Jerusalem-Modell

Am höchsten Punkt der Oberstadt, im Nordwesten, ließ Herodes der Große sich einen Palast erbauen, der nach dem Tempel als das prächtigste Gebäude Jerusalems galt.1 Zwei gewaltige Flügel – nach Caesar und Agrippa benannt – umschlossen weite Gärten mit Säulengängen, Hainen, Kanälen und Brunnen; im Norden ragten drei mächtige Türme auf, die Herodes nach seinem Freund Hippicus, seinem Bruder Phasael und seiner Frau Mariamne benannte. Von diesem Prachtbau sind heute nur Teile der Umfassungsmauern und Reste eines der großen Türme erhalten geblieben – der heutige „Davidsturm“. Unter dem alten osmanischen Gefängnis (der „Kishle“) aber legte die Archäologie die Fundamente und das Abwassersystem des herodianischen Palastes frei.2
An diesen Ort königlicher Pracht knüpft sich eine Erinnerung aus den letzten Jahren des Herodes: Sterndeuter aus dem Osten kamen nach Jerusalem und fragten: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ (Matthäus 2,2). Sie suchten den König im Palast des Königs – wo sonst sollte ein König geboren werden? Doch der, den sie suchten, lag nicht hinter diesen Mauern, sondern in Bethlehem. Herodes aber „erschrak, und ganz Jerusalem mit ihm“ (Matthäus 2,3): Der mächtige König fürchtete das neugeborene Kind. Aus dieser Furcht erwuchs der Befehl, die Knaben Bethlehems zu töten (Matthäus 2,16) – der erste Anschlag auf den wahren König.
Nach Herodes’ Tod wurde dieser Palast zur Residenz der römischen Statthalter, wenn sie zu den Festen nach Jerusalem kamen – also auch des Pontius Pilatus, der sonst in Cäsarea am Meer wohnte. Die meisten Forscher sehen heute in diesem Palast das „Prätorium“, 3 in dem Jesus vor Pilatus stand und wo er von den Soldaten gegeißelt und verspottet wurde. An der Westseite des Palastes, in der Nähe des heutigen Jaffo-Tores, entdeckte der israelische Archäologe Magen Broshi4 in den 1970er Jahren die Überreste eines Steinpflasters („auf Hebräisch Gabbata“, vgl. Johannes 19,13) und eines erhöhten Platzes, der als Richtplatz identifiziert werden kann, an dem Pilatus das Todesurteil Jesu besiegelte.
Im Palast des Königs Herodes, der einst den neugeborenen König hatte töten wollen, wurde dieser König nun mit einer Dornenkrone und einem Purpurmantel verspottet und schließlich zum Tod verurteilt. Pilatus ließ am Kreuz über dem Kopf von Jesus ein Schild mit der Aufschrift „König der Juden“ anbringen. Was als Hohn gemeint war, war jedoch die Wahrheit: Dieser Geschundene war ein König. Nicht nur ein König der Juden, sondern der König aller Könige und Herr aller Herren. Hier, am Ort irdischer Königspracht wurde er zum Tode verurteilt.
Fußnoten
- Josephus, Jüdischer Krieg 5,176–183; vgl. Wikipedia, „Herod’s Palace (Jerusalem)“. ↩
- A. Re’em legte ab 1999 unter dem osmanischen Gefängnis „Kishle“ Fundamente und das Abwassersystem des herodianischen Palastes frei. Vgl. Wikipedia, „Tower of David“ (2026). ↩
- Die meisten Forscher identifizieren den Herodes-Palast (nicht die Antonia) als „Prätorium“ des Prozesses. Magness, The Archaeology of the Holy Land, S. 158–159; Gibson, The Final Days of Jesus / The World of Jesus and the Early Church. Vgl. Wikipedia, „Praetorium“. ↩
- Siehe Shimon Gibson, Final Days of Jesus. Zitiert in https://youtu.be/nKJ6GPvNUgc ↩
