Orienttafel, Artefakt 18

- Bezeichnung
- Babylonische Chronik ABC 5 (bei Grayson); auch „Jerusalem-Chronik“ genannt
- Material
- Ton, akkadische Keilschrift
- Berichtszeitraum
- 605–594 v. Chr. (die ersten Regierungsjahre Nebukadnezars II.)
- Standort
- British Museum, London (BM 21946)
Eine Chronik wird zum historischen Fixpunkt
Die sogenannte Nebukadnezar-Chronik, in der Forschung meist als Babylonische Chronik ABC 5 bezeichnet, gehört zu den wichtigsten außerbiblischen Quellen für die ersten Regierungsjahre Nebukadnezars II. Sie ist ein babylonischer historiographischer Chroniktext und keine bloße Verwaltungsnotiz.
Im Unterschied zu vielen königlichen Prunkinschriften sind die babylonischen Chroniken meist knapp und wenig triumphal formuliert. Gerade deshalb sind sie für die Geschichtsschreibung besonders wertvoll. Dennoch bleiben sie selektive antike Darstellungen und sind nicht mit einer modernen, neutralen Protokollierung gleichzusetzen.
Von Karkemisch nach Juda
Die Chronik beginnt mit der Schlacht bei Karkemisch im Jahr 605 v. Chr., nach der Babylon zur dominierenden Macht im Westen wurde. Dieser geopolitische Hintergrund gehört in dieselbe Zeit, in der die biblischen Texte Nebukadnezars erste Eingriffe in Juda einordnen.
Präzisierung: ABC 5 selbst erwähnt für das Jahr 605 weder Jerusalem noch eine Deportation aus Juda. 2. Könige 24,1 berichtet von Jojakims Unterwerfung unter Nebukadnezar; Daniel 1 ordnet Nebukadnezars Auftreten gegen Jerusalem ebenfalls in diese frühe Phase ein.
Jerusalem fällt 597 v. Chr.
Für Nebukadnezars siebtes Regierungsjahr berichtet die Chronik, dass der babylonische König gegen die „Stadt Juda“ zog, sie belagerte und einnahm. Der dortige König wurde gefangen genommen; anschließend setzte Nebukadnezar einen König seiner Wahl ein und nahm schweren Tribut mit nach Babylon.
Der babylonische Text datiert die Einnahme auf den 2. Adar. Dieses Datum wird gewöhnlich auf den 16. März 597 v. Chr. umgerechnet. Damit besitzen wir für den Fall Jerusalems eine außergewöhnlich genaue Tagesdatierung.
Vergleich mit 2. Könige 24
| 2. Könige 24 | Babylonische Chronik | Bewertung |
|---|---|---|
| Nebukadnezar zieht gegen Jerusalem. | Nebukadnezar zieht gegen die „Stadt Juda“. | Direkte historische Entsprechung |
| Jojachin gerät in babylonische Hand. | Der König der Stadt wird gefangen genommen. | Sehr starke Übereinstimmung |
| Zedekia wird als neuer König eingesetzt. | Nebukadnezar setzt einen König seiner Wahl ein. | Sehr starke Übereinstimmung |
| Tempel- und Palastschätze werden weggeführt. | Die Chronik nennt schweren Tribut. | Gute Korrelation hinsichtlich materieller Abgaben; die Chronik spezifiziert die Herkunft des Tributs nicht. |
| Ein großer Teil der Bevölkerung wird deportiert. | ABC 5 nennt an dieser Stelle keine umfangreiche Bevölkerungsdeportation. | In der Chronik nicht ausdrücklich angegeben. |
| Die Namen Jojachin und Zedekia werden genannt. | ABC 5 nennt die beiden Könige nicht mit Namen. | Die Identifikation ergibt sich aus dem historischen Synchronismus. |
Die Grundfolge ist außerordentlich ähnlich: Feldzug → Belagerung und Einnahme → Gefangennahme des Königs → Einsetzung eines neuen Königs → Tribut → Rückkehr nach Babylon.
Das 7. und das 8. Regierungsjahr
ABC 5 setzt die Einnahme Jerusalems in Nebukadnezars 7. Regierungsjahr, während 2. Könige 24,12 sein 8. Jahr nennt. Diese Differenz wird häufig mit unterschiedlichen Systemen der Regierungsjahrzählung erklärt. In Babylon wurde das Thronbesteigungsjahr als „Antrittsjahr“ gesondert behandelt; biblische Angaben können anders zählen.
Bemerkenswert ist, dass Jeremia 52,28 ebenfalls Nebukadnezars 7. Jahr im Zusammenhang mit einer judäischen Wegführung nennt. Die genaue Erklärung der unterschiedlichen biblischen Zählungen ist in der Forschung diskutiert. Dass ABC 5 und 2. Könige 24 denselben Fall Jerusalems im Jahr 597 v. Chr. beschreiben, ist davon unabhängig sehr gut gesichert.
Ein Name aus Babylon: die Jojachin-Tafeln
Eine weitere bemerkenswerte Verbindung zur biblischen Überlieferung liefern die sogenannten Jojachin-Rationstäfelchen aus Babylon. Auf ihnen erscheint Jojachin als „König von Juda“, zusammen mit Angehörigen seines Umfeldes und in Verbindung mit Rationen aus dem königlichen Bereich.
Die Tafeln bestätigen damit Jojachins Anwesenheit in Babylon, seinen Titel „König von Juda“, seine Söhne und die Zuteilung königlicher Rationen. Nicht bezeugen sie hingegen seine spätere Freilassung und Erhöhung unter Amel-Marduk (Ewil-Merodach), von der 2. Könige 25,27–30 berichtet – dieses Ereignis fällt in eine spätere Zeit. Chronik und Rationstäfelchen bezeugen also übereinstimmend die Gefangenschaft Jojachins in Babylon.
Historische Bedeutung
Die Nebukadnezar-Chronik liefert eine außergewöhnlich enge außerbiblische Parallele zu 2. Könige 24. Ein babylonischer historiographischer Text und die biblische Darstellung stimmen in den entscheidenden historischen Eckpunkten überein: Nebukadnezars Feldzug gegen Jerusalem, die Einnahme der Stadt, die Gefangennahme ihres Königs, die Einsetzung eines neuen Herrschers und die Abführung erheblicher Beute bzw. Tribute.
Gerade die Datierung auf den 2. Adar des siebten Regierungsjahres Nebukadnezars macht den Text zu einem wichtigen Fixpunkt für die Chronologie der späten Königszeit Judas.
Quellen
- Aufbewahrung: The British Museum, London (BM 21946; ABC 5 bei Grayson).
- Erstedition: D. J. Wiseman, Chronicles of Chaldaean Kings (626–556 B.C.) in the British Museum (London 1956) – dort als „Jerusalem-Chronik“.
- Textausgabe: A. K. Grayson, Assyrian and Babylonian Chronicles (ABC 5).
- Jojachin-Rationstäfelchen: Vorderasiatisches Museum Berlin; ediert von E. F. Weidner (1939).
- Bibelstellen: 2. Könige 24,1.10–17; 25,27–30; Jeremia 52,28; Daniel 1,1–2.
