Jerusalem-Modell

„Geht in die Stadt“, sagte Jesus zu zwei Jüngern, „und ein Mensch wird euch begegnen, der einen Krug Wasser trägt; folgt ihm … er wird euch einen großen, mit Polstern belegten Obersaal zeigen“ (Markus 14,13–15). Dort, in einem solchen Obergemach, feierte Jesus mit den Zwölfen das letzte Passamahl.1
Das griechische Wort meint schlicht das obere Stockwerk eines Hauses. Solche geräumigen Obersäle waren in der Oberstadt verbreitet; der Hausherr muss wohlhabend gewesen sein.2 Hier brach Jesus das Brot und reichte den Kelch und stiftete das Mahl, das seine Gemeinde bis heute feiert (1. Korinther 11,23–26). Hier wusch er den Seinen die Füße als ein Beispiel dafür, wie sie einander lieben und einander dienen sollten (Johannes 13,1–15). Von hier trat er seinen Weg nach Gethsemane an.
Schon im 4. Jahrhundert zeigte man auf dem Zionsberg den Ort des Obersaals; dort stand früh eine kleine judenchristliche „Apostelkirche“, die nach Epiphanius bzw. nach späterer Überlieferung die Zerstörung der Stadt überdauerte, später die große Hagia-Sion-Basilika.3 Der Saal, den Pilger heute betreten – das „Cenaculum“ –, ist allerdings ein gotischer Bau der Kreuzfahrerzeit über dem traditionellen „Davidsgrab“; ob er genau über dem ersten Obersaal steht, lässt sich nicht beweisen, doch die Überlieferung reicht weit zurück.4
Fußnoten
- Markus 14,12–16; Lukas 22,11–13: „ein großer, mit Polstern belegter (möblierter) Obersaal“; Ort des letzten Passamahls. ↩
- Griech. anágaion (Markus 14,15; Lukas 22,12) bzw. hyperōon (Apostelgeschichte 1,13) = oberes Stockwerk. ↩
- Nach Epiphanius überdauerte eine kleine judenchristliche „Apostelkirche“ auf dem Zionsberg die Zerstörung der Stadt; später entstand die Hagia-Sion-Basilika. Vgl. octagonproject; drivethruhistoryadventures.com. ↩
- Das heutige Cenaculum ist ein gotischer Bau der Kreuzfahrerzeit (um 1130, ca. 15,3 × 9,4 m) über dem traditionellen „Davidsgrab“; die Lokalisierung ist Überlieferung, nicht Archäologie. ↩
