (Apostelgeschichte 21,28-29).
Auf eben diese Schranke spielt Paulus an, wenn er schreibt, Christus habe „die Zwischenwand der Umzäunung abgebrochen“ (Epheser 2,14). Dieser Ausdruck kommt sonst nirgends vor – Paulus prägte ihn offensichtlich im Blick auf den Soreg. Im Kreuz Christi ist die Trennung zwischen Juden und Heiden aufgehoben.13
Das Heiligtum

Abb. 35: Das zentrale Heiligtum mit Frauen-Vorhof, Lager der Schechina und Tempelhaus.

Abb. 36: Blick von oben auf den innersten Bereich.
Der innerste Bereich – bei Liebi „das Lager der Schechina“ genannt – umfasst den Frauen-Vorhof, den Israel- und Priester-Vorhof mit Altar und Waschbecken sowie das Tempelhaus selbst. Der Name erinnert daran, dass hier im Ersten Tempel die Schechina, die sichtbare Gegenwart Gottes, wohnte. Im Zweiten Tempel fehlte sie – ebenso wie die Bundeslade. Das Allerheiligste war ein leerer Raum.14 Genau in dieses leere Heiligtum trat der Messias ein – die Erfüllung der Verheißung Maleachis: „Und plötzlich wird zu seinem Tempel kommen der Herr, den ihr sucht“ (Maleachi 3,1).
Fußnoten
- Mischna Middot II,1: „Der Tempelberg war 500 Ellen auf 500 Ellen.“ Vgl. Liebi, S. 160–173. ↩
- Liebi, S. 162–169; Ritmeyer: The Quest, Kap. 5. ↩
- Liebi, S. 188–190; Josephus: Jüdische Altertümer XX,9,7 berichtet, dass die Osthalle noch auf salomonisches Fundament zurückging. ↩
- Liebi, S. 190–197. ↩
- Liebi, S. 168 f. („Die Linie bis zum Knick“); Ritmeyer: The Quest, Kap. 5. ↩
- Josephus: Der Jüdische Krieg V,5,2; zitiert bei Liebi, S. 211 f. ↩
- Liebi, S. 211 f., Anm. 5, nach Ådna: Jerusalemer Tempel und Tempelmarkt im 1. Jahrhundert n. Chr., S. 61. ↩
- Liebi, S. 461, Anm. 45, nach BT Schabbat 15a; Rosch ha-Schana 31a; Sanhedrin 41a; Awoda Sara 8b. ↩
- Liebi, S. 232 f. („Entweihung des Heiden-Vorhofes“). ↩
- Liebi, S. 234 („Abkürzung durch den Tempelbezirk“); vgl. Mischna Berachot IX,5. ↩
- Liebi, S. 175–177; Josephus: Der Jüdische Krieg V,5,2 und VI,2,4. ↩
- Übersetzung nach Liebi, S. 177 (dort auch der griechische Text der Inschrift in Umschrift). ↩
- Liebi, S. 177 und S. 186 f. („Abbruch der Zwischenwand“). ↩
- Liebi, S. 86 („Das Allerheiligste – ein leerer Raum“) und S. 90 („Was im Zweiten Tempel fehlte“); vgl. Josephus: Der Jüdische Krieg V,5,5. ↩
