Der Pilgerweg

Jerusalem-Modell

Der Pilgerweg

Wer sich im Teich Siloah gereinigt hatte, trat von dort den Weg zum Tempel an – und dieser Weg ist heute wieder begehbar. Vom Siloah-Teich am Südende der Davidsstadt führte eine breite, gestufte Steinstraße rund 600 Meter durch das Tyropoiontal bergan bis zur Südwestecke des Tempelbergs: der Pilgerweg.1 Acht Meter breit und mit gewaltigen Steinplatten gepflastert – manche über zwei Tonnen schwer –, war er die Hauptschlagader Jerusalems. Die Stufen sind so angelegt, dass auf je zwei Stufen ein längeres Podest folgt: Das zwang die Pilger zu einem würdevollen, gemessenen Schritt und ließ sie beim Aufstieg immer wieder zum Tempel emporblicken.2

Lange hielt man die Straße für ein Werk Herodes’ des Großen. Doch die Münzen, die man unter dem Pflaster fand, reichen bis in die Jahre 30/31 n. Chr. – die Zeit des Statthalters Pontius Pilatus. Sie wurde also gerade in den Jahren fertig, in denen Jesus in Jerusalem lehrte und heilte.3 Zu beiden Seiten reihten sich Läden; man fand Münzen, Gewichte und einen Maßtisch – die Straße war zugleich Markt. Wer zum Fest hinaufzog, kaufte hier Öl, Gewürze und Opfertiere.4 Unter dem Pflaster lief ein sorgfältig gebauter Abwasserkanal; in ihm versteckten sich beim Untergang der Stadt im Jahr 70 jüdische Aufständische – Kochtöpfe, Öllampen und sogar ein römisches Schwert haben sich dort erhalten.5 Erste Abschnitte fand schon Charles Warren (1884); seit Jahren legt die Israelische Altertumsbehörde die ganze Straße in einem aufwendigen Tunnelvortrieb unter dem heutigen Dorf Silwan frei und hat sie 2025 eingeweiht.6

Auf diesen Stufen drängten sich zu den großen Festen unzählige Pilger. Stufe um Stufe stiegen sie zum Haus Gottes empor und sangen dabei die alten Wallfahrtslieder: „Ich freute mich über die, welche zu mir sagten: Lasst uns zum Haus des HERRN gehen!“ (Psalm 122,1).

Fußnoten

  1. Erste Abschnitte fand C. Warren (1884), dann Bliss/Dickie (1894–97). Vgl. Wikipedia, „Stepped street (Jerusalem)“ (2026).
  2. Vgl. City of David, „The Pilgrims Road“ (2026).
  3. Münzen unter dem Pflaster reichen bis 30/31 n. Chr.; Vollendung unter dem Statthalter Pontius Pilatus (26–36 n. Chr.). Vgl. N. Szanton u. a.; Wikipedia, „Stepped street (Jerusalem)“ (2026).
  4. Funde von Münzen, Gewichten und einem Maßtisch weisen die Straße als Markt aus. Vgl. City of David (2026).
  5. Zu den im Abwasserkanal verborgenen Aufständischen: Josephus, Jüdischer Krieg 6. Funde u. a. Kochtöpfe, Öllampen, ein römisches Schwert. Vgl. City of David (2026).
  6. Israelische Altertumsbehörde (R. Reich/E. Schukron; N. Szanton, A. Levy, Y. Shalev); ein Teil wurde 2019 zugänglich, die Einweihung erfolgte 2025. Vgl. Wikipedia, „Stepped street (Jerusalem)“ (2026).