Golgatha

Jerusalem-Modell

Golgatha

Unter der heutigen Grabeskirche liegt ein ausgedehnter Steinbruch von rund 250 mal 150 Metern. Aus seinem weißen Kalkstein (Meleke) brachen die Steinmetze vom 8. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. das Baumaterial für die Bauten Jerusalems. Zur Zeit Jesu war der Bruch längst stillgelegt und diente als Garten- und Grabgelände.1 An einer Stelle aber war der Fels rissig und weich, zum Bauen untauglich; ihn ließen die Steinmetze stehen. So blieb mitten im Steinbruch ein heller Felshügel zurück – „der Stein, den die Bauleute verworfen haben“ (Psalm 118,22). Möglicherweise erinnerte die Form des Felsens an einen Schädel.2

Der Steinbruch lag außerhalb der Stadtmauer, jenseits des „zweiten Mauerrings“ beim Gennath-Tor, an einer vielbegangenen Straße. (Gennath bedeutet übrigens Garten.) Eben diesen weithin sichtbaren Hügel machten die Römer zur Hinrichtungsstätte – hier kreuzigten sie ihre Verurteilten, der Menge zur Abschreckung.

Über dem Kreuz stand die Aufschrift „Jesus von Nazareth, der König der Juden“ (Johannes 19,19–20); die Soldaten verteilten seine Kleider und warfen das Los um sein Untergewand (Psalm 22,19; Johannes 19,23–24).3

Während die Soldaten Jesus ans Kreuz schlugen, begannen drüben im Tempel die Priester mit dem feierlichen Morgenopfer – und er starb, während ein Priester mit dem Abendopfer den Opferbetrieb abschloss.4 So starb das wahre Lamm Gottes „außerhalb des Lagers“ (Hebräer 13,12) zur selben Zeit, in der drinnen die Opfertiere brannten.

Nach seiner Stilllegung legten die Bewohner Jerusalems in den Wänden des Steinbruchs Gräber an und nutzten den Grund als Garten. Eines dieser Gräber, von einem Garten umgeben, gehörte Joseph von Arimathia (vgl. Johannes 19,41). Tatsächlich stießen Archäologen bei den jüngsten Grabungen unter der Kirche auf Spuren von Garten- und Ackerbau aus jener Zeit.5

Etwa hundert Jahre nach der Auferstehung ließ Kaiser Hadrian den Steinbruch zuschütten und über dem Hügel einen Götzentempel errichten; rund zweihundert Jahre später trug Kaiser Konstantin diesen ab und baute – nachdem seine Mutter Helena den Ort bezeichnet hatte – die erste Grabeskirche.6

So ist gerade der verworfene Stein in die Mitte gerückt. Auf dem Felsen, den die Steinmetze als untauglich für den Bau normaler Häuser beiseitewarfen, wurde der erhöht, den die Menschen verwarfen – und der doch der Eckstein ist, auf dem das geistliche Haus Gottes ruht, und zu dem wir alle eingeladen sind: „Da ihr zu ihm gekommen seid, zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist, so lasst auch ihr euch nun als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus, als ein heiliges Priestertum, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. Darum steht auch in der Schrift: »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein, und wer an ihn glaubt, soll nicht zuschanden werden«. Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die aber, die sich weigern zu glauben, gilt: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, gerade der ist zum Eckstein geworden«, ein »Stein des Anstoßes« und ein »Fels des Ärgernisses«.“ (1. Petrus 2,4-8a).

Fußnoten

  1. Antiker Steinbruch (ca. 250 × 150 m) unter der Grabeskirche, aus dem über Jahrhunderte Meleke-Kalkstein gebrochen wurde. Vgl. Custodia Terrae Sanctae; Wikipedia, „Church of the Holy Sepulchre“.
  2. Der Name „Golgatha“ (aram. Gulgolta „Schädel“; lat. Calvaria) wird auf die schädelartige Form oder auf die Richtstätte zurückgeführt („Ort der Schädel“).
  3. Der Steinbruch lag außerhalb der Stadtmauer, jenseits des „zweiten Mauerrings“ (Gennath-Tor); erst Agrippa I. (41–44 n. Chr.) bezog das Gelände in die Stadt ein. Vgl. Roger Liebi, Der Messias im Tempel, CLV 2021, S. 294.
  4. Nach den Evangelien wurde Jesus „um die dritte Stunde“ (ca. 9 Uhr) gekreuzigt (Markus 15,25) und starb „um die neunte Stunde“ (ca. 15 Uhr; Markus 15,34–37 par.) – den beiden Zeiten des täglichen Tamid-Opfers. Das nachmittägliche Opfer wurde nach Mischna, Pesachim 5,1 „um achteinhalb geschlachtet und um neuneinhalb dargebracht“ (ca. 14:30/15:30 Uhr). Vgl. Roger Liebi, Der Messias im Tempel, CLV 2021, S. 587 f.
  5. Die jüngsten Grabungen (Sapienza-Universität Rom, seit 2022) wiesen unter der Kirche Spuren von Garten- und Ackerbau (Reben, Ölbäume) nach; in die Steinbruchwände waren Grabkammern (Kokim) gehauen. Vgl. Custodia Terrae Sanctae (2025).
  6. Um 135 n. Chr. überbaute Hadrian den Ort (Aelia Capitolina); um 326–335 ließ Konstantin die erste Grabeskirche errichten. Vgl. Wikipedia, „Church of the Holy Sepulchre“.